Mercedes-Lohnvergleich: Was der Realitätsschock bewirkt
Management-Moment: Mercedes-Lohnvergleich – was der Realitätsschock bewirkt
Mercedes konfrontiert seine deutschen Beschäftigten mit den Löhnen anderer Standorte. Der Vergleich soll wachrütteln – ob er mehr erreicht, hängt von vier Faktoren ab.
Wie wirken Lohnvergleiche auf die Mercedes-Mitarbeiter? Foto: REUTERS
Das ist passiert
Mercedes will die Arbeitskosten in Deutschland senken. Schon vor Monaten forderte der Vorstand von den Mitarbeitern, für das gleiche Geld mehr zu arbeiten. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, setzt das Management nun offenbar auch auf Vergleiche. So soll Rechtsvorstand Olaf Schick auf einer Betriebsversammlung dargelegt haben, wie viel günstiger an anderen Standorten produziert wird. Das geht aus abfotografierten Vortragsfolien hervor, die der WirtschaftsWoche vorliegen und die der Konzern auf Anfrage unserer Redaktion nicht kommentieren wollte.
Unter der Überschrift „Wir sind in Deutschland bei vergleichbarer Produktivität zu teuer“ wird in der Präsentation zum Beispiel aufgelistet, dass eine Arbeitsstunde am US-Standort Tuscaloosa um knapp 18 Prozent billiger ist als in Deutschland. Im rumänischen Cugir erhalten die Arbeiter demnach gar 82 Prozent weniger Lohn pro Stunde.
Zudem soll Schick auf der Betriebsversammlung Daten zu jährlichen Arbeitsstunden vorgestellt haben. Mercedes-Produktionsmitarbeiter in den USA arbeiteten demnach im Schnitt rund 33 Prozent mehr als ihre Kollegen in Deutschland, in Rumänien 29 Prozent.
Autobauer
82 Prozent billiger – Mercedes rechnet Mitarbeitern die Konkurrenz aus Osteuropa vor
Bei einer Betriebsversammlung vergleicht das Mercedes-Management Löhne und Arbeitszeiten in Deutschland mit anderen Standorten. Was das für die deutschen Werke bedeutet. von Annina Reimann
Das können Sie daraus lernen
Für die Belegschaft sei ein solcher Vergleich zunächst ein Realitätsschock, sagt Florian Becker, der unter anderem zu Motivation und Führung forscht und berät. „Wie ein Eimer eiskaltes Wasser“ wirke das auf die Beschäftigten. „So will man sie wachrütteln.“ Angesichts der wirtschaftlichen Lage in der Automobilindustrie hält der Professor für Wirtschaftspsychologie dieses Vorgehen durchaus für angebracht. Ob sich so jedoch auch eine Veränderung erzielen lässt, hängt von mehreren Faktoren ab.
1. Der richtige Adressat
Matthias Clesle, der Unternehmen in der Personal- und Führungskräfteentwicklung berät, hält die Belegschaft nicht für den richtigen Adressaten eines solchen Lohnvergleichs. „Damit sollte man sich eher an die Arbeitnehmervertreter oder die Politik richten.“ Zumal die Standortbedingungen in der deutschen Industrie längst nicht nur von den Löhnen abhingen, sondern auch von den Energiekosten und der Bürokratie.
In der Belegschaft bestärke so ein Vergleich vor allem eine Abwehrhaltung, glaubt Clesle. Kostenunterschiede zu erklären, sei zwar legitim. „Beschäftigte auf einen Kostenfaktor zu reduzieren, beschädigt aber Vertrauen und Bindung.“
2. Die passende Vergleichsgruppe
Den größten Motivationsschub erhalten Menschen typischerweise durch einen Vergleich mit Personen, die in einer bestimmten Hinsicht etwas besser abschneiden als sie selbst. Aber nicht zu gut. So zeigte ein Forscherteam um die Motivationsforscherin Kathi Diel von der Universität des Saarlandes vor wenigen Jahren, dass extreme Unterschiede zu einer Vergleichsgruppe tendenziell dazu führen, dass sich Menschen weniger anstrengen.
Wirtschaftspsychologe Becker verdeutlicht dieses Phänomen mit einem Beispiel aus dem Klassenzimmer: „Wenn da ein Mathegenie etwas vorrechnet, wird das die schwächeren Kinder eher entmutigen als anspornen.“ Zum Wachrütteln mag ein Vergleich mit den viel billigeren Arbeitskräften aus Rumänien also nützlich sein – um Veränderungen anzustoßen, eher weniger.
3. Das richtige Vorbild
Lassen sich Menschen eher von Positiv- oder Negativbeispielen beeinflussen? Gehen wir also eher joggen, wenn wir unserem durchtrainierten Kollegen begegnen – oder dem Nachbarn, der schon auf der Treppe ins Schnaufen gerät? In einer einflussreichen Studie kam Penelope Lockwood von der University of Toronto gemeinsam mit Kollegen vor zwei Jahrzehnten zu folgendem Ergebnis: Es kommt auf die Einstellung an. Wer unbedingt einen Misserfolg verhindern möchte, reagiert stärker auf Negativbeispiele. Wer dagegen etwas erreichen will, lässt sich stärker von positiven Vorbildern anspornen.
Für Mercedes bedeutet das: Wenn die Mehrheit der Belegschaft vor allem darauf bedacht ist, den bisherigen Status nicht zu verlieren, könnte der Vergleich mit schlechter bezahlten Arbeitern im Ausland seinen Zweck erfüllen. Um eine optimistische Zukunftsvision zu unterstützen, wäre jedoch ein Positivbeispiel wirksamer – etwa von einem Werk, in dem die Produktivität gesteigert werden konnte.
4. Das überzeugende Konzept
Um die Belegschaft auf Veränderungen einzuschwören, dürfe es nicht beim Vergleich bleiben, mahnt Wirtschaftspsychologe Becker. „Das allein würde Panik und Widerstand hervorrufen“, warnt er. Entscheidend sei, was auf den Weckruf folge: „Es braucht ein klares, realistisches Konzept, wie man sich den positiven Beispielen annähern kann.“ Wieso gelingt es anderen Herstellern, produktiver zu arbeiten? Welche Schritte sind jetzt dafür notwendig? Erst wenn auf diese Fragen belastbare Antworten folgen, liefern die Vergleiche mehr als einen Realitätsschock.
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