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Mehr Hitze und mehr Klima-Skeptiker: Wie kann das sein?

Wissenschaft

Es klingt ernst: Klimawandelskepsis sei keine auf eine kleine, laute Minderheit beschränkte Erscheinung mehr. Sondern etwas, das „vielmehr ein Massenphänomen darstellt“, schreiben Forschende der Europa-Universität Flensburg in der im Fachmagazin Global Environmental Change veröffentlichten Untersuchung. Zwischen den Jahren 2022 und 2023 stieg demnach die skeptische Einstellung zum Klimawandel bei der Mehrheit der 3074 befragten Personen sprunghaft an: 59 Prozent äußerten 2023 mehr Zweifel als im Vorjahr. Immer rechter, immer unzufriedener Die Befragten antworteten auf 14 Fragen zu Einstellungen zum Klimawandel, dessen Folgen und klimapolitischen Maßnahmen. Der Anstieg der Skepsis, so schreiben die Forschenden, lasse sich weniger mit der individuellen ökonomischen Lage der befragten Menschen erklären. Ausschlaggebend seien vielmehr andere Faktoren: eine rechte politische Orientierung, Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und eine Unzufriedenheit mit der Demokratie. Die Sozialpsychologin Marlene Altenmüller findet die Publikation aus Flensburg zwar wichtig und spannend, aber stört sich etwas am alarmierenden Ton. Andere Untersuchungen zeigten, „dass die Zahl derjenigen, die Zweifel haben, immer noch sehr gering ist“, sagt die Juniorprofessorin am Leibniz-Institut für Psychologie in Trier. Hier forscht sie zur Wissenschaftsrezeption – also dazu, wie Menschen wissenschaftliche Beweise wahrnehmen und über das Wissenschaftssystem und Forschende denken. ANZEIGE ANZEIGE Es gebe in Deutschland keinen grundsätzlichen Zweifel an wissenschaftlicher Evidenz, so Altenmüller. Vielmehr komme es auf das Thema an und darauf, wie die Gruppe, der Menschen sich zugehörig fühlen, auf das Thema blickt. „Party over policy“ Ihre Arbeit und auch die vieler anderer Forschenden zeigt ebenfalls, dass politisch rechts orientierte Menschen stärkere Zweifel in Bezug auf den Klimawandel haben. „Würden rechte Parteien plötzlich entdecken, dass man doch was gegen den Klimawandel tun sollte, würde ich davon ausgehen, dass auch die Anhänger dieser Parteien an den Klimawandel glauben und politische Maßnahmen unterstützen würden“, sagt Altenmüller. Sie führt das nicht auf eine andersartige Persönlichkeitsstruktur dieser Menschen zurück, sondern darauf, dass „man sich an seiner Gruppe und deren Identität orientiert“. Der Inhalt sei zweitrangig. „Party over policy“, nennt Altenmüller das. Dem zugrunde liegt etwas, das Psychologen als motivierte Rezeption bezeichnen: Menschen sehen die Welt immer durch die Brille der eigenen Wünsche, Vorstellungen, Werte und politischen Ideologien. Etwas, das nicht in Einklang mit den eigenen Vorstellungen und Werten zu bringen ist, werde eher abgewertet, sagt Altenmüller. Ihre Forschung hat gezeigt: Wir alle sind anfällig dafür, die Welt durch die eigenen Filter wahrzunehmen. Das bedeutet umgekehrt: Entscheidend ist, in welcher Gruppe wir uns aufhalten. „Wie genau man in welcher Gruppe landet, ist ein sehr, sehr komplexer Prozess“, sagt Altenmüller. Es hängt vom Ort der Sozialisierung, Eltern und Freunden ab. Schließlich von den Sozialen Medien, deren Algorithmus sich an dem orientiert, was wir am liebsten konsumieren. Ein sich „selbst verstärkender Prozess“, sagt Altenmüller. „Kurzfristiger psychologischer Trost“ Klimawandelskepsis kommt in unterschiedlichen Gewändern daher, das betonen nicht nur die Forschenden der Europa Universität in Flensburg, sondern auch Marlene Altenmüller. Klimapolitische Maßnahmen abzulehnen, ist eine Form. Grundlage dafür können die Annahmen sein, dass es so schlimm schon nicht sein wird oder die menschengemachten Ursachen angezweifelt werden. Eine andere ist der Glaube, die gesamte Erzählung vom Klimawandel sei ein Schwindel, eine Verschwörung. Mit letzterem befasst sich Stephan Lewandowsky, Professor für Kognitionswissenschaften an den Universitäten Bristol und Potsdam. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit der Hartnäckigkeit von Fehlinformationen und Verschwörungserzählungen. Er interessiert sich für die Parameter, die bestimmen, ob Menschen wissenschaftliche Beweise ablehnen oder akzeptieren, speziell im Zusammenhang mit Impfungen und dem Klimawandel. Sein Fazit: „Manche Menschen sind anfälliger für Verschwörungstheorien als andere. Das gilt zum Beispiel für Menschen, die von Natur aus misstrauisch sind.