Microsoft-Aktie: Morgan Stanley rückt neues Risiko in den Fokus
Morgan Stanley hält für Microsoft am Kursziel von 600 US-Dollar fest
Bank erwartet bei Azure rund 47 statt 45 Prozent Wachstum
Investitionen über 50 Milliarden US-Dollar im Quartal erhöhen Druck
Microsoft hat seine Anleger so oft positiv überrascht, dass eine weitere starke Bilanz allein nicht mehr reicht. Zu diesem Schluss kommt Morgan Stanley in einer aktuellen Studie, über die das US-Finanzportal TheStreet berichtet. Analyst Adam Wood bestätigt darin zwar sein Kursziel von 600 US-Dollar, sieht die Hürde vor den Quartalszahlen am 28. Oktober aber deutlich höher: Die Stimmung habe sich aufgehellt, die Bewertung sei gestiegen. Für Investoren rückt damit weniger die nächste starke Cloudzahl in den Fokus als der Nachweis, dass sich die gewaltigen KI-Ausgaben tatsächlich auszahlen.
Microsoft hat die Latte selbst hochgelegt
Wie hoch diese Latte liegt, zeigt ein Blick auf die vergangenen vier Quartale. Jedes Mal übertraf Microsoft die Gewinnerwartungen klar, im Septemberquartal 2025 etwa mit 4,13 US-Dollar je Aktie statt erwarteter 3,65 US-Dollar. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026, das Ende Juni endete, wuchs der Umsatz um 18 Prozent auf 90 Milliarden US-Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie lag mit 4,74 US-Dollar 50 Cent über dem Konsens. Die Telefonkonferenz vom 29. Juli rückte das Bild allerdings etwas zurecht. Laut Finanzchefin Amy Hood steckten gegenüber der eigenen Prognose Sondereffekte von 27 Cent je Aktie im Ergebnis, darunter ein Gewinn von 3,2 Milliarden US-Dollar aus der Beteiligung an Anthropic. Auch ohne diese Posten habe Microsoft die Erwartungen übertroffen, betonte Hood.
Morgan Stanley traut Azure mehr zu als das Management
Ob die Serie hält, entscheidet sich vor allem im Cloudgeschäft. Azure und die übrigen Clouddienste wuchsen im Juniquartal um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr, für die Monate Juli bis September 2026 stellt das Management währungsbereinigt rund 45 Prozent in Aussicht. Morgan Stanley rechnet mit etwa 47 Prozent. Noch wichtiger ist Wood der Ausblick auf das Dezemberquartal, der zeigen soll, dass das Tempo mit neuer Rechenzentrumskapazität hält statt nachzulassen. Nach Schätzung der Bank hat Microsoft im Geschäftsjahr 2026 rund 3,25 Gigawatt an Kapazität zugeschaltet, im Geschäftsjahr 2027 könnten weitere 4,25 Gigawatt folgen. Den Umsatz mit Azure AI sieht die Bank im selben Zeitraum von rund 25,7 auf 52,2 Milliarden US-Dollar steigen.
Über 50 Milliarden US-Dollar Investitionen in einem Quartal
Dieser Ausbau hat seinen Preis. Im Juniquartal investierte Microsoft 41 Milliarden US-Dollar, für das laufende Quartal kündigte Hood mehr als 50 Milliarden US-Dollar an. Ganz vergleichbar sind beide Werte nicht. Seit Beginn des Geschäftsjahres 2027 setzt Microsoft für Rechenzentren eine Nutzungsdauer von 25 statt 15 Jahren an, wodurch ein Teil der Mietverträge künftig nicht mehr in die Investitionsausgaben einfließt. Vom operativen Cashflow in Höhe von 55,4 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 30 Prozent zum Vorjahr, blieben im Juniquartal 19,6 Milliarden US-Dollar als freier Cashflow übrig. Positiv bleiben soll er laut Morgan Stanley auch im Geschäftsjahr 2027, was sich mit dem Ausblick des Managements deckt. Die längerfristigen Prognosen der Bank lassen allerdings Raum für mehr Schulden und weniger Aktienrückkäufe.
Copilot soll die Rechnung begleichen
Damit sich die Milliarden rechnen, muss die KI auch dort Geld verdienen, wo Microsoft ohnehin präsent ist: in Word, Excel, Outlook und Teams. Microsoft 365 Copilot zählt inzwischen mehr als 30 Millionen zahlende Nutzer, die Zahl neu hinzugekommener Lizenzen hat sich im Juniquartal gegenüber dem Vorquartal mehr als verdoppelt. Seit Juli rechnet der Konzern neben Lizenzgebühren auch nach tatsächlicher Nutzung ab. Auf eine Frage von Wood in der Telefonkonferenz sagte Konzernchef Satya Nadella, der adressierbare Markt werde dadurch deutlich größer. Eine Zahl nannte er nicht.
Die Umfragen von Morgan Stanley stützen die These zunächst. Von 100 befragten IT-Chefs aus den USA und Europa wollen 64 Prozent KI vor allem zukaufen, nur 17 Prozent selbst entwickeln, und 30 Prozent sehen Microsoft als größten Gewinner zusätzlicher Ausgaben für generative KI, nach zuvor 27 Prozent. Gespräche der Bank mit Vertriebspartnern zeigen jedoch, dass die fortgeschrittene, nutzungsabhängige Copilot-Nutzung bislang auf ausgewählte Arbeitsabläufe beschränkt bleibt. Einen weiteren Dämpfer liefert Gartner. In einer am 19. Oktober veröffentlichten Umfrage unter 2.002 IT-Chefs und Technologiemanagern gaben nur 13 Prozent an, dass KI ihrem Unternehmen bislang erheblichen oder transformativen Mehrwert gebracht habe. Gut die Hälfte rechnet zudem damit, dass KI die Gesamtkosten ihrer Technologie erhöht.
Zahlenvorlage rückt in den Anlegerfokus
Klarheit bringt der 28. Oktober, wenn Microsoft nach US-Börsenschluss die Zahlen für die Monate Juli bis September vorlegt. Entscheidend wird weniger sein, ob der Konzern die Gewinnschätzungen erneut schlägt, als vielmehr, ob Azure an die 47 Prozent von Morgan Stanley heranreicht und der Ausblick auf das Dezemberquartal ein stabiles Tempo signalisiert. Ebenso genau dürften Anleger hinhören, wie viel Umsatz Copilot bereits über die nutzungsabhängige Abrechnung erzielt.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net