DAX +0,44 % 25.818,21 Pkt 18:00:00 MDAX +0,15 % 30.472,32 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -1,22 % 6.131,31 Pkt 18:00:00 Dow Jones -1,34 % 51.770,31 Pkt 21:47:53 S&P 500 -2,12 % 7.580,07 Pkt 21:00:00 Nasdaq -4,19 % 25.437,00 Pkt 22:15:59 Nikkei -2,12 % 63.290,11 Pkt 07:45:03 Gold -3,63 % 3.884,90 USD 21:59:59 Silber -5,86 % 49,14 USD 21:59:59 Brent -2,22 % 112,33 USD 21:59:57 WTI +0,93 % 102,95 USD 21:59:59 Bitcoin -0,18 % 77.064,38 USD 04:44:19 EUR/USD +0,09 % 1,11660 USD 22:29:43 EUR/GBP -0,44 % 0,83320 GBP 22:26:43 EUR/CHF -0,37 % 0,92020 CHF 22:28:43 EUR/JPY -0,14 % 175,816 JPY 22:28:43

Mephisto - Berliner Ensemble

Unterhaltung

18. September 2026. Ja, es gibt sie noch, die ehernen Gesetze, jedenfalls im Theater: Wer befürchtet hatte, dass Frank Castorf mit Klaus Manns "Mephisto" – einem relativ straight durcherzählten 400-Seiter – mal nennenswert die Dauer eines tariflichen Arbeitstages unterschreiten würde, sei direkt entwarnt. Am Ende wurden es wieder sechseinhalb Stunden.

Aber – große Überraschung: Das war's dann auch schon mit den guten alten Gewohnheiten! Der neue Castorf-Abend im Berliner Ensemble ist tatsächlich einer, bei dem man sich immer wieder die Augen reibt: Es gibt – kein Witz – fast so etwas wie psychologisches Theater! Die gefürchteten Fremdtextexzesse – Artaud, Müller und Co. sind selbstverständlich dabei – triggern aber keine Fluchtreflexe, noch nicht mal ab Stunde fünf. Auf der Bühne steht ein All-Star-BE-Ensemble – Jens Harzer, Constanze Becker, Marina Galic, Kathleen Morgeneyer, Sebastian Zimmler und, und, und – von denen noch nie zuvor jemand mit Castorf gearbeitet hat. Und dann tritt auch noch der Regisseur himself auf!

Karrierist unter Faschisten

Doch von vorn: Klaus Manns Schlüsselroman über den opportunistischen Schauspieler Hendrik Höfgen, der nach einer weithin anschlussfähigen Salonkommunisten-Existenz während der Weimarer Republik im faschistischen Deutschland der 1930er und 1940er Jahre steil die Karriereleiter emporklettert und für den Manns früherer Künstlerfreund und Ex-Schwager Gustaf Gründgens Pate stand, hat zurzeit Bühnenkonjunktur und wird in der Regel als Stoff der Stunde inszeniert, als Lehrstück für und über die tagesaktuelle Gegenwart.

Frank Castorf entdeckt im "Mephisto", dem er viele andere Texte von Klaus Mann zugesellt, etwas anderes: den (Selbst-)Zweifel und die Dialektik. Fast alle Figuren blicken an diesem Abend mindestens einmal in einen eigenen Abgrund, von dessen Existenz sie vermutlich lieber nichts gewusst hätten. Auch, wenn sie das – Schauspielerinnen und Schauspieler, die sie sind – natürlich mit Verve wegzuperformen versuchen auf Aleksandar Denićs Drehbühne, die mit Fassade, Bar, Guckkasten und Schminkgarderoben nebst Toilette die zentralen Funktionsbestandteile eines klassischen Theaters versammelt (die Kantine wird per Video zugeschaltet).

Infame Neigungen

Am schonungslosesten benennt Klaus Mann, der bei Castorf abendfüllend als Bühnenfigur dabei ist und vielleicht so etwas wie eine andere Möglichkeit von Höfgen alias Gründgens spielt, selbst den Abgrund. Das buchstäbliche Schwarzweiß – der Schriftsteller, der 1933 ins Exil gegangen ist und den Nationalsozialismus aktiv bekämpft hat, steht anfangs im weißen Anzug an der Rampe und der opportunistische Schauspieler Höfgen im schwarzen – löst sich zusehends in Grautöne auf. "Es ist infam, dass die Schilderungen der abscheulichsten Sadismen mich sexuell erregen", spricht Max Gindorff als Klaus Mann einmal ins Publikum – direkt, nachdem er äußerst schmissig die Rio-Reiser-Nummer "Wir müssen hier raus" auf die Bretter gehauen hat. "Infam, das meint das Erschrecken vor mir selbst, die Erkenntnis, der Feind, den ich bekämpfe, ist Teil meiner selbst."

Umgekehrt verrät Jens Harzer seine Rolle nie an den glatten Opportunisten. Es ist, man kann es nicht anders sagen, sensationell, wie er diesen Höfgen wechselweise durchleidet und in die Farce treibt, wie er sich als Künstler seine eigenen Ausflüchte zu glauben scheint, um im nächsten Moment mit forscher Selbstkritik in die Offensive zu gehen und am Schluss als gebrochener Mann an der Rampe zu stehen.

Opfer des Systems

Castorfs dialektischer Zugriff setzt sich in Doppelbesetzungen fort. Constanze Becker, die während der Weimarer Republik die jüdische Schauspielerin Dora Martin alias Elisabeth Bergner spielt, tritt in den Szenen ab 1933 als aufgelederte Provinznudel Lotte Lindenthal auf, Geliebte des Fliegergenerals, der im Roman für Hermann Göring steht. Und Sebastian Zimmler switcht, oft in ein und derselben Szene, zwischen dem bekennenden Kommunisten des Ensembles, Otto Ulrichs, und dem jungen Nationalsozialisten Hans Miklas – am Ende beide Opfer des mörderischen Systems.

