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Menschenhandel: „Jeder hat unter den Augen seiner Gefährten sexuellen Umgang mit einer Sklavin“

Welt

Audioplayer wird geladen Anzeige Im 10. Jahrhundert berichten arabische Autoren von einer „neuen Stadt“ östlich des Aralsees, über die zahlreiche Luxusgüter in die muslimische Welt gelangten: Pelze, Tierfelle, Honig, Wachs, Zahnelfenbein von Wal und Walross sowie Sklaven, zählt der Gelehrte al-Muquadassi in seiner Geografie des Wissens auf. Diese auf Türkisch Dzhankent oder Jankent genannte Stadt, berichten andere, sei die Kapitale der Oghusen gewesen, eines nomadisch lebenden Turkvolkes, das im heutigen Grenzgebiet zwischen Kasachstan, Usbekistan und Russland seine Weidegebiete hatte. Seit Reisende im 19. Jahrhundert im Mündungsdelta des Syrdarja, damals etwa 25 Kilometer vom Aralsee entfernt, auf Ruinen stießen, wurden diese mit Dzhankent identifiziert. Seit 2011 haben Wissenschaftler der Universität Tübingen und der Korkyt-Ata Kyzylorda University Kasachstan mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Wenner-Gren Foundation in den Ruinen gegraben. Zusammen mit der Grabungsleiterin Irina Arzhantseva und weiteren Forschern hat der Archäologe Heinrich Härke jetzt in der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“ eine Bilanz gezogen. Danach war Dzhankent keine Hauptstadt mit prächtigen Palästen, sondern ein Knotenpunkt des Menschenhandels. Anzeige Bei ihren Arbeiten bei bis zu 40 Grad Celsius entdeckte das Team bald, dass unter der „neuen Stadt“ eine „alte“ liegt. „Dzhankent I“ wird auf das 6./7. Jahrhundert datiert und der Dzhety-asar-Kultur zugeordnet. Wie zahlreiche Fischgräten und Schuppen belegen, handelte es sich um eine Fischersiedlung unweit des Aralsees, der damals ungleich mehr Wasser führte, als ihm heute durch die Umweltkatastrophe seit den 1960er-Jahren geblieben ist. Keramikfunde deuten auf Kontakte zu den Zentren in Choresmien, einer Landschaft im Nordosten des Iran. Im 8. Jahrhundert kam es in der Steppe zu großen Veränderungen. Verlagerungen der Flussläufe von Syrdarja und Kuandarja zerstörten die Bewässerungsanlagen für den Feldbau, zugleich erschien mit den Oghusen eine neue Macht in der Region. Nach einem Großbrand, dem die alte Siedlung weitgehend zum Opfer fiel, wurde Dzhankent neu aufgebaut, „als befestigte Planstadt nach choresmischem Muster“, schreiben die Autoren. Tonscherben zeigen, dass der iranische Einfluss bereits zuvor stärker geworden war. Anzeige Einen Grund dafür sehen die Forscher in der Etablierung einer neuen Trasse der Seidenstraße. Von diesem interkontinentalen Straßennetz, das die chinesische Zivilisation seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. mit der mediterranen Welt verband, spaltete sich östlich von Samarkand eine Route ab, die dem Syrdarja bis zum Aralsee folgte und dann östlich von diesem weiter Richtung Wolga führte. Lesen Sie auch Für die Bedeutung Dzhankents steht die mächtige Zitadelle, zu deren Füßen sich auf 16 Hektar Stadtviertel im Schachbrettmuster erstreckten. Härke und seine Kollegen schätzen, dass etwa 2000 Menschen dauerhaft in „Dzhankent II“ lebten. Verglichen mit ähnlichen Anlagen in Zentralasien passt der Befund zu keiner „Nomadenhauptstadt“, zumal Monumentalbauten und Tempel bislang nicht gefunden wurden. Lesen Sie auch „Den Schlüssel zum Verständnis liefert vielleicht der eher unscheinbare Anbau an die nördliche Stadtmauer, den wir Annex nennen“, schreiben die Autoren. Darin stießen sie auf eine dicke Kulturschicht, in der sich von Keratin lebende Mikropilze finden: Spuren von Ausscheidungen von Menschen und Tieren, wie Laboruntersuchungen im Max-Planck-Institut für Kulturanthropologie in Jena belegen. Für eine Unterbringung von Menschen hinter Mauern auf engem Raum ohne Behausung „kommen für diese Zeit und in dieser Region eigentlich nur Sklaven infrage“, folgert das Team. Auf die Frage, woher