Mordprozess Fabian: Richter stellt der Angeklagten bohrende Fragen
Stand: 10.09.2026 20:57 Uhr
Erst war sie psychisch überfordert, nun hat sie sich doch dem Gericht gestellt: Im Prozess um den Mord am achtjährigen Fabian aus Güstrow hat die Angeklagte Fragen beantwortet.
von Andreas Frost
Intensiv hat Holger Schütt die Angeklagte gelöchert. Nach knapp sechs Stunden war der Vorsitzende Richter im Prozess zum Mord an dem kleinen Fabian aus Güstrow dennoch nicht alle seine Fragen losgeworden. Und manche Antworten, die er von Gina H. bekommen hatte, ließen ihn an diesem Donnerstag offensichtlich zweifelnd zurück.
"Um Kopf und Kragen" geredet
Nach einem langen Tag am Landgericht Rostock hatte Rechtsanwältin Christine Habetha keine Zweifel. Die Angeklagte habe sich "um Kopf und Kragen geredet“, sagte die Rechtsanwältin von Fabians Mutter. Gina H. sei den hohen Anforderungen, die ans erfolgreiche Lügen gestellt werden, "offenbar nicht gerecht geworden". Dem wollte Verteidiger Andreas Ohm nicht beipflichten. Zwar sah auch er vermeintliche Widersprüche in den Antworten seiner Mandantin. Aber diese seien keinesfalls geeignet, ihr die Tat nachzuweisen.
Gina H. gerät ins Schwimmen
Bevor Schütt seine erste Frage zu Gina H.‘s 95 Seiten langer Aussage stellte, die sie im August verlesen hatte, versicherte er der Angeklagten, es ginge darum, Widersprüche zu klären; er wolle sie nicht vorführen. Dennoch muss sie sich in den nächsten Stunden zeitweise so gefühlt haben. Zunächst antwortete Gina H. flüssig auf Schütts Fragen. Aber wiederholt geriet sie ins Schwimmen, besserte nach, wenn Schütt sie darauf hinwies, dass die erste Antwort nicht stimmen könne.
Wo hatte sie das Portemonnaie?
Immer wieder ging es um den 10. Oktober 2025, den Tag, an dem Fabian vermisst gemeldet wurde. Immer wieder fragte Schütt nach Details aus ihrer verlesenen Aussage und wie ihre aktuellen Antworten dazu passen könnten. Mal hatte sie ihr Portemonnaie auf einer Fahrt zu einer Güstrower Bank dabei, dann wieder nicht. Mal war sie von einem Treffen mit einem Freund am Bolzsee direkt zur Kita ihres Kindes und zum Einkaufen gefahren. Als Schütt bemerkte, sie habe laut einer Überwachungskamera beim Einkaufen ihr Portemonnaie gezückt, behauptete sie, zwischendurch doch zuhause gewesen zu sein.
Der Vorsitzende Richter tat sich auch schwer zu verstehen, warum die 30-Jährige am 10. Oktober ausgerechnet vormittags in der Nähe des späteren Tatorts bei Klein Upahl in einen Wald spazieren ging. Schwer nachzuvollziehen war auch, warum sie danach quer durch den Wald fuhr, quasi an jenem Tümpel vorbei, an dem Fabian vier Tage später gefunden wurde. Sie hätte den viel kürzeren Weg zurück zur Landstraße nehmen können, um schnell zur nächsten Verabredung zu kommen.
Angeklagte beteuert ihre Unschuld
Gina H. betonte mehrfach, mit Fabians Tod nichts zu tun zu haben. Sie verhedderte sich allerdings auch bei weiteren Antworten. Verteidiger Ohm betonte, die Angeklagte mache halt manche Dinge anders, "als wir es machen würden". Der Prozess soll am kommenden Dienstag mit weiteren Fragen an Gina H. fortgesetzt werden. Gleich nach der Aussage im August hatten die Verteidiger noch Nachfragen abgeblockt. Damals sei Gina H. psychisch dazu nicht in der Lage gewesen.
Zu Beginn des Verhandlungstags wurde erneut ein Experte des Landeskriminalamtes (LKA) als Zeuge gehört. Er hatte bereits das sichergestellte Handy der angeklagten Gina H. ausgewertet und dessen Bewegungen nachvollzogen, was anhand zahlreicher Sensoren in dem Gerät möglich sein soll. Dabei ging es unter anderem darum, wann dieses Handy am mutmaßlichen Tattag, dem 10. Oktober vergangenen Jahres, vermutlich mit einem Auto durch die Gegend gefahren wurde.
LKA macht Vergleichsfahrten
Das Gericht beauftragte die Ermittler, noch einmal mit dem Handy loszufahren, um die Bewegungs-Daten vom 10. Oktober absichern oder infragestellen zu können. Anfang des Monats fuhr der Beamte in einem Polizeifahrzeug zwei Strecken ab, die Gina H. damals nach einem Treffen mit einem Bekannten gefahren sein könnte: vom Bolzsee bei Lohmen zurück zum Tatort, wie es die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage behauptet, beziehungsweise vom Bolzsee direkt nach Reimershagen, wo Gina H. wohnte. Nach Angaben des LKA-Mannes hat das Handy beide Fahrten nachvollziehbar aufgezeichnet. Verteidiger Ohm zweifelte dennoch an der Zuverlässigkeit der Bewegungsdaten. Der Zeuge habe mehrere Ungenauigkeiten nicht erklären können.
Fabian wurde erstochen
Fabian wurde am 10. Oktober vergangenen Jahres von seiner Mutter als vermisst gemeldet. Vier Tage später wurde seine Leiche gefunden. Die Staatsanwaltschaft wirft Gina H. vor, Fabian aus der Wohnung seiner Mutter in Güstrow gelockt und an einem Tümpel bei Klein Upahl rund 15 Kilometer südlich von Güstrow erstochen zu haben. Später soll sie dorthin zurückgekehrt sein, um den Leichnam anzuzünden.
Das achtjährige Kind war der Sohn des damaligen Ex-Freundes der Angeklagten. Sieben Wochen vor Fabians Verschwinden hatte der Vater sich von Gina H. getrennt. Die Staatsanwaltschaft unterstellt in ihrer Anklage, Gina H. habe geglaubt, Fabian sei bei ihrem Bestreben im Weg gewesen, die Beziehung mit Fabians Vater wieder aufnehmen zu können. Mit einem Urteil wird bislang im Oktober gerechnet.
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