Die einzige Singulärin neben Höfgen, die also keine Mehrfachrolle hat, ist Juliette Martens, mit der Höfgen im Roman eine Sadomaso-Beziehung unterhält und die hier – großartig gespielt von Annabelle Lengronne – als Figur in einer Weise diskursiv erweitert wird, wie es auch noch keine "Mephisto"-Inszenierung zuvor geschafft hat. Mit ihr wirft Castorf Schlaglichter auf Rassismus und Exotismus im europäischen Denken.

Und unglaublich, wie sie das alles spielen! Es gab ja neben und nach den legendären Castorf-Zeiten an der Berliner Volksbühne immer wieder Ensembles, die sich den auf Höchstniveau hysterischen Castorf-Style brillant zugeeignet haben – wirklich modifiziert wurde er indes nie. Hier, im BE, klingt jetzt wirklich gar nichts mehr nach Cover-Version vom Rosa-Luxemburg-Platz. Es ist, als hätte jemand die Regler ein Stück runtergedreht – und die freigewordene Energie in Konzentration und Verdichtung investiert. Wie sich die Newbies vom BE die alten Castorf-Tools greifen und diesen hochenergetischen Überschuss, den man von den angestammten Castorf-Spielerinnen und -Spielern kennt, sanft in Form und Kontur kanalisieren – das ist wirklich ganz anders als einst in der Volksbühne – und anders großartig! Und man bekommt sogar einen Eindruck davon, wie das zustande gekommen sein könnte: In einer wirklich sehr lustigen vorproduzierten Videoszene wohnt man einer Probe bei, in der sich Castorf wiederholt vehement an seine Spielerinnen und Spieler wendet. Mehr wird hier nicht gespoilert: "Mephisto" im BE ist ein Abend, den man sehen muss, Punkt!

Mephisto

von Klaus Mann

In einer Textfassung von Frank Castorf

Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: William Minke, Videodesign: Andreas Deinert, Licht: Ulrich Eh, Steffen Heinke, Dramaturgie: Amely Joana Haag, Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink.

Mit: Jens Harzer, Annabelle Lengronne, Max Gindorff, Roman Ott, Constanze Becker, Sascha Nathan, Kathleen Morgeneyer, Marina Galic, Lili Epply, Sebastian Zimmler, Andreas Deinert

(Live-Kamera), Kathrin Krottenthaler (Live-Kamera), Jonathan Bruns (Tonangel) Theo von Mechow (Tonangel), Jens Crull (Live-Schnitt), Maryvonne Riedelsheimer (Live-Schnitt), Meret Blase (Live-Schnittassistenz).

Premiere am 17. September 2026

Dauer: 6 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.berliner-ensemble.de

Kritikenrundschau

"Es ist ein langer Abend über Schauspieler, die sich selbst spielen, über Künstler, die ständig ihre Rollen wechseln, und über einen Mann, der sich bis zuletzt darauf beruft, nur Schauspieler zu sein. Eine Satire aufs Theater und die ewig ungelöste Frage, wie das Gute vom Bösen zum Teufel nochmal zu trennen ist", berichtet Philipp Haibach für die Berliner Morgenpost (18.9.2026). Der "teuflisch gute Jens Harzer" hat dem Kritiker ebenso gut gefallen wie der Rest des Ensembles.

"Kein 1933-ist-jetzt-Gefühl, keine rappelnde Ideologie-Schleudertrommel und auch kein typisches Castorf-Ensemble. Alle neun Schauspieler, die hier an diesem Abend im Berliner Ensemble auftreten, arbeiten zum ersten Mal mit dem ehemaligen Volksbühnen-Clan-Chef zusammen. Das spürt man sofort, ist aber gar nicht schlecht, denn so muss sich das Selbstverständliche aufs Neue erklären, so muss zum Beispiel die notorische Videosequenz hart erarbeitet werden und geht nicht so lümmelnd locker vonstatten, wie man es zuletzt in Castorf-Inszenierungen mitansehen musste", berichtet Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.9.2026). "Die meisten fügen sich schnell und charmant ein in den ausladenden Assemblage-Stil des Regisseurs." Jens Harzer in der Titelrolle sei "im Grunde der absolute Gegentypus zum Castorf-Schauspieler, sensibel und vorsichtig, mit sich und nicht mit der Welt beschäftigt, einer, der den Parolen Paroli bietet und aus dem Inneren heraus radikal wirkt. Der also gibt hier den Teufelsspieler. Kaugummikauend pest er umher, den Hut auf dem Kopf, die Hand nah am Schritt, es fehlt zum abgekanteten Impresario nur noch der wehende Schal."

"Es wird leiser gesprochen als sonst, wenig gebrüllt. Das ist neu bei Castorf”, schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (18.9.2026). Viel Raum lasse Castorf der Juliette, der Geliebten, die Höfgen abserviert. "Annabelle Lengronne ist eine französische Schauspielerin senegalesischer Herkunft, unglaublich präsent, beeindruckend, elegant. Ihr Schmerz geht nahe. Sie ist keine Type, keine Karikatur. Auch das ist neu bei Castorf. Er hat auf seine späten Tage das Zuhören gelernt”, so Schaper. Die Inszenierung sei "ein großer Stilmix”. "Irgendwann zwischen ein und zwei Uhr nachts ist man zu Hause. Der Schlaf ist kurz und schlecht. Und am Morgen entfalten die Bilder ihre Kraft. Und die Fragen nagen weiter.”

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren