Mönchengladbach: Ratte springt Kind ins Gesicht
Noch sei es an der Viersener Straße ruhig, sagt Holger Wilms. Doch abends gehe es so richtig los. „Da hört man sie quieken wie die Weltmeister.“ Der Anwohner steht mit seinem Nachbarn Dirk Auschner vor der Mehrfamilienhaussiedlung in Gladbach. Alle paar Meter befinden sich dort Rattenfallen, an Masten warnen rote Aufkleber vor Rattengift, auch unter einem Spielplatzschild. Doch zu helfen scheinen diese Maßnahmen nicht. In der Nacht huschen die Nagetiere laut Wilms vom gegenüberliegenden Hang eines Privatparkplatzes über den Gehweg zu den Mülleimern der Wohnhäuser. Mittlerweile graben sie sich auch unterirdisch den Weg zu den Behältnissen, die Bodenplatten unter den Sammelcontainern sind daher bereits locker. Wilms sagt: „Im Dunkeln geht keiner mehr zu den Mülltonnen und wirft etwas hinein.“ Denn: „Zuletzt ist der Tochter einer Anwohnerin eine Ratte ins Gesicht gesprungen.“
Wilms wohnt seit 20 Jahren in dem Mehrfamilienhaus an der Viersener Straße. Das Problem mit den Ratten jedoch gebe es vor allem, seitdem anstelle der kleinen Mülltonnen größere Sammelbehältnisse eingeführt wurden. Und: „In den vergangenen vier Monaten hat sich die Situation rapide verschlechtert.“ Vor Kurzem saß er mit seiner Frau abends im Wohnzimmer und sah fern. Da hörten sie eine Frau schreien, weil ihr eine Ratte über den Weg gelaufen war. „Es ist einfach schrecklich geworden“, sagt Wilms.
Mit den Beobachtungen ist der Gladbacher Anwohner nicht allein. Auch Nachbar Auschner bestätigt die Vorfälle, hat sogar mehrere Fotos auf seinem Handy. Ein Gebäude weiter, Hausnummer 34, berichtet eine Anwohnerin, die anonym bleiben möchte, dass sie die Tiere nachts kämpfen höre. Am Tag sieht man die Folgen der Plage. Die Nagetiere haben kleine Löcher in den Garten vor dem Mehrfamilienhaus gegraben, die die Mieter behelfsmäßig mit leeren Glasflaschen oder Steinen verschlossen haben. Das bringe jedoch nichts, sagt die Anwohnerin. Ein paar Tage später hätten sich die Ratten bereits an anderer Stelle einen neuen Gang gegraben.
Eine der Vermieterinnen der Wohnhäuser an der Viersener Straße ist Sabine Neujahr. Sie vermutet, dass sich die Rattenbauten in den Büschen und im Hang gegenüber der Mietshäuser an der Viersener Straße 30, 32 und 34 befinden. Am Tag raschelt und quiekt es darin. Neujahr weiß, dass es sich dabei um ein Privatgrundstück handelt. Sie fordert, dass die Stadt das Grundstück als mutmaßlichen Befallsherd überprüft. Mehrfach hat sie sich unter anderem deshalb an die Stadt gewandt: per Telefon über die Rattenhotline, per Mail, per Anschreiben.
Denn der Befall bedeute für sie einen hohen Sachschaden. 2025 beispielsweise habe sie den Versorgungskeller sanieren und trockenlegen müssen, weil sich die Nagetiere durch die Dämmung gefressen hätten. Kostenpunkt: 12.000 Euro. Mehrfach habe sie zudem die Müllcontainer ersetzen müssen, die Ratten hatten an der Unterseite ein Loch gefressen. Auch die darunterliegenden Bodenplatten habe sie anheben lassen müssen. Außerdem befüllt sie monatlich für bis zu 130 Euro die eigens aufgestellten Köderboxen auf dem Hausgrundstück. All das hat Neujahr dokumentiert und gemeldet, zuletzt mit einer förmlichen Gefahrenanzeige und einem Antrag „auf unverzügliches ordnungsbehördliches Einschreiten“ an Oberbürgermeister Felix Heinrichs (SPD), den städtischen Fachbereich Kinder, Jugend und Familie sowie an die Mags (Mönchengladbacher Abfall-, Grün- und Straßenbetriebe).
Ein Sprecher der Stadt bestätigt den Eingang der Schreiben und gibt an, eine Rattenbekämpfung sowie die Belegung von weiteren Köderboxen – abseits von denen der Vermieterin Neujahr – durchgeführt zu haben. Der Erfolg der Maßnahmen werde zweimal pro Woche durch regelmäßige Begehungen seitens einer Schädlingsbekämpfungsfirma geprüft. Zudem würden die Köderboxen so lange neu belegt, bis das Lockmittel nicht mehr gefressen werde und keine Rattenspuren mehr zu sehen seien. Der Stadtsprecher teilt weiter mit: Da das Problem schon seit langer Zeit bekannt ist, sei eine gemeinsame Begehung der „Problembereiche“ mit den Schädlingsbekämpfern geplant. Der Termin ist Mitte September.
Für Neujahr ist aber klar: Die Stadt muss sich kümmern. Denn die Ratten würden öffentliche Gehwege als Laufwege nutzen, sich über mehrere Grundstücke ausbreiten und sogar in unmittelbarer Nähe einer Kindertagesstätte auftreten. Die Stadt müsse also den Sachverhalt aufklären und die Verantwortlichen ermitteln. Ende August teilt sie der Redaktion mit, dass sie erneut zwei weitere Müllcontainer habe austauschen müssen. Sie waren sowohl von der Seite als auch von unten durchgefressen. Bald müssten auch die Steinplatten unter dem Müllplatz erneut untergraben und wieder neu positioniert werden. Dann hätte sie bereits etwa 20.000 Euro für alle Maßnahmen ausgegeben. Die will sie eventuell beim Besitzer des Privatgrundstücks, von dem die Ratten kommen sollen, einklagen. Der sagt jedoch auf Anfrage der Redaktion, dass ihm das Rattenproblem bekannt sei, aber das Gesundheitsamt bereits tätig sei. „Was soll ich sonst machen?“
Dass bald eine Begehung stattfindet, befürwortet Neujahr. Sie sagt: „Es ist gut, dass schon einmal etwas passiert.“ Denn an der Situation mit den Ratten habe sich auch etwa drei Monate nach dem ersten Schreiben im Juni nichts verändert. Erst letztens sprang ihr eine Mietinteressentin ab, die vor der Eingangstür auf die Maklerin gewartet und die Ratten gesehen habe. „Das war dann die Höhe!“