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München: Was sind die weiß-orangenen Würfel, die überall herumliegen? - mit "Psst"-Zettel

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Es handelt sich um sogenannte Geophone, die zum Projekt Giga-M gehören. Es ist die bisher größte in Deutschland unternommene Untersuchung, heißes Wasser führende Gesteinsschichten in großer Tiefe zu erkunden. Namensgebend ist die Überzeugung, ein Gigawatt an Wärmepotenzial für den Raum München für Fernwärme nutzen zu können. Die Stadtwerke München (SWM) und die Energiewende Garching sind federführend. Die Technische Universität München ist Forschungspartner.

Was sind Geophone und was zeichnen sie auf?

An vielen der Würfel mit 20 Zentimetern Seitenlänge hängen Zettel. „Psst“, steht darauf, „ich bin ein Geophon.“ Es ist ein erster Hinweis. Die Geräte zeichnen Schallwellen auf und registrieren zum Beispiel, wenn ein Bierlaster in der Nähe steht und ein Arbeiter rumpelnd ein paar Fässer ablädt. Diese Vibrationen braucht man nicht, diese Daten müssen am Ende herausgerechnet werden. Die wichtigen Signale kommen von mächtigen sogenannten Vibrotrucks, die im Untersuchungsgebiet mit den ausgelegten Geophonen das Stadtgebiet abfahren.

Sechs Truck-Trupps sind gleichzeitig auf Tour. Die Fahrzeuge verfügen über schwere Rüttelplatten, die sie im Abstand von 50 oder 100 Metern am Boden aufsetzen und kurz Erschütterungen in die Tiefe schicken. Anhand der Laufzeit der von den Gesteinsschichten zurückgeworfenen Wellen lässt sich später ein dreidimensionales Bild des Untergrunds bis in Tausende Meter Tiefe zeichnen.

Warum kommt ein Würfel nie allein?

Für ein gutes Bild braucht man viele Daten. 40 000 dieser Würfel werden dafür eingesetzt, bei früheren Kampagnen waren sie noch mit Kabeln verbunden. Heute ist das nicht mehr notwendig. Allein 100 Leute sind unterwegs und passen auf, dass sie nicht wegkommen. Sie sammeln jeden Tag 2500 dieser Geräte ein. Die gespeicherten Daten werden dann ausgelesen. Dann werden die Würfel neu im nächsten Untersuchungsgebiet ausgelegt. Stadtwerke-Sprecher Michael Silva sagt, erst mit einer gewissen Menge an Geophonen erhalte man ausreichend Daten für ein differenziertes Bild der Wasserströme in der Tiefe. Auch vom Vibrotruck weiter entfernte Geophone trügen dazu bei. Wie bei einem Stein, der in einen See geworfen werde, setzten sich die Wellen fort und würden in der Tiefe von Gesteinsschichten unterschiedlich zurückgeworfen.

Was erwartet man sich vom Projekt Giga-M?

Die Region München ist deutschlandweit bereits führend bei der Nutzung der Tiefengeothermie. Viele Kraftwerke im Umland versorgen Tausende Haushalte. Die SWM nahmen 2004 ihre erste Geothermieanlage in Betrieb. Aktuell baut das Unternehmen die siebte Anlage, weitere sind in Planung und Vorbereitung. Bis 2040 soll laut dem Vorsitzenden der SWM-Geschäftsführung, Florian Bieberbach, der Münchner Bedarf an Fernwärme vor allem mithilfe von Geothermie gedeckt werden. Das Forschungsprojekt setzen die SWM mit Partnern im Umland und der TU München um. Projektleiter Kai Zosseder vom Lehrstuhl für Hydrogeologie erwartet viele weitere Kraftwerke und sieht eine Bedeutung weit über München hinaus. Das Potenzial der Tiefengeothermie liege bundesweit bei bis zu 300 Terawattstunden pro Jahr. Geothermie könnte etwa ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs decken, sagt er. Bisher werde das viel zu wenig genutzt.

Warum darf man die Würfel nicht einfach mitnehmen?

Es sieht oft aus, als lägen die Geophone achtlos hingeworfen am Boden. Manche sind mit einem Sporn am Boden im Erdreich verankert. Manche sind auch an Stöcken befestigt, an denen blaue Bänder wehen. Das alles hat System. Denn Trupps der Giga-M-Kampagne legen sie an ausgewählten Orten aus, meist in Abständen von bis zu 50 Metern. Für alle gilt gleichermaßen: Finger weg. Auch wenn die Neugier manchen zugreifen lässt: Die Geräte haben für den einzelnen keinen Nutzen, für die Allgemeinheit aber wohl. Das Ziel ist, die Wasserströme in der Tiefe besser nachvollziehen zu können. Bohrungen sollen so besser planbar werden. So soll verhindert werden, dass ein Kraftwerk dem anderen Wärmepotenzial raubt.

Wie finanziert sich das Projekt?

Zig Würfel liegen im Olympiapark aus, als Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) sich am Mittwoch in München ein Bild vom Giga-M-Projekt macht. Seismik-Trucks fahren vorbei. Es ist eine Visite im laufenden Betrieb. Klingbeil sagt, „Giga-M“ trage dazu bei, unabhängig von alten Energieträgern und ausländischen Energielieferanten zu werden. „So schaffen wir die Energiewende.“ 20 Millionen Euro kostet das Forschungsvorhaben zur Tiefengeothermie. Das Finanzministerium in Berlin hat gut elf Millionen beigesteuert aus dem „Klima- und Transformationsfonds“ des Bundes. Als Erinnerung an den Besuch in München bekommt Klingbeil ein Geophon in die Hand gedrückt.

Wird dort gebohrt, wo die Würfel liegen?

Die Routen der Seismik-Trucks und die Lage der Geophone sind kein Hinweis, dass dort auch später einmal gebohrt wird. Also keine Sorge, wenn in der kommenden Woche – wie grob geplant – Würfel am Viktualienmarkt und Gärtnerplatz liegen. Über die Standorte von späteren Kraftwerken, die aus bis zu 5000 Metern Tiefe das Thermalwasser an die Oberfläche holen, entscheiden laut SWM-Sprecher Michael Silva viele Kriterien. Ein Wärmereservoir kann auch aus der Ferne angezapft werden. Moderne Technik erlaubt es, um Tausende Meter abknickende Bohrkanäle in die Tiefe zu treiben. So reicht eine Bohrung des SWM-Geothermie-Kraftwerks beim alten Heizkraftwerk an der Schäftlarnstraße bis unter die Theresienwiese.

Wann liegen Ergebnisse vor?

Aktuell läuft die heiße Phase von Giga-M im Münchner Stadtgebiet. Der Osten steht als Nächstes an. Der Plan sieht vor, etwa bis 20. November die laufende Kampagne mit Trucks und Geophonen im Umland im Osten der Landeshauptstadt abzuschließen. Die Auswertung der großen Datenmengen soll laut SWM dann bis Mitte kommenden Jahres Ergebnisse liefern. Aus dem Giga-M-Projekt soll ein großflächiges, ganzheitliches 3-D-Modell des Untergrunds entstehen, das das Landesamt für Umwelt Interessenten für die Planung von Geothermie-Kraftwerken kostenlos zur Verfügung stellt.

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