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Messung der Zeit: Schaltsekunde steht vor dem Aus - wegen der Erdrotation

Wissenschaft

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

morgen soll in Versailles vor den Toren von Paris eine Hinrichtung besiegelt werden, und kaum jemand wird hinsehen. Das Opfer ist klein, unauffällig und hat in über fünf Jahrzehnten niemandem ein Haar gekrümmt, abgesehen von ein paar Computern, die sich bei seinem Erscheinen verschluckt haben. Ein Gremium mit dem illustren Namen Generalkonferenz für Maß und Gewicht will am Donnerstag beschließen, niemand Geringerem als der Schaltsekunde den Garaus zu machen. Das ist einerseits logisch, andererseits tragisch. Denn es trifft die Falsche.

Falls Sie, liebe Leserin und lieber Leser des normalerweise politisierenden Tagesanbruchs, jetzt nicht mehr mitkommen, müssen Sie sich nicht schämen. Die Schaltsekunde war noch nie eine Rampensau, selbst viele blitzgescheite Leute haben noch nie von ihr gehört. Dabei hat sie eine Aufgabe von großer Bedeutung. Ihr Job ist es, zwei notorische Streithähne in der modernen Welt zu versöhnen: Auf der einen Seite stehen die Atomuhren, Pedanten von unerschütterlicher Gleichförmigkeit, die die Koordinierte Weltzeit namens UTC anzeigen. Nach ihr richten sich praktisch alle Uhren, vom Handy bis zum Bahnhof. Auf der anderen Seite steht die Erde, eine launische Diva, die mal schneller, mal langsamer um ihre Achse trudelt, von Tag zu Tag, von Jahreszeit zu Jahreszeit, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Nach dieser unsteten Erdbewegung richtet sich die Astronomische Universalzeit, von Wissenschaftlern UT1 genannt. Ihre winzigen Schwankungen summieren sich nach und nach zu einer gepfefferten Verspätung.

Und jetzt kommt's: Damit Uhr und Erde nicht auseinanderdriften, gilt seit Jahrzehnten eine Regel – mehr als 0,9 Sekunden Abweichung dürfen es nicht sein. Damit der Abstand nicht weiterwächst, schiebt ein anderes Gremium mit dem ebenfalls illustren Namen Internationaler Erdrotations- und Referenzsystemdienst mit der geballten Autorität der Wissenschaft eine Extrasekunde ein, nämlich entweder am Ende des 30. Juni oder des 31. Dezember. Dann hat eine bestimmte Minute in der Weltzeit plötzlich nicht 60, sondern 61 Sekunden und die Synchronität ist wiederhergestellt. Seit 1972 ist das sage und schreibe 27 Mal geschehen, zuletzt Ende 2016. Der Mensch hat also zigfach die Zeit manipuliert. Die Welt steht trotzdem noch.

Nun fragen Sie sich: Warum soll die kleine, nützliche Schaltsekunde jetzt geopfert werden? Die Antwort ist brisant: Weil die Diva Erde uns neuerdings nicht mehr hinterhertrödelt, sondern vorauseilt. Über lange Zeiträume bremsen Mond und Sonne den blauen Planeten mit ihren Gezeitenkräften eigentlich aus – doch in jüngster Zeit hat er seine Kreiselei plötzlich beschleunigt. Deshalb könnte von der Weltzeit erstmals eine Sekunde abgezogen statt hinzugefügt werden.

Das gab es noch nie, und ob die Technik rund um den Globus den Eingriff ohne Schluckauf verkraften würde, ist ungewiss. Industrieunternehmen fürchten hohen Aufwand und noch höhere Kosten, Betreiber von Computerfirmen, Stromnetzen, Telekommunikations- und Verkehrssystemen warnen vor unkalkulierbaren Risiken. Deshalb sollen die Uhren hienieden künftig einfach durchlaufen und bis zu 3.600 Sekunden – eine volle Stunde! – von der Erde abweichen dürfen. Diese neue Regel soll mehrere Jahrhunderte lang für Ruhe sorgen. Ein kleiner Schritt für den Kosmos, ein großer für die Menschheit: Wir entkoppeln uns vom Rhythmus unseres Planeten.

Darin steckt ein Sinnbild unserer Zeit. Denn die Schaltsekunde war nichts anderes als eine weltweit verordnete Atempause: Moment, Leute, die Erde kommt nicht mit, wir warten kurz auf sie. So hieß es bisher, doch der Homo Hektikus der Gegenwart hat keine Zeit mehr. Warten?? Auf jemanden, der langsamer ist??? In Berlin würde man dafür einen Untersuchungsausschuss einsetzen! Mindestens!!

Denn auch der deutsche Politikbetrieb tickt längst nach seiner eigenen Uhr, und die läuft im Dauersprint. Kaum hat ein Problem das Licht der Welt erblickt, ist es schon zerredet, bevor es jemand verstanden hat. Wer ein Mikrofon findet, quasselt drauflos, wer keins findet, kräht ins Smartphone. Positionen werden nicht mehr erarbeitet, sondern herausgeschleudert wie Konfetti, möglichst, bevor die Konkurrenz es tut. Was gestern als Gewissheit ins Internet geblökt wurde, wird heute dementiert, morgen relativiert und übermorgen als "so nie gesagt" beerdigt. Instagram, TikTok, X und Co. sind große Schüsseln, in die jeder seinen halbgaren Gedankenbrei kippt: lauwarm, klumpig, Hauptsache schnell serviert. Nachdenken gilt als Zögern, Zögern als Schwäche, und wer sagt "Ich muss mir das erst ansehen", hat im Wettlauf um Klicks, Likes und Claqueure schon verloren.

