Mehr als 40.000 Migranten überqueren Grenze zu Spanien: Premier Sanchez spricht von einem „Angriff“ - Kritik an Migrationspolitik
Zehntausende Migranten haben innerhalb von 24 Stunden bis Freitagmorgen die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta überquert. Insgesamt 27 Migranten sollen beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben gekommen sein, berichtet die spanische Zeitung „El Pais“. Zu der genauen Anzahl der Menschen, die die Grenze überquert haben sollen, unterscheiden sich die Angaben. Die Nachrichtenagentur AFP spricht von rund 40.000 Menschen. Reuters beziffert die Zahl unter Berufung auf den spanischen Innenminister Fernando Grande-Marlaska auf rund 49.000 Menschen. Ceuta hat regulär knapp 84.000 Einwohner. Die Regierung in Madrid hatte nach einem Ansturm von Migranten auf die spanische Nordafrika-Exklave zur Unterstützung der örtlichen Polizei in Ceuta das Militär geschickt. Zudem griffen die Unruhen auf die zweite spanische Exklave Melilla über. Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta, teilte das Innenministerium am späten Donnerstagabend mit. Ministerpräsident Pedro Sanchez ist Freitag gemeinsam mit Innenminister Grande-Marlaska am Grenzübergang Tarajal eingetroffen, um sich mit Sicherheitskräften und lokalen Behörden zu beraten. Dort sagte Sanchez laut „El Pais“: „Was gestern geschah, war ein Angriff, eine Verletzung der territorialen Integrität Spaniens.“ Zuvor waren zahlreiche Menschen aus Marokko in die Stadt gelangt und hatten die spanische Polizeibehörde Guardia Civil überrannt. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Hunderte Migranten mit Schwimmreifen über das Meer kamen oder Tore im Grenzzaun durchbrachen. Marokkanische Behörden setzten in der Grenzstadt Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern. Die Geschehnisse im Video: „Die ganze Nacht über gab es einen stetigen Zustrom von Menschen“, hieß es laut der Nachrichtenagentur AFP aus Polizeikreisen. Obwohl die Zahl der Ankommenden geringer gewesen sei als tagsüber, seien Migranten „auch über Nacht weiter angekommen“. Auch am Freitagmorgen kämen weiter Migranten in der spanischen Exklave an. Derweil berichten spanische Medien, dass gleichzeitig Hunderte Migranten Ceuta über den Grenzdeich wieder zu verlassen suchten. An der Grenze käme es zu „gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen einige Gruppen versuchen, den Zaun zu durchbrechen, und Steine auf die in der Gegend stationierten Sicherheitskräfte werfen“, schreibt der spanische öffentlich-rechtliche Sender RTVE. Tausende Menschen, überwiegend junge Männer, aber auch Familien mit Kindern, suchten Zuflucht in den nahegelegenen Hügeln. Ceuta lässt Notstand ausrufen Die Lage in Ceuta ist nach wie vor angespannt, viele Geschäfte sind seit Donnerstag geschlossen. Ladenbesitzer organisierten sich nach eigenen Angaben, um ihr Eigentum zu schützen, da sie die Polizeikräfte für unzureichend hielten. Der Regierungschef von Ceuta, Juan Jesus Vivas, hatte die Zentralregierung zuvor aufgefordert, den Notstand auszurufen und die Armee einzusetzen. Ministerpräsident Sanchez erklärte auf der Online-Plattform X, seine Regierung konzentriere sich voll und ganz darauf, so schnell wie möglich wieder Normalität herzustellen. Hunderte Migranten gelangen auch in zweite spanische Exklave Auch in Melilla kam es am Grenzübergang Beni Ansar zu Zusammenstößen. Nach Angaben der marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte wurden dort mindestens drei Fahrzeuge in Brand gesetzt, zudem gab es Verletzte unter Migranten und Sicherheitskräften. Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge von Marokko aus auf dem Landweg und über einen Damm im Süden der Stadt in das Gebiet gelangt, sagte der Präsident der autonomen Stadt, Juan José Imbroda, dem Radiosender Cope am Donnerstagabend. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage unter Kontrolle gehalten. Migration befeuert Debatte in Spanien Die Ereignisse heizen die politische Debatte in Spanien weiter an. Die sozialistische Regierung hatte kürzlich ein Programm gestartet, um rund 500.000 Migranten ohne Papiere einen legalen Status zu verschaffen. Rechte Parteien machten Sanchez daraufhin für die Eskalation verantwortlich. