Mensch-Maschine: Kraftwerk-Musiker Ralf Hütter wird 80
Anfang der Achtzigerjahre kam es zum letzten großen Bruch der Popmusikgeschichte. Die Maschine übernahm und setzte Impulse in verschiedene Richtungen: In New York wuchs der Hip-Hop aus einer losen Subkultur zum dominanten Stil. In Chicagos Underground-Diskotheken regierte der House, in Detroit der Techno. Es ist kein Zufall, dass alle drei Szenen Sounds über- und Spuren aufnahmen, die in Deutschland gelegt wurden und mal provokativ, mal nostalgisch auf dessen kulturelle und wirtschaftliche Errungenschaften anspielten: auf Fritz Lang, die Autobahn, den Volksempfänger, Elektronik und Radioaktivität. Dass Kraftwerk und ihr Gründer Ralf Hütter zu den meistzitierten deutschen Popmusikern werden würden, war nicht sofort abzusehen. In ihrer ersten Band Organisation zur Verwirklichung gemeinsamer Musikkonzepte deutete nur der Name auf das, was kommen sollte. Denn Kraftwerk waren später mehr ein Konzept als ein Zusammenschluss individueller Musiker – bis hin zum entpersonalisierten Bühnenauftritt von heute. Can-Gründer Irmin Schmidt, in vielem ein Antipode Hütters, brachte es im Gespräch mit der F.A.Z. auf den Punkt: „Ich bewundere das Konzept sehr. Es ist Pop im Warhol’schen Sinne. Oberfläche.“ F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Mit intelligenter Tanzmusik auf die Autobahn Hütter ist kein besonders gesprächiger Mensch – dazu passt, dass in der jüngsten Werbekampagne der F.A.Z. („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) sein Gesicht in verfremdeter Form als Mensch-Maschine zu sehen ist. Seine wenigen Zeitungsinterviews wie mit dem englischen „Guardian“ im Jahr 2009 bringen außer einigen Radfahrer-Anekdoten und Hinweisen auf seine Technikaffinität wenig hervor. Diese beiden Vorlieben und sein Vegetarismus zählen zu den persönlichen Dingen, die man über ihn weiß. Wie drei Gründungsmitglieder von Pink Floyd und sein Bewunderer Chris Lowe von den Pet Shop Boys studierte er Architektur. Dass er und sein langjähriger Mit-Kraftwerker Florian Schneider aus behüteten Familien stammten, dürfte es ihnen erleichtert haben, ans neueste technische Equipment zu kommen. In den Anfangszeiten noch ging es darum, mit Instrumenten eine Musik zu erfinden, die nicht durch Zeit, Raum und zwölf Takte eingehegt war. Ihre von der Band später verschmähten ersten drei Alben sind experimentell, melodisch, repetitiv, organisch. Noch hat die Maschine nicht übernommen. Mitmusiker wie Michael Rother, der aus Kraftwerk heraus Neu! gründete, und Karl Bartos, ab Mitte der Siebziger selbständiger Unternehmer im Kraftwerk-Kosmos, schilderten in ähnlichen Gedanken die Wirkung, mit Hütter zu spielen. „Das war das erste Mal, dass ich mit jemandem Musik machte, Töne austauschte, Melodien hin und her spielte, die nichts mit Blues zu tun hatten“, sagte Rother der F.A.Z. In der Krautrock-Oral-History „Future Sounds“ erzählt Bartos, er habe gedacht: „Mann, der Typ kann ja gar nichts.“ Schon bald aber habe er gewusst, was Hütter gemeint habe. Und blieb. Es brauchte den Umweg über die elektronische Frühphase, die Widerhall in Werken von New-Wave-Künstlern und Musikern der Intelligent Dance Music gefunden hat, um zu dem zu gelangen, was ab „Autobahn“ (1974) passierte. Die Hinwendung zum digitalen Konzept „rauf/runter; vor/zurück; schnell/langsam; laut/leise; linear/vertikal; weich/hart; verdichtet/geöffnet, schön/häßlich, dumpf/hell“, wie es die Band einmal beschrieb, brachte den Kern von Pop hervor. Es ist nicht übertrieben, es eine Revolution zu nennen. Die Alben „Radioaktivität“, „Trans-Europa Express“, „Die Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ haben Stile wie Hip-Hop, Techno, House, Synthpop regelrecht angestoßen, David Bowie ging ihretwegen nach Berlin. Hütter und seine Mitstreiter führten die Popmusik von ihren Blues-Wurzeln weg zu einem universalen elektronischen Sound, der bis zum heutigen Pop-Mainstream dominiert. Die Plattform Whosampled.com listet 1223 Samples, 296 Coverversionen und 62 Remixes von Kraftwerk, knapp unter den Beatles, aber mit einigem Abstand zu James Brown und Michael Jackson. Das ist die Kragenweite. Nach 35 Konzerten in diesem Jahr wird Ralf Hütter an diesem Donnerstag 80 Jahre alt.