Münchner Psychiatrie findet 6.000 Gehirnschnitte von NS-Opfern
Das Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München hat öffentlich gemacht, dass die Forschenden während der NS-Zeit die Gehirne von 486 Opfern des NS-Regimes für ihre Forschung missbrauchten [externer Link] – ohne deren Einverständnis. Noch heute liegen im Archiv etwa 6.000 mikroskopische Gehirnschnitte von ihnen. Ein großer Teil stammt von Kindern, die den "Euthanasie"-Morden zum Opfer gefallen sind.
Zum Artikel: Guillotine-Opfer in der Anatomie – Erlangen erforscht NS-Zeit
Hinrichtungsopfer für die Forschung missbraucht
Schon vor 1933 sahen Gerichtsbarkeit und Medizin in Bayern kein ethisches Problem darin, Leichname von zum Tode verurteilten Mördern nach ihrer Hinrichtung in der Anatomie zu benutzen. So wollte man Krankheiten und den menschlichen Körper besser verstehen. Das setzte sich dann in der NS-Zeit fort, als die Hinrichtungen mit der Guillotine im Gefängnis München-Stadelheim an der Tagesordnung waren.
Von den fast 1.200 Stadelheimer Opfern landete etwa die Hälfte in den Anatomischen Instituten von München, Erlangen, Würzburg und Innsbruck. Auch das Kaiser-Wilhelm-Institut für Psychiatrie – heute MPI – profitierte davon und bekam 35 Gehirne, die unmittelbar nach der Enthauptung mit der Guillotine entnommen und in Alkohol oder Formalin eingelegt wurden. Anschließend fertigten die Anatomen fingernagelgroße, hauchdünne Schnitte an, um sie zwischen Glasträgern unter dem Mikroskop zu betrachten.
Forscher machten sich keine ethischen Gedanken
Ein Mitglied des Forscherteams, das die belastete Geschichte des MPI für Psychiatrie aufgearbeitet hat, ist Michał Palacz von der Oxford Brookes University. "Die Forscher nahmen so viele Leichen, wie sie kriegen konnten", sagt er. "In den Dokumenten gibt es keine Anzeichen dafür, dass sie sich irgendwelche ethischen Gedanken gemacht haben. Und wenn sie die Präparate nicht mehr brauchten, warfen sie sie einfach weg."
Der Dammbruch kam aber ab 1939 mit Opfern der sogenannten Euthanasie, so Palacz. Während die Zahl der Gehirne von Hinrichtungsopfern, Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitenden im zweistelligen Bereich lag, zerlegten die Anatomen die Gehirne von 430 "Euthanasie"-Opfern – also von psychisch Kranken oder Menschen mit einer Behinderung.
Tausende Gehirnschnitte von Opfern der "Euthanasie"
Mehr als die Hälfte waren Kinder unter zehn Jahren, die meist in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar getötet oder von dort zur Tötung abtransportiert wurden, sagt die Haushistorikerin des MPI für Psychiatrie, Anna Greithanner: "Man kann tatsächlich in den Akten nachvollziehen, dass sich freudig darüber geäußert wird, dass dieses 'Material' jetzt zur Verfügung steht und die Forschung dadurch noch ausgeweitet werden kann."
Es gebe sogar Anzeichen dafür, dass die Mediziner nach Gehirnen von ganz bestimmten Kindern fragten und somit möglicherweise sogar Einfluss auf deren Tötung nahmen. Die Forscher nahmen die Präparate zum Teil auch mit nach Hause und legten private Sammlungen damit an. Viele davon dürften verschollen sein.
Mediziner und Forscher brauchen ethisches Bewusstsein
Die Ergebnisse der fünf Millionen Euro teuren historischen Aufarbeitung der Max-Planck-Gesellschaft sind nun in vier Bänden veröffentlicht worden [externer Link]. Es gelte nicht nur, an die Opfer und ihre Biografien zu erinnern und ihnen etwas von ihrer Würde wiederzugeben, sagt Prof. Elisabeth Binder, Direktorin am MPI für Psychiatrie, sondern Forschende und Ärzte müssten sich immer wieder für ethische Fragen sensibilisieren.
Forschende dürften die Würde der Menschen nie aus dem Auge verlieren, sagt Binder: "Als Forscher geht es auch um die Karriere, und wenn sich plötzlich – wie in der NS-Zeit – neue Möglichkeiten eröffnen, weil ethische Grenzen wegfallen, dann müssen wir überlegen, wie wir uns selbst diese Grenzen setzen, damit so etwas nicht mehr passiert."
Sollte man die Präparate bestatten?
Als Nächstes will das MPI darüber nachdenken, wie man mit den Präparaten verfährt. Schließlich sind sie sterbliche Überreste, die man am besten bestatten sollte, so Binder. Sie für eine Ausstellung im Dienste der Erinnerung zu verwenden, sei unethisch. Gemeinsam mit Ethikerinnen, Historikern und psychiatrieerfahrenen Menschen soll also über das weitere Vorgehen diskutiert werden. Vor einer Bestattung sollen aber noch die Familien der Opfer gefunden werden, um sie einzubeziehen: Möglicherweise wollen sie die sterblichen Überreste ja auch in einem Privatgrab bestatten.