Militärexpertin Major: Europa spielt bei Verteidigung auf Zeit
Die Europäer müssen sich nach Ansicht der Militärexpertin Claudia Major darauf einstellen, mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Im Interview mit BR24 erklärte die Expertin vom German Marshall Fund, es gebe eine strukturelle Veränderung, die über die Amtszeit von US-Präsident Donald Trump hinausgehe. Die USA seien nicht mehr so an einer Zusammenarbeit mit Europa interessiert. "Die Europäer müssen sich selber besser aufstellen. Sie müssen mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen", schlussfolgert Major. Die Frage sei nur, wie viel Zeit sie dafür hätten. "Was die Europäer gerade versuchen, ist, auf Zeit zu spielen", um den Übergang von einer US-geführten zu einer europäisch geführten Verteidigung hinauszuzögern. "Aber es kommt. Die Frage ist nur, wann", betonte die Expertin. U-Boot-Großauftrag als Symbol des Wandels Als Zeichen für diesen Wandel wertet Major die Bestellung von bis zu zwölf U-Booten durch Kanada in Deutschland. Dies sei nicht nur ein "großer industrieller Erfolg für Deutschland", sondern auch ein Weg zu "mehr Eigenständigkeit und zu wirklicher Handlungsfähigkeit". Das Abkommen zeige, "dass die Alliierten untereinander zusammenarbeiten – aber nicht mehr so sehr mit den USA." Mit Blick auf den Nato-Gipfel in Ankara sei das übergeordnete Ziel, dass dieser "ohne Katastrophe und ohne Drama über die Bühne geht". Die wichtigste Botschaft sei die politische Einigkeit der Bündnispartner. Wenn die Staaten nicht zusammenstünden, sei auch die militärische Verteidigungsleistung geschwächt. Weitere Erfolgsfaktoren für den Gipfel wären laut Major ein klares Bekenntnis zur Beistandsklausel, mehr industrielle Kooperation und die Verabschiedung eines Unterstützungspakets für die Ukraine in Höhe von 70 Milliarden Euro pro Jahr für zwei Jahre. Neuer Streit ums Geld auf dem Nato-Gipfel In Ankara setzen die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten am Mittwoch ihr Gipfeltreffen fort. Auf der Tagesordnung stehen die weitere Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland sowie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses. Überschattet wird das Treffen von der erneuten Kritik von US-Präsident Donald Trump an den Verbündeten: Die Verteidigungsausgaben großer europäischer Partner wie Frankreich und Großbritannien und insbesondere Deutschlands nannte Trump "lächerlich". Deutschland meldet Verteidigungsausgaben in Rekordhöhe Fünf der 32 Nato-Länder werden im laufenden Jahr voraussichtlich das Fünf-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben erreichen. Nato-Zahlen zufolge handelt es sich dabei um Estland, Griechenland, Lettland, Litauen und Polen. Die Nato-Länder hatten bei ihrem Gipfel in Den Haag im vergangenen Jahr beschlossen, bis 2035 mindestens 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben – plus 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Posten. Den Angaben zufolge werden 17 Nato-Staaten das zweite Ziel bereits in diesem Jahr erreichen, jedoch nur fünf das erste. Deutschland hat angekündigt, seine Verteidigungsausgaben bis 2029 auf 3,5 Prozent des BIP zu erhöhen. Den aktuellen Zahlen der Nato zufolge werden sie im laufenden Jahr bei 2,69 Prozent des BIP liegen – 124,7 Milliarden Euro. Dies entspricht einer Steigerung um 25,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für 2025 wurden die Ausgaben auf rund 99,3 Milliarden Euro beziffert. Im Video: Nato-Gipfel in Ankara mit Trump