Müssen bald über 500.000 Minijobber in Hessen Sozialabgaben zahlen?
Pizzalieferant, Bäckereiaushilfe, Spendensammler und Stagehand beim Konzertaufbau: Obwohl Velian Schubert erst 21 Jahre alt ist, hat er schon so einige Minijobs gemacht. Mit dem Geld finanzierte sich der Student unter anderem eine längere Reise nach Japan. "Hätte ich keinen Minijob gehabt, hätte ich mir den Auslandsaufenthalt nicht finanzieren können", sagt Schubert, der Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences studiert. "Das Tolle war, dass man das Geld, das man erarbeitet hat, auch direkt bekommen hat." "Minijobber springen häufig ein" Ein paar Kilometer weiter, im Modehaus Ruths in Friedberg, machen solche Minijobs auch Arbeitgeber froh. Rund zehn der gut 50 Beschäftigten arbeiten dort geringfügig als Minijobber. Sie springen ein, wenn samstags besonders viel los ist oder kurzfristig jemand krank wird. "Wir brauchen die Minijobber, um diese Spitzen abzufangen", sagt Geschäftsführer Jochen Ruths, der zugleich Präsident des Handelsverbands Hessen ist. "Heute anrufen, morgen muss jemand kommen. So können wir diese Lücken schließen." Doch das Leben mit Minijobs könnte sich ändern. Die Rentenkommission der Bundesregierung schlägt vor, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs weitgehend abzuschaffen. Minijobs könnten prinzipiell zwar weiter bestehen bleiben, doch die Beschäftigten müssten dann wie reguläre Arbeitnehmer Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung zahlen. Vom ohnehin oft überschaubaren Verdienst bliebe damit am Monatsende noch weniger übrig. Ausgenommen werden sollen nach den bisherigen Plänen lediglich Schülerinnen und Schüler. Viele Minijobber im Handel und der Gastronomie Die Reform ist Teil eines 33 Punkte umfassenden Pakets, mit dem die gesetzliche Rente langfristig stabilisiert werden soll. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) haben am Donnerstag angekündigt, die Empfehlungen der Kommission vollständig umsetzen zu wollen. Sofern der Bundestag zustimmt, könnten die neuen Minijob-Regeln bereits nächstes Jahr in Kraft treten. Für Hessen wäre das ein Einschnitt. Nach Angaben der Minijob-Zentrale arbeiten derzeit 525.288 Menschen im Land in einem Minijob. Besonders verbreitet ist das Modell im Einzelhandel mit 87.466 Beschäftigten. Es folgen die sogenannten "wirtschaftlichen Dienstleistungen" wie Gebäudereinigung oder Sicherheitsdienste. Die drittgrößte Minijob-Branche sind Hotels und Gastronomie mit 75.352 Minijobbern hessenweit. Hessischer Handelsverband besorgt Der hessische Handel blickt deshalb mit Sorge auf die Pläne. Sollten viele Beschäftigte wegen der zusätzlichen Sozialabgaben auf ihren Minijob verzichten, drohten Personalengpässe, warnt Handelsverbandspräsident Jochen Ruths. "Wenn uns da die Leute wegbrechen, dann haben wir strukturelle Probleme." So könnte es passsieren, dass Läden wegen Personalnot ihre Öffnungszeiten kürzen müssen. Der Arbeitsmarktforscher Ulrich Walwei vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung teilt diese Sorge nicht. "Dieses Klagen kann ich nicht ganz nachvollziehen", sagt er der hessenschau. Schwankende Personalbedarfe ließen sich aus seiner Sicht auch mit flexibleren Arbeitszeiten regulärer Teilzeit- oder Vollzeitkräfte auffangen. Arbeitsmarktforscher begrüßt Reformvorschläge Er rechne zwar damit, dass es künftig weniger Beschäftigte mit kurzen Arbeitszeiten geben könnte. Doch gleichzeitig könnten andere Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit ausweiten. Insgesamt müsse die Neuregelung deshalb kein Nachteil sein. Auch grundsätzlich hält Walwei die Vorschläge der Rentenkommission für sinnvoll. Aus seiner Sicht verleiteten Minijobs viele Menschen dazu, dauerhaft in einer geringfügigen Beschäftigung zu bleiben, statt in reguläre sozialversicherungspflichtige Arbeit zu wechseln. "Menschen sind geradezu eingesperrt, weil sie sehr viel mehr arbeiten müssten, um zum selben Netto zu kommen", sagt Walwei. Genau deshalb erfüllten Minijobs ihre häufig zugeschriebene Rolle als Sprungbrett in reguläre Beschäftigung nicht. Im Gegenteil: Wer zu lange im Minijob bleibt, riskiert aus Sicht des Experten, später in die Altersarmut zu rutschen. Gerade für Studierende ein Problem Die Studierendenvertretung der Frankfurt University of Applied Sciences hält dagegen. Viele Studierende seien auf Minijobs angewiesen, um Miete, Lebensmittel oder Lernmaterialien zu bezahlen. Insbesondere in einer teuren Stadt wie Frankfurt. Zusätzliche Sozialabgaben würden dazu führen, "dass Studierende am Ende weniger Geld zur Verfügung haben oder gezwungen werden, noch mehr Zeit neben dem Studium zu arbeiten", sagt der Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), Vassilios Miamis. Das könne sich negativ auf Studienerfolg und Chancengleichheit auswirken. Bundestag muss Änderungen noch beschließen Noch sind die Vorschläge der Rentenkommission nicht beschlossen. Die Bundesregierung muss daraus zunächst Gesetzentwürfe erarbeiten, über die anschließend der Bundestag berät und entscheidet.