“ Die Corona-Pandemie habe das deutlich gemacht. Für manche Menschen seien Verschwörungserzählungen, in denen jemandem die Schuld für eine Situation gegeben wird, eine willkommene Möglichkeit, vor Gefühlen wie Angst und Kontrollverlust zu fliehen. „Das bietet einen kurzfristigen psychologischen Trost“, sagt Lewandowsky. Für manche sei es leichter zu akzeptieren, dass böse Menschen böse Dinge tun, als die Zufälligkeit eines erschütternden Geschehens hinzunehmen. Der vorübergehende Komfort durch die Schuldzuweisung halte allerdings nicht lange, sagt Lewandowsky. „Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Menschen, die in diesen Strudel geraten, langfristig leiden. Sie behalten ihren Arbeitsplatz seltener. Sie verlieren soziale Kontakte. Sie werden psychisch beeinträchtigt.“ Warum Klimaskepsis in Indien kaum eine Rolle spielt Klimaskepsis oder -verschwörungserzählungen sind dabei ein westliches Phänomen. Forschende beobachten es in den USA, Europa und Australien. Nicht aber im globalen Süden. In Indien zum Beispiel. Vielleicht, weil man sich Skepsis leisten können muss. In Indien und anderen Ländern des globalen Südens ist der Klimawandel längst eine Frage des täglichen Überlebens. „In Indien [..] haben viele Menschen nach wie vor keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser“, sagt Jagadesh Thaker. Er forscht an der University of Queensland in Australien zur Kommunikation zum Klimawandel. Ihn interessiert, wie Menschen über den Klimawandel sprechen und ihn wahrnehmen – auf globaler Ebene, speziell aber auch in Indien. Dass der Klimawandel mit zunehmender Hitze und anderen Extremwettereignissen das Problem verschärfe, spüren die Menschen seit vielen Jahren am eigenen Leib. Entsprechend sind auch Maßnahmen zur Emissionsreduktion und Anpassung an die sich verändernden Lebensbedingungen keine Frage der politischen Ideologie und Weltanschauung. In Indien gehe es darum, der eigenen Verletzlichkeit durch den Klimawandel entgegenzuwirken und sich trotzdem wirtschaftlich weiterzuentwickeln, so Thaker. „Irgendwann spielen persönliche Erfahrungen eine Rolle“ Hitze und andere Extremwetterereignisse bedrohen die menschliche Gesundheit, wie die erste Hitzewelle des Jahres Ende Juni in Deutschland gezeigt hat. Sie kosten auch enorm viel Geld. Die Flensburger Autoren mahnen deshalb an, die Skepsis ernst zu nehmen, um Klimaschutzmaßnahmen erfolgreich in der Gesellschaft verankern zu können. Für Jagadesh Thaker spielen die Medien eine entscheidende Rolle. In Indien fehle es Aufklärung und Verständnis dafür, welche Auswirkungen der Klimawandel haben kann. „Die Berichterstattung in den Medien über extreme Wetterereignisse ist zwar umfangreich und dramatisch, doch leider wird dabei der Klimawandel nicht erwähnt.“ Marlene Altenmüller sagt, es sei wichtig, immer wieder zu betonen: Der anthropogene Klimawandel ist wissenschaftlicher Konsens. Manchmal sei es wichtig, wer das sagt. Aus der Forschung wisse man, dass manche wissenschaftlichen Disziplinen als politisch voreingenommener wahrgenommen werden. Demnach haben Ökonomen bessere Chancen darauf, dass die Botschaft bei einer breiteren Masse ankommt, als Soziologen. Die Werte derjenigen, die skeptisch sind, zu berücksichtigen, könnte der Kommunikation eventuell ebenfalls helfen, sagt Altenmüller. Einige Forschende schlagen zum Beispiel vor, Klimaschutz als Mittel zur Bewahrung der Heimat und der Schöpfung zu betonen. Schließlich gelte es, das Bedürfnis von Autonomie in der Kommunikation über den Klimawandel zu berücksichtigen. Die „Bedrohung von psychologischen Werten wie Autonomie und auch Identität führt dazu, dass Leute wissenschaftliche Evidenz und Maßnahmen, die daraus folgen könnten, ablehnen“, sagt Altenmüller. Konkret heißt das, in der Kommunikation nicht nur die notwendigen Einschränkungen durch politische Maßnahmen zu betonen, sondern auch die daraus erwachsenden Möglichkeiten. Menschen, die Extremwetterereignisse am eigenen Leib erleben, fällt dieser Perspektivwechsel wahrscheinlich leichter. Stephan Lewandowsky hofft, dass dieser Sommer in Europa mit seiner Hitze und Waldbränden ungekannten Ausmaßes einen Unterschied macht: „Irgendwann spielen die persönlichen Erfahrungen der Menschen eine Rolle.“ Von Julia Vergin +++ Keine Klima-News mehr verpassen – abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal +++

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