„Menschen lagern Bargeld lieber unter Kopfkissen“: Russen heben aus Angst vor staatlicher Beschlagnahmung Milliarden von Banken ab
Viele Russen heben aktuell offenbar vermehrt Ersparnisse von ihren Bankkonten ab, weil sie befürchten, der Kreml könnte Einlagen zur Kriegsfinanzierung beschlagnahmen. Das berichtete die „Washington Post“ am Dienstag unter Berufung auf Angaben der russischen Zentralbank und von hochrangigen russischen Finanzbeamten. Der russischen Zentralbank zufolge wurden allein in den ersten beiden Augustwochen 286,4 Milliarden Rubel (2,91 Milliarden Euro) abgehoben. Im gesamten Juli waren es etwa 6,31 Milliarden Euro, im Juni insgesamt etwa 3,89 Milliarden Euro. Der Finanzvorstand der russischen Sberbank, Taras Skworzow, prognostizierte im Gespräch mit dem US-amerikanischen Medium, dass die Gesamtabhebungen in diesem Jahr fast doppelt so hoch ausfallen könnten wie im ersten Jahr der großangelegten Invasion Russlands in der Ukraine. Bereits jetzt schon übersteige die Summe aller abgehobenen Gelder dieses Jahres die rund zwei Billionen Rubel, welche im ersten Jahr nach der Invasion im Februar 2022 abgehoben wurden. Skworzow zufolge versuchen große Unternehmen aus Angst vor möglichen Beschlagnahmungen, ihr Geld außerhalb der Reichweite der russischen Aufsichtsbehörden in Sicherheit zu bringen. „Jeden Monat gibt es einen großen Abfluss“, betonte der Experte und ergänzte: „Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird sich die Lage nicht verbessern.“ Russlands Banken könnten Liquiditätsprobleme bekommen Skworzow und ein hochrangiger russischer Ex-Finanzbeamter berichteten der „Washington Post“, dass die massenhaften Auszahlungen zu einer Überlastung des ohnehin schon angespannten russischen Finanzsektors und zu Liquiditätsproblemen bei den Banken führen. Der ehemalige Finanzbeamte erläuterte: „Drohnen fliegen. Gebäude brennen nieder. Die Nervosität wächst. Und vielleicht beginnt sich bei den Menschen allmählich die Erkenntnis durchzusetzen, dass sie ihr Bargeld lieber unter ihrem Kopfkissen lagern sollten und nicht auf Banken, von denen sie es möglicherweise nie wieder zurückbekommen.“ Er betonte: „Für manche Banken ist das wirklich ein Problem. Sie haben mit so etwas nicht gerechnet und das gesamte Bargeld anderweitig angelegt.“ Die Wirtschaftsexpertin vom Carnegie-Zentrum in Berlin, Alexandra Prokopenko, sagte der „Washington Post“: „Das bedeutet, dass die Menschen kein Vertrauen mehr in das russische Bankensystem oder das russische Finanzsystem haben.“ Die Abhebungen seien demnach eine „Folge der Befürchtung, dass die Regierung Maßnahmen im Bankensystem ergreifen und Einlagen verstaatlichen könnte“. Zwar halte Prokopenko eine solche Verstaatlichung für unwahrscheinlich, allerdings wollte sie nicht gänzlich ausschließen, dass „die Behörden Beschränkungen für Abhebungen verhängen könnten“. Moskauer Top-Ökonom nach Kritik entlassen Erst Anfang der Woche hatte Russlands Staatsmedium TASS vermeldet, dass der Moskauer Top-Ökonom Andrej Klepatsch seinen Chefposten bei der staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF verloren habe. Kurz zuvor war der 67-Jährige mit Äußerungen zitiert worden, nach denen es für Russland unmöglich sei, den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Bei einem Vortrag auf einem Finanzforum am 21. Mai zeigte sich der Ökonom überzeugt, dass Russland auf eine Krise zusteuere. Der Experte prognostizierte in Anbetracht steigender Kosten: „In diesem Abnutzungskrieg werden wir den Wettbewerb nicht gewinnen.“ Sein Land ziehe „sowohl im technologischen als auch im wirtschaftlichen Wettbewerb weltweit“ den Kürzeren.