Mohsen Rezai - wer ist der neue Mann im Machtzentrum von Teheran?
Noch am Samstag hatte der Sekretär des iranischen Sicherheitsrats, Mohammad Bagher Zolghadr, den Vereinigten Staaten neue Bedingungen für eine Öffnung der Straße von Hormus gestellt. Am Sonntagabend wurde dann sein „Rücktritt“ verkündet. Von seinem Nachfolger ist allerdings keine nachgiebigere Haltung zu erwarten. Eher im Gegenteil: Mohsen Rezai ist ein Urgestein der Revolutionsgarde und ein ideologischer Hardliner. Seine jüngste Wortmeldung stammt vom 3. August. Darin droht Rezai auf der Plattform X mit verlustreichen Angriffen auf amerikanische Truppen, wenn diese nicht die Seeblockade gegen Iran einstellten. Zudem verkündet er, dass Iran die Kontrolle über die Meerenge niemals aufgeben werde. Der neue Sekretär des Sicherheitsrats repräsentiert damit jene Kräfte in Teheran, die Donald Trump in der Defensive sehen und eine Öffnung der Meerenge von erheblichen amerikanischen Zugeständnissen abhängig machen. Er ist aber niemand, der Verhandlungen mit Amerika grundsätzlich ablehnt. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen 16 Jahre lang stand Rezai zwischen 1981 und 1997 als Oberkommandeur an der Spitze der Revolutionsgarde. In dieser Zeit wandelte sich die Garde von einer revolutionären Miliz zu einer schlagkräftigen Parallelarmee. In den Reihen seiner Offiziere war er umstritten; mehrfach wurden ihm schwere strategische Fehlentscheidungen unterstellt. Doch er hatte mächtige Fürsprecher, darunter den späteren Obersten Führer Ali Khamenei. Viermal kandidierte Rezai erfolglos für das Präsidentenamt Dieser eröffnete Rezai nach dessen Ausscheiden aus der Revolutionsgarde dann auch eine politische Karriere als Sekretär des Schlichtungsrats, der aktiv wird, wenn Parlament und Wächterrat uneins sind. Rezais Ambitionen waren größer als sein Erfolg. Viermal trat er als Präsidentschaftskandidat an, kam aber nie über elf Prozent der Stimmen hinaus. Seine Wahlkämpfe und regelmäßigen Interviews stärkten sein öffentliches Profil. Die Tötung eines Großteils der Führungsriege zu Beginn des Irankrieges bringt ihn nun in den innersten Machtzirkel. Am Sonntag wurde er nicht nur zum Sekretär des Sicherheitsrats ernannt, der in diesen Kriegszeiten das entscheidende Gremium ist. Der Oberste Führer Modschtaba Khamenei bestimmte ihn auch zu seinem persönlichen Vertreter in dem Rat. Der 71 Jahre alte Rezai gehört zur Gründungsgeneration der Islamischen Republik, die bis heute an allen Schaltstellen der Macht sitzt. Einmal mehr wurden die jüngeren Offiziere übergangen. Die Weltsicht der Älteren ist von der Revolution gegen den Schah geprägt und vom verlustreichen Iran-Irak-Krieg (1980–1988), in welchem Iran dem vom Westen unterstützten Diktator Saddam Hussein gegenüberstand. Viele der Männer, die heute das Sagen haben, kennt Rezai schon seit den späten Siebzigerjahren, als er der militanten Islamistengruppe Mansouroun angehörte, die auch Anschläge auf Zivilisten verübte. Auch Zolghadr gehörte dazu. Soll Rezai den Einfluss von Chefunterhändler Ghalibaf eindämmen? Manche Iran-Fachleute sehen in dem Wechsel an der Spitze des Sicherheitsrats einen Schritt zur Einschränkung der Machtfülle von Mohammad Bagher Ghalibaf, Teherans Chefunterhändler in den Gesprächen mit Amerika. So soll der ausgeschiedene Zolghadr mit Ghalibaf verbündet gewesen sein. Wie Rezai war auch Ghalibaf schon mehrmals Präsidentschaftskandidat und strebt nach Höherem. Das vorübergehende Machtvakuum hat er für sich genutzt. Eine Rivalität zwischen beiden scheint gut vorstellbar. Modschtaba Khamenei könnte sich außerdem für Rezai entschieden haben, weil er im Unterschied zu seinem Vorgänger Zolghadr nicht nur über militärische, sondern auch politische Erfahrungen und Netzwerke verfügt. In der aktuellen Lage spielt das Zusammenspiel zwischen militärischer und diplomatischer Strategie eine zentrale Rolle. Der iranische Geistliche Mohammad Bagher Kharrazi, der mit dem Obersten Führer verwandtschaftlich verbunden ist, hatte in der vergangenen Woche in einem inzwischen gelöschten Video Zolghadrs Absetzung und Rezais Einsetzung vorhergesagt. Er interpretierte dies als Schritt zur Schwächung von Präsident Peseschkian und dessen Außenminister Abbas Araghchi. In Zusammenhang mit dem Video wurde Kharrazi am Montag vom Sondergericht für Geistliche vorgeladen. Peseschkian drängt wegen der verheerenden wirtschaftlichen Lage auf eine rasche Einigung mit den Vereinigten Staaten und wird deshalb von Hardlinern scharf kritisiert. In der Revolutionsgarde scheint die Ansicht vorzuherrschen, dass Iran das Druckmittel der Straße von Hormus nicht so schnell aus der Hand geben dürfe, um weitere Konzessionen zu erzwingen und Amerika dauerhaft von weiteren Angriffen auf Iran abzuschrecken. Immer wieder wird über solche strategischen Differenzen berichtet. Teilweise nutzen die Verhandler den Eindruck von internen Spannungen aber auch, um Nachforderungen zu stellen. So erzählten Irans Unterhändler den arabischen Vermittlern laut dem „Wall Street Journal“, sie könnten eine Einigung zur Straße von Hormus gegenüber der Revolutionsgarde nur durchsetzen, wenn sie mit erheblichen finanziellen Zugeständnissen für Iran einhergehe. Die Gespräche seien daraufhin um Aspekte wie die Aussetzung von US-Ölsanktionen und die Freigabe gesperrter iranischer Gelder auf ausländischen Konten erweitert worden, schreibt die Zeitung.