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Dabei bräuchte gerade der politische Betrieb dringend eine Schaltsekunde. Eine kleine, eingeschobene Einheit der Stille, die den Takt des Getöses anhält und wartet, bis die Wirklichkeit nachkommt. Denn die Wirklichkeit ist wie die Erde: Sie dreht sich unregelmäßig, sie hat ihre Launen und sie richtet sich partout nicht nach dem Nachrichtenticker.

Wer morgen nach Versailles blickt, sollte deshalb zweierlei mitnehmen. Das Erste ist ein Hauch Wehmut für eine kleine Sekunde, die 27 Mal unbemerkt die Welt angehalten und ihr den Rhythmus zurückgegeben hat. Das Zweite ist eine Lehre: Nicht jedes Ereignis muss sofort kommentiert, nicht jeder Gedanke sofort gepostet und nicht jede Meinungsäußerung sofort erwidert werden. Wer sich Zeit zum Nachdenken gönnt, profitiert fast immer davon. Und alle anderen profitieren auch.

Deshalb zum Schluss ein kleiner Tipp für alle Hitzköpfe: Jedes Mal, wenn ein Satz auf der Zunge oder im Zeigefinger juckt, einfach kurz innehalten. Einatmen. Ausatmen. Nachdenken. Die Erde kurz aufholen lassen. Und dann vielleicht ganz einfach: schweigen.

Der Prozess beginnt

Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg beginnt heute ein spektakulärer Strafprozess. Angeklagt ist der 50-jährige Serhij K., ehemaliger Offizier der ukrainischen Armee. Die Bundesanwaltschaft hält ihn für den Anführer eines Sabotage-Trupps, der im September 2022 Sprengsätze mit Zeitzündern an den Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 anbrachte. Die Luftaufnahmen der nach den Detonationen Gas-schäumenden Ostsee bei Bornholm gingen um die Welt.

Sieben Monate nach Beginn des Ukraine-Kriegs bedeutete der Anschlag damals das endgültige Aus des umstrittenen Energieprojekts zwischen Deutschland und Russland, in das beide Seiten Milliarden investiert hatten. Auch wenn die Durchleitung von Gas durch Nord Stream 1 von Russland schon zuvor unterbrochen worden war und Nord Stream 2 sich noch gar nicht in Betrieb befand.

Konkret werden Serhij K. Kriegsverbrechen und die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion vorgeworfen. Die Anklage ist das Ergebnis einer akribischen Ermittlungsarbeit von Bundeskriminalamt, Bundespolizei und Bundesanwaltschaft – und birgt erhebliche politische Brisanz: Schließlich führt sie unweigerlich zu der Frage, ob die ukrainische Militärführung die Operation beauftragt oder abgesegnet hat. Sollte sich das herausstellen, dürften die schon jetzt immer lauter anschwellenden Anti-Ukraine-Kampagnen von AfD und BSW weiter Fahrt aufnehmen. Vorerst ist der Prozess bis Mitte Dezember angesetzt, das Gericht geht aber davon aus, dass sich das Verfahren mindestens bis Februar hinzieht.

Sondersitzung zur Russland-Politik

Was passiert, wenn die AfD Ämter übernimmt, lässt sich seit letzter Woche in Sachsen-Anhalt wie in einem Laborversuch beobachten. Da wurde mit Stimmen von BSW und – höchstwahrscheinlich – CDU der AfD-Politiker Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten gekürt und sein Parteifreund Hans-Thomas Tillschneider zu einem seiner Stellvertreter. Letzterer, ein besonders radikaler Rechtsaußen, wollte dann gleich mal durch den Besuch einer jüdischen Gedenkfeier provozieren – und musste von einer Menschenkette daran gehindert werden.

Heute geht die Anmaßung in die nächste Runde. Auf Antrag von AfD und BSW kommt der Landtag zu einer Sondersitzung zusammen. Darin soll das Parlament feststellen, dass die Politik der Sanktionen gegen Russland und der Unterstützung der Ukraine "gescheitert" sei. In der Folge soll die Landesregierung aufgefordert werden, "für eine Verhinderung der weiteren Eskalation in der Ukraine" einzutreten und die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Dass Kriegsherr Wladimir Putin bislang sämtliche Angebote zu einem Waffenstillstand abgelehnt hat, wird nicht erwähnt. Dass weder der Landtag noch die Landesregierung in Magdeburg über die deutsche Außenpolitik zu befinden hat, wird ausgeblendet. Eine reine Showveranstaltung, die Gräben vertieft und sinnlos Kräfte bindet. Aber im Kreml knallen die Sektkorken: Die fünfte Kolonne untergräbt das erste deutsche Bundesland.

Merz erklärt sich

Im Bundestag steht die Vereidigung des neuen Arbeitsministers Alexander Schweitzer von der SPD auf der Tagesordnung. Danach hält Kanzler Friedrich Merz eine Regierungserklärung zur Sitzung des Europäischen Rats am Donnerstag und Freitag. Anschließend stellen sich Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) den Fragen der Abgeordneten. Beide treiben abseits des Dauerstreits der Spitzenkoalitionäre beharrlich ihre Projekte voran: Bürokratieabbau und Digitalausbau, Raumfahrt und Forschung.

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Ohrenschmaus

Wenn der Tagesanbruch sich eingangs einer Sekunde widmet, welcher Song muss dann folgen? Natürlich dieser.

Zum Schluss

Ich wünsche Ihnen einen kurzweiligen Tag.

Herzliche Grüße und bis morgen

Ihr

Florian Harms

Chefredakteur t-online

Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Claude (Anthropic).

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