diese Menschen kamen, finden die Wissenschaftler Antworten in dem berühmten Reisebericht des Ahmad Ibn Fadlan, der 921/22 eine Delegation des Kalifen begleitete, die diplomatische Beziehungen mit den Wolgabulgaren aufnehmen sollte. Für die rund 4000 Kilometer von Bagdad bis zu deren Kapitale Bolgar an der mittleren Wolga brauchte die 5000 Köpfe zählende Karawane fast ein Jahr. Dabei durchquerte sie auch die lebensfeindliche Ust-Urt-Wüste westlich des Aralsees, kam also nicht nach Dzhankent, das östlich des Gewässers liegt. Dafür traf Ibn Fadlan in Bolgar auf Menschen, die er zwar als „die schmutzigsten Geschöpfe Gottes“ beschrieb, die ihn aber gleichwohl beeindruckten: „Ich habe niemals körperlich perfektere Menschen gesehen: Groß wie Dattelpalmen, blond, rötlich.“ Ibn Fadlan nannte sie Rosiyyah, kurz Rōs. Nach dieser nordischen Bezeichnung für „Ruderer“ wurden auch die Wikinger oder Waräger genannt, die im 9. Jahrhundert zwischen Dnepr und Don ein Tributimperium errichtet hatten, mit dessen Einnahmen sie die Großreiche im Süden – Byzanz, das Kalifat und die Herrschaften Irans – belieferten. Ihre wichtigsten Handelsgüter waren Pelze, Waldprodukte – und Sklaven. Lesen Sie auch Drastisch schildert Ibn Fadlan die merkwürdigen Umgangsformen der fremden Händler: „Jeder von ihnen hat unter den Augen seiner Gefährten sexuellen Umgang mit einer Sklavin. Manchmal vereinigen sich ganze Gruppen auf diese Weise. Wenn in diesem Augenblick ein Kaufmann eintritt, um einem von ihnen ein Mädchen abzukaufen, und ihn beim Beischlaf mit ihr vorfindet, löst sich der Mann erst von ihr, wenn er sein Bedürfnis befriedigt hat.“ Nachschub für ihren Sklavenhandel fanden die Rōs in den Weiten Ost- und Nordeuropas, zum Beispiel auf den Britischen Inseln. Die Waren, die die Waräger in Bolgar in großen Häusern unterbrachten, wurden von dort mit Karawanen in den Süden gebracht. Da Ibn Fadlan, an jedem Detail interessiert, auf seiner Reise keine derartigen Transporte erwähnt, dürften diese nicht durch die unwirtliche Ust-Urt-Wüste, sondern im Osten um den Aralsee herumgeführt worden sein. Dort lag Dzhankent. Hier fanden die Fernhändler Unterkünfte und die Infrastruktur für ihre Geschäfte wie Schreiber, Proviant und Handwerker. Einen Anhaltspunkt für das Volumen dieses interkontinentalen Sklavenhandels geben die mehr als 500.000 Dirhams (Silbermünzen) aus der arabischen Welt, die in Skandinavien gefunden wurden. „Berechnet man von dieser Stückzahl ausgehend spekulativ die Mengen, die tatsächlich in den Norden gelangt sein müssen, kommt man schnell in die Millionen“, argumentieren die Wissenschaftler. Seine Bedeutung für den Sklavenhandel dürfte Dzhankent am Ende zum Verhängnis geworden sein. Denn im 11. Jahrhundert versiegte der Nachschub an Sklaven aus dem Westen. Durch die Annahme des Christentums und die Entstehung von stabilen Reichen in Osteuropa verschwanden die vormals heidnischen Jagdgründe. Auch gingen die Wikinger in Skandinavien und Britannien zu Staatsgründungen über. Die große Zeit der selbstständigen Gewaltunternehmer, die auf eigene Rechnung Handel trieben, ging zu Ende. Für den Khan der Oghusen, der am Durchmarsch der Karawanenzüge sicherlich gut verdient hatte, bedeutete das einen existenziellen wirtschaftlichen Aderlass. Der könnte dafür verantwortlich gewesen sein, dass „Dzhankent II“ im 11. Jahrhundert ziemlich abrupt aufgegeben wurde. „Einige Brandspuren in den obersten Schichten von Zitadelle und Unterstadt deuten darauf hin, dass dies wohl nicht ohne Auseinandersetzungen ablief“, schreiben die Ausgräber. Das Machtgebilde der Oghusen brach auseinander. Viele schlossen sich den Seldschuken an, die damals im Osten des Iran ein Reich errichteten. Zurück ließen die Ruinen einer „Boom Town“, die nach 100 Jahren der Hochkonjunktur ihr Ende gefunden hatte. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

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