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Mobilmachung in Russland? Putin setzt wohl auf Trick

Welt

Startseite Politik Hohe Verluste an der Ukraine-Front: Putin plant heimliche Mobilmachung Von: Christian Stör Uns auf Google folgen Selenskyj hält eine neue russische Mobilisierung für wahrscheinlich. Sie könnte ohne offizielle Ankündigung anlaufen. Duma-Wahl rückt in den Fokus. Moskau/Kiew – Macht Russland mobil? Wolodymyr Selenskyj hält das für wahrscheinlich. Seine Warnung ist jedenfalls unmissverständlich: Um massive Verluste bei den Streitkräften auszugleichen, soll Kremlchef Wladimir Putin eine zusätzliche schnelle Mobilisierung von mehreren Hunderttausend Menschen bis Ende des Jahres und eine weitere ähnliche ​Zahl im nächsten Jahr planen. Die Rekrutierung solle jedoch ohne offizielle Ankündigung erfolgen. Nach Angaben aus Kiew sind bereits mehr als 1,46 Millionen russische Soldaten im Ukraine-Krieg getötet oder schwer verwundet worden. Laut westlichen Geheimdienstquellen hat Russland bisher etwa eine halbe Million Tote zu beklagen. Putin versuche weiter, symbolische Erfolge zu erzielen, mit denen er die enormen Verluste vor dem eigenen Volk rechtfertigen könnte, klagte Selenskyj kürzlich in einem Interview mit ukrainischen Sendern. Enorme Verluste für Russland im Ukraine-Krieg: Selenskyj rechnet mit einer neuen Mobilmachung Selenskyj warf zudem Putin vor, die Parlamentswahl ‌im September als Vorwand für eine neue Mobilmachung nutzen zu wollen. Der ukrainische Geheimdienst habe Beweise dafür, dass Russland seine „Pseudo-Wahl“ im September ausnutzen werde, um eine neue Mobilmachung auszurufen, sagte er am 11. August in einer Videoansprache. Dies sei ‌Teil eines Plans, „den Anschein zu erwecken, dass die Russen angeblich den Krieg unterstützen“. Moskau weist die Vorwürfe zurück. Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew hatte im Juli erklärt, Russland benötige keine ⁠neue Mobilmachung, da in der ersten ‌Hälfte des Jahres 2026 bereits 200.000 Freiwillige Verträge unterzeichnet hätten. Die Berichte bezeichnete er als „Lügen, Provokationen und Gerüchte“, die der Feind gezielt verbreite. Damit solle die Lage vor der Parlamentswahl in Russland destabilisiert werden, so Medwedew. Die landesweite Duma-Wahl ist für den 18. bis 20. September angesetzt. Russlands Oberster Gerichtshof hat am 10. August die liberale Anti-Kriegs-Partei Jabloko von der Wahl ausgeschlossen. Plant Russland Mobilmachung im Ukraine-Krieg? Fachleute sehen Anzeichen Die Ukraine hat Russland in der Vergangenheit mehrfach eine bevorstehende Mobilmachung vorgeworfen – ohne dass es dazu gekommen wäre. Dennoch halten Fachleute das Szenario dieses Mal für wahrscheinlicher. Christian Mölling von der Brüsseler Denkfabrik European Policy Centre (EPC) sieht eine Mobilmachung als „plausibler“ an als in früheren Jahren. Russland präsentiere sich heute als „Hüter der Freiheit“ im Kampf gegen die ganze Welt. Das schaffe eine zusätzliche Legitimation gegenüber dem Volk, sagte Mölling im stern-Podcast „Die Lage – International“. Auch Leonid Wolkow, ehemals rechte Hand des ermordeten Alexej Nawalny, schließt eine Mobilmachung nicht mehr aus. Der im Exil lebende Oppositionelle skizzierte auf Facebook ein mögliches Kreml-Narrativ nach der Wahl: „Die sogenannten Wahlen im September sind vorbei, Einiges Russland hat die absolute Mehrheit bekommen. Putin sagt: Die Gesellschaft hat ihre Einheit demonstriert und damit den Kurs des Präsidenten vollkommen unterstützt. Wir sind den Zielen der militärischen Spezialoperation nah, wir müssen jetzt aber nachlegen.“ Wolkow betonte zudem, dass der russischen Gesellschaft angesichts brennender Raffinerien und Wildberries-Lager das Gefühl der Stabilität abhandengekommen sei. Darauf müsse Putin keine Rücksicht mehr nehmen. Neue Mobilmachung in Russland wegen hoher Verluste im Ukraine-Krieg? Rekrutierungsprobleme als Treiber Als zentrales Argument für eine neue Mobilmachung nennen Analysten die wachsenden Rekrutierungsprobleme der russischen Armee. Alexej Jussupow, Leiter des Russland-Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, beobachtet einen „Kommunikationsschwenk“ der Armee. In der Werbung werde den Menschen versprochen, nicht an vorderster Front zu landen, sondern irgendwo im Hinterland. „Die geringen Überlebenschancen an der Front sind schließlich kein Staatsgeheimnis“, sagt Jussupow laut Stern. Insgesamt kämpfen laut Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik derzeit rund 723.000 russische Soldaten in der Ukraine. Davon sind etwa 168.000 mobilisierte Reservisten, der Rest sind Vertragssoldaten. Kluge zeigte sich auf X dennoch „skeptisch“ bezüglich einer neuen Mobilmachung: „Die Rekrutierung funktioniert immer noch irgendwie. Es gibt Nebenwirkungen, aber bisher sind sie politisch weniger problematisch, als eine weitere Runde Mobilmachung es wäre.“ Neue Mobilmachung im Ukraine-Krieg: Putin setzt wohl auf Trick Die Angst vor einer neuen Mobilmachung ist in Russland tatsächlich mit den Händen greifbar, viele Menschen glauben den offiziellen Beteuerungen nicht. Auch vor der letzten offiziellen Mobilmachung im Herbst 2022 hatte der Kreml behauptet, es sei keine Zwangsrekrutierung geplant. Dann aber wurden doch rund 300.000 Menschen zwangsrekrutiert. Das führte zu großer Unruhe: Mindestens Zehntausende, möglicherweise Hunderttausende verließen der Deutschen Presse-Agentur zufolge damals das Land. Die Panik von 2022 könnte Putin durch einen juristischen Trick vermeiden. Jussupow zufolge wurde der Mobilmachungserlass von 2022 nie offiziell zurückgenommen. Russland habe die elektronische Erfassung von Wehrpflichtigen seitdem massiv modernisiert. Menschen, die aufgefordert wurden, sich bei der Armee zu melden, das aber nicht tun, wird seinen Worten nach heute automatisch die Ausreise aus dem Land verwehrt. „Mit restriktiven Methoden kann der Kreml so das Tempo der ohnehin laufenden Mobilmachung steigern“, so Jussupow. Der Vorteil einer solchen „schleichenden“ Mobilmachung: Panische Reaktionen und Massenflucht wie 2022 könnte der Kreml so vermeiden. (Quellen: dpa, Spiegel, Stern, Facebook, X) (cs)

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