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei (PP) sprach von einer Gefahr für die nationale Sicherheit. Auch international mehren sich die Stimmen, die Spaniens Einwanderungspolitik für den Ansturm verantwortlich machen. So schrieb Manfred Weber, Vorsitzender der konservativen EVP-Fraktion im Europäischen Parlament: „Die verheerenden Bilder sind die direkte Folge des Anziehungsfaktors einer massiven Legalisierung in Verbindung mit der Instrumentalisierung der illegalen Migration.“ Er rief die spanische Regierung auf, „unsere gemeinsamen Außengrenzen zu schützen“. Italien fordert Spaniens Ausschluss aus Schengen-Raum Auch der italienische Außenminister Antonio Tajani kritisierte auf der Plattform X, die Bilder aus Ceuta zeigten, dass Sanchez’ Migrationspolitik verfehlt sei. Die Regierung in Madrid wies dies zurück. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte gar den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum. Die Bilder aus Ceuta nannte Meloni „schockierend“. „Italien wird nicht tatenlos zusehen“, kündigte sie an. „Wir sind bereit zu handeln, auch durch außergewöhnliche Maßnahmen – wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien.“ Im Schengen-Raum finden an den Grenzen in der Regel keine systematischen Personenkontrollen statt. Auch Finnland hat sich offenbar Italiens Forderung angeschlossen, berichtet „El Pais“. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez erklärte am Freitag, er habe Anweisungen erteilt, „die Kontrollen an der spanischen Grenze unverzüglich zu verstärken“. Der schwedische Ministerpräsident Ulf Kristersson wiederum betonte, dass die spanischen Behörden „die Kontrolle über die Situation zurückgewinnen“ müssten. Seine Regierung sei bereit, Maßnahmen zu ergreifen, sollte sich die Lage verschärfen. Hintergrund des sprunghaften Anstiegs ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens von Anfang des Monats. Demnach dürfen Migranten, die über einen Grenzzaun nach Ceuta oder in die andere spanische Nordafrika-Exklave Melilla abgefangen werden, nicht umgehend wieder zurückgeschickt werden. Seitdem habe es einen stetigen Zustrom gegeben, am Donnerstag sei es jedoch zu einer „Explosion“ gekommen, sagte ein Sprecher der Guardia Civil. Das Innenministerium machte Schlepperbanden dafür verantwortlich, das Urteil auszunutzen. Es kündigte an, illegal Eingereiste umgehend abzuschieben. Eine Stellungnahme des marokkanischen Innenministeriums lag zunächst nicht vor. Setzte Marokko die Grenzkontrollen aus? Es gibt allerdings auch Stimmen, die auf eine andere mögliche Erklärung hinweisen. Denn die Ereignisse wecken Erinnerungen an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Jugendliche aus Marokko und Ländern südlich der Sahara die Exklave erreichten. Damals befanden sich Spanien und Marokko in einer diplomatischen Krise, nachdem Madrid Brahim Ghali, den Anführer der Polisario, der Front der Sahrauis, die für die Unabhängigkeit der von Marokko beanspruchten Westsahara kämpft, zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte. Marokko hatte daraufhin die Grenzkontrollen ausgesetzt. So schreibt die italienische Zeitung „La Repubblica“, im gesamten Jahr 2025 sei es lediglich sechs illegalen Migranten gelungen, Ceuta zu erreichen, und vom Beginn dieses Jahres bis zum vergangenen 15. Juli keinem einzigen. „Wenn die Ankünfte nun wieder eingesetzt haben, dann deshalb, weil (…) die Kontrollen auf marokkanischer Seite in den vergangenen Tagen gelockert worden sein sollen, wie verschiedene spanische Medien berichten.“ Als möglichen Grund führt die Zeitung an, dass Sánchez am 20. Juli Algerien besucht hatte, den Rivalen Marokkos und langjährigen Unterstützer der Polisario. „War dies aus Sicht Rabats eine Provokation? Madrid weist diese Möglichkeit zurück.“ Ceuta bildet zusammen mit Melilla die einzige Landgrenze der Europäischen Union zum afrikanischen Kontinent. In beiden Städten kommt es immer wieder zu Versuchen von Migranten, auf diesem Weg in die EU einzureisen. (Reuters, AFP, Tsp) Korrektur: Zunächst stand im Text, neun Menschen seien beim Versuch, die Landgrenze zu überqueren, gestorben. Offenbar starben die Menschen aber im Wasser. Zudem wurde der Begriff „Enklave“ in „Exklave“ korrigiert.