„Müssen darauf vorbereitet sein“: Putin könnte bald eine Zwangsmobilisierung starten - Selenskyj besorgt
Wer einen Krieg gewinnen will, muss vorausdenken. In der Ukraine hat man den Sommer gedanklich darum längst verlassen. Derzeit mag die Verteidigung relativ gut gelingen – Russland kommt nur langsam voran und die Bevölkerung leidet unter einer Treibstoffkrise infolge ukrainischer Drohnenattacken auf russische Raffinerien. Doch zum Jahresende ist wieder ein Bombardement der ukrainischen Wärmeversorgung zu befürchten, so wie zuletzt im vergangenen Winter. Was nicht die einzige Sorge für Präsident Wolodymyr Selenskyj ist. Denn auf russischer Seite deutet sich eine Zwangsmobilisierung wehrfähiger Männer an. Diese in Russland unbeliebte, für den Krieg gleichwohl gewichtige Maßnahme war seit einer Mobilmachung im September 2022 – dem ersten Jahr der Invasion – vermieden worden. Die Rekrutierungsstrategie bestand stattdessen hauptsächlich darin, Männer mit lukrativen Verträgen in den Krieg zu locken. Nun jedoch legen die Zahlen nahe, dass Russland nicht mehr lange so weitermachen kann wie bisher. 1300 So viele Soldaten opferte Putin pro erobertem Quadratkilometer Land im Juni Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtet gestützt auf ukrainische Angaben, dass Russland zwischen Januar und Anfang Juli ungefähr 195.000 Vertragssoldaten verpflichtet habe. Das seien zu wenig, um das Jahresziel von 409.000 Rekruten in diesem Tempo zu erfüllen. Zumal sich die – ohnehin stets hohen – russischen Verluste offenbar weiter beschleunigt haben. Im Juni verlor Russland pro Quadratkilometer, in den die Armee vordrang, ungefähr 1300 Soldaten. Ein Jahr zuvor waren es laut ISW-Angabe nur 68. Selenskyj befürchtet russische Mobilisierung „Putin wird die Zahl seiner Vertragssoldaten nicht erhöhen können, weil das sehr viel Geld kosten würde“, sagte Selenskyj am Mittwoch laut „Kiev Independent“ auf einer Konferenz in der ukrainischen Hauptstadt. Der russische Machthaber könnte daher eine neue Mobilisierung veranlassen, so Selenskyj. „Wir müssen auf solche Schritte vorbereitet sein.“ Mobilisierung nach den Wahlen? Was den Zeitpunkt einer russischen Mobilisierung angeht, richtet sich der Blick auf die Parlamentswahlen vom 18. bis 20. September. Die gelten angesichts der Repressalien im Land zwar ohnehin nicht als frei. Gleichwohl dürfte der Kreml vorher kein Interesse an weiterer Unzufriedenheit der Bevölkerung haben. Eine „massenhafte Zwangsmobilisierung von Männern im wehrfähigen Alter“ könnte daher nach den Wahlen stattfinden, sagte Osteuropa-Experte Andreas Umland dem Tagesspiegel. Bereits in den vergangenen Monaten mehrten sich die Anzeichen. So ließ der Kreml immer wieder das mobile Internet in Städten abschalten und erschwerte den Zugang zur weitverbreiteten App Telegram. Das Internet ist für viele Menschen in Russland eine wichtige Quelle für Informationen – darunter sind auch Beiträge, die der Staatspropaganda zuwiderlaufen. Ein weiteres Zeichen: Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte jüngst wieder, dass die Invasion in der Ukraine ein „echter Krieg“ sei. Was sich nach einer Selbstverständlichkeit anhören mag, wird zum Signal, wenn man es mit der ansonsten üblichen, verharmlosenden Propaganda vergleicht. Dort wurde der Krieg lange als „Spezialoperation“ bezeichnet. Ein „echter Krieg“ hingegen könnte von der russischen Bevölkerung größere Opfer als bisher verlangen. Zum Beispiel, dass bald auch die Söhne aus städtischen, gut situierten Familien an die Front müssen. Für die ukrainische Armee wäre das schlecht, weil auch sie ihr eigenes Nachschubproblem hat. Zwar desertieren inzwischen deutlich weniger Soldaten, wie der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady jüngst in einem Interview erklärte. Doch diese Verbesserung scheint nicht zu reichen. So trat diese Woche der in der Ukraine beliebte Verteidigungsminister Mychailo Fedorow zurück – nach nur einem halben Jahr im Amt. Selenskyj hatte ihn offenbar zu diesem Schritt gedrängt. Der Präsident war wohl unter anderem unzufrieden, dass Fedorow die versprochene Reform der Mobilisierung nicht umgesetzt habe, berichtet „Ukrainska Pravda“. Auch das deutet auf die hohe Priorität hin, die eine Lösung des ukrainischen Personalproblems hat. Speziell dann, wenn man davon ausgeht, dass Putin bald massenweise Nachschub in die Schlacht werfen kann. Anmerkung: Im Vorspann war zunächst von „Unruhe“ in Russland die Rede, die Formulierung ist nun vorsichtiger. Nach einem Leserhinweis wurde außerdem deutlicher gemacht, dass es im September 2022 eine Mobilmachung in Russland gab.