Meisterwerk "Die Odyssee" von Christopher Nolan? Verpassen verboten!
Die Spannung war kaum mehr zu ertragen, das Warten auf Christopher Nolans Version der "Odyssee" fühlte sich wie Jahre an. Haben sich all die Vorfreude und die endlosen Diskussionen gelohnt? Eine Kritik von Doreen Hinrichs Diese Kritik stellt die Sicht von Doreen Hinrichs dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Mit fast drei Stunden Laufzeit ist "Die Odyssee" ein echter Brocken – auch wenn Nolans letztes Werk "Oppenheimer" sogar einige Minuten länger ist. Aber es gibt ja auch einiges zu erzählen, schließlich währte die von Homer verfasste "Reise des Odysseus" ein Jahrzehnt. Und obwohl trotz laufender Fußball-WM plötzlich alle nicht nur 1a-Bundestrainer, sondern Experten für antike Mythologie, Philologie und Literaturwissenschaft sind, hier eine kurze Erinnerung. Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, möchte nach dem Ende des Trojanischen Krieges, der durch eine List entschieden wurde, die Reise nach Hause antreten. Dort warten seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) auf ihn. Nach zehn Jahren Krieg scheint das nun ein leichtes Vorhaben zu sein, allerdings hat er da noch nicht das Eingreifen der Götter auf dem Plan. Schon einer der ersten Zwischenstopps bringt die Begegnung mit Polyphem, dem Zyklopen. Odysseus und seine Leute stechen dem Riesen das einzige Auge aus und fliehen. Jedoch ist Polyphem der Sohn des Poseidon, den die Crew jetzt gegen sich hat. Neben dem Zorn des Meeresgottes stellen sich weitere herausfordernde und schicksalhafte Begegnungen in Odysseus' Weg. Unter anderem mit der Zauberin Kirke (Samantha Morton), die seine Leute in Schweine verwandelt, oder der Nymphe Kalypso (Charlize Theron), die ihn gleich gar nicht mehr gehen lassen will. Die Fahrt bringt die Seeleute zu den menschenfressenden Laistrygonen, dem sechsköpfigen Ungeheuer Skylla, den verführerischen Sirenen und in das Reich der Toten. Diese Reise ist so fantastisch und gewaltig, dass es nicht verwundert, dass sie seit bald 3.000 Jahren die Menschen fasziniert und als Vater und Mutter aller Heldenreisen und Fantasy-Abenteuer gelten kann. Wenn sich dann auch noch ein detailverliebter Ausnahmeregisseur wie Christopher Nolan des Epos von Homer annimmt, kann eigentlich nur ein Meisterwerk entstehen. Und richtig: "Die Odyssee" braucht null Anlaufzeit. Eigentlich ist man mit dem ersten Ton drin, noch während das Universal-Logo sich über die Leinwand dreht. Ab da ist alles episch. Auch wenn das Wort heutzutage zu Tode genudelt wird – anders lässt sich dieser Film kaum beschreiben. Die Musik von Ludwig Göransson, die Bilder von Kameramann Hoyte van Hoytema, das Produktionsdesign von Ruth De Jong – alles ist gewaltig. Darf's ein bisschen größer sein? Als erster Spielfilm wurde "Die Odyssee" komplett im IMAX-Format gedreht – eine enorme Herausforderung beim Dreh für alle Beteiligten. Die Kameras sind schwer, auf die Filmrollen passen weniger Minuten. Aber das "MAX" steht nicht umsonst für "Maximum". Für das Publikum ist so ein Kinobesuch schlicht umwerfend. Das Bildformat ist größer, die Schärfe höher, der Sound intensiver. "Mittendrin statt nur dabei" ist hier nicht nur ein Werbeversprechen. Leider werden jedoch die meisten von uns nicht in diesen Genuss kommen, zu gering ist die Zahl der IMAX-Kinos (16 in Deutschland). Daher: Geht in das Kino in eurer Nähe mit der besten Ausstattung. Es ist immer ehrenhaft, kleine Häuser zu unterstützen, aber in diesem Fall ist mehr einfach mehr. Dass Nolan, Schöpfer von Filmen wie "Memento" oder "Tenet", die Odyssee nicht linear erzählt, überrascht wohl nicht. In fast jedem Rückblick gibt es einen Rückblick, in jedem Dialog einen szenischen Einschub. Vor, zurück, zur Seite, ran. Doch weil das bei Nolan keine Effekthascherei ist, sondern er ein Meister seines Faches, wirkt der Film trotzdem nicht überladen oder anstrengend. Dazu gelingt es, diese Geschichte voller fantastischer Wesen und Götter schon fast gruselig realistisch darzustellen. Blut, Schweiß, Fäkalien – als Zuschauer ist man quasi mittendrin im Bauch des trojanischen Pferdes. Empfehlungen der Redaktion Langer Trailer zu Christopher Nolans Action-Epos "Die Odyssee" Hinter den Kulissen von "Die Odyssee" Odysseus aus dem Rechner: KI-generierte Konkurrenz zu "Die Odyssee"? Und das ist auf eine Art das Beste an dem Werk: Trotz all der Superlative, trotz der zum Teil vollkommen aus dem Ruder gelaufenen Diskussionen und Gerüchte in den sozialen Medien, ist "Die Odyssee" vor allem ein absolut großartiger Fantasy- und Abenteuerfilm. Drei Stunden beste Unterhaltung, fantastisches Popcorn-Kino, großartige Schauspielerinnen und Schauspieler. Neben dem königlichen Trio glänzen vor allem Robert Pattinson, den man wirklich hassen lernt, als fieser Freier Antinoos und John Leguizamo als blinder Eumaios. Ist es der beste Film des Jahres? Vielleicht. Es ist noch nicht einmal der beste Nolan-Film. Verpassen darf man ihn aber auf gar keinen Fall. Infos zum Film "Die Odyssee” von Christopher Nolan mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Robert Pattinson, Lupita Nyong’o, Zendaya, Charlize Theron und vielen mehr startet am 16. Juli in den Kinos.