Mutmaßlich russische Desinformationskampagne zielt auch auf MDR ab
Stand: 13.08.2026 17:14 Uhr Die ausländische Desinformationskampagne "Matrjoschka", auch bekannt als "Operation Overload" oder "Storm-1679", hat ihren Fokus geändert. Sie nimmt nun Ostdeutschland ins Visier und versucht, Einfluss auf die Landtagswahlen zu nehmen. Davon ist ist auch die Berichterstattung des Mitteldeutschen Rundfunks direkt betroffen. Das zeigen Recherchen des MDR. Die Strategie der Kampagne, die Russland zugeschrieben wird: Eine Spaltung zwischen Ost und West vorantreiben. von Marcus Engert, MDR AKTUELL Von der ausländischen Desinformationskampagne "Matrjoschka" ist auch der Mitteldeutsche Rundfunk betroffen. Das haben Recherchen des MDR ergeben. Dabei waren in einem Datensatz auch Fake-Videos mit einem offiziellen MDR-Logo gefunden worden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ordnet die Beiträge der Kampagne zu. Die Chefredakteurin des Mitteldeutschen Rundfunks, Christin Bohmann, verurteilte die Fälschung journalistischer Marken und die Verbreitung von Desinformation als Angriffe auf die Glaubwürdigkeit freier Medien. Der MDR stehe für verlässliche, faktenbasierte und unabhängige Berichterstattung und werde dieser auch weiterhin mit aller Konsequenz treu bleiben. Am Mittwoch hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) vor der koordinierten Kampagne gewarnt und darauf hingewiesen, dass diese sich konkret gegen die freie Berichterstattung im Rahmen der Landtagswahl richte. Dabei gehe es um eine inhaltliche Neuausrichter der bereits bekannten ausländischen Manipulationskampagne mit Namen "Matrjoschka", "Operation Overload" oder "Storm-1679". Kampagne zielt bis in die Kommunalpolitik Nach Einschätzung des Inlandsnachrichtendienstes richten sich die Manipulationswellen seit Ende Juni darauf, eine gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland zu befeuern. Seit Juli 2026 würden zudem verstärkt Falschbehauptungen über Politikerinnen und Politiker verbreitet, die in den anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen antreten. Im August 2026 seien dann zahlreiche weitere Beiträge unter dem Hashtag "TimeToDivideGermany" – übersetzt: "Zeit, Deutschland wieder zu teilen" – erschienen. In dem Papier heißt es weiter: "2026 stehen erstmals auch Landespolitiker und sogar Kommunalpolitiker im Fokus der ausländischen Informationsmanipulation" – ein Zustand, der in den Augen des Nachrichtendienstes eine "neue Qualität" darstellt. Russische Aktivisten warnen seit Jahren MDR INVESTIGATIV liegt ein Datensatz des anonymen russischen Kollektivs "Antibot4Navalny" vor, das nach eigener Aussage seit 2018 Desinformations-Kampagnen und Einflussnetzwerke untersucht. Es hatte frühzeitig gewarnt, dass Matrjoschka seinen Fokus auf Ostdeutschland und die Wahlen verschiebe. Der Datensatz erfasst seit dem 24. Juli insgesamt 338 Posts. 107 von ihnen zielen nach einer Auswertung des MDR darauf, eine gesellschaftliche Spaltung zwischen Ost- und Westdeutschland zu verstärken. Fake-News treffen alle Parteien, außer AfD und BSW Auffällig zudem: In mehr als einem Viertel aller Beiträge werden Falschbehauptungen über die CDU oder ihre Politiker aufgestellt. 65 der registrierten Posts zielen auf die Grünen, gefolgt von der SPD mit 41 Posts. Mit rund einem Dutzend Beiträgen trifft es mit der FDP sogar eine Partei, die im Osten derzeit kaum eine Rolle spielt. Drei Beiträge widmen sich der CSU. Beiträge über die AfD oder das BSW sind bislang nicht bekannt. Das deckt sich mit den Erkenntnissen des Verfassungsschutzes: "Betroffen sind insbesondere Politikerinnen und Politiker von Parteien, die politische Positionen vertreten, die nicht im Sinne der strategischen Interessen der Russischen Föderation sind", heißt es in dem MDR INVESTIGATIV vorliegenden Papier. Typisch: KI-generierte falsche Titelblätter und Videos bekannter Medien Dabei ähnelt sich die Aufmachung der Beiträge stets: Es werden die Titelseiten großer Zeitungen gefälscht oder Videos verbreitet, die die Logos bekannter Medien nutzen – darunter auch solche, die bereits selbst über Matrjoschka berichtet und davor gewarnt haben wie der Spiegel, die ZEIT, das ZDF und tagesschau.de, WELT und BILD, das Handelsblatt und die Deutsche Welle, t-online und der Stern. Die Beiträge sind häufig KI-generiert und auf englisch, zeigen die Bilder Prominenter oder von Lokalpolitikern, sind mitunter mit eindringlicher Musik unterlegt und enthalten reißerische Überschriften, tendenziöse Falschbehauptungen und setzen auf Emotionalität und Empörung. Verleumdung und persönliche Angriffe gegen Politiker Insbesondere bei CDU und Grünen handelt es sich dabei nach einer MDR-Auswertung nicht nur um politische Kritik, sondern um teils extrem schwere und persönliche Vorwürfe wie Korruption, sexuelle Straftaten, Kindesmissbrauch, Betrug, Gewalt oder Drogen. In keinem der Fälle konnte der MDR Hinweise darauf finden, dass die Vorwürfe zutreffend sein könnten. Ermittlungsbehörden hatten in früheren Recherchen anderer Medien ebenfalls keine Hinweise entdeckt. Die direkte Diskreditierung von Politikern ist ein typisches Vorgehen ausländischer Informationsmanipulation. BfV-Analyse Auch Ukraine, Polen-Wahl, Frankreich und Migration im Visier Die dem Netzwerk zugerechneten Konten verbreiteten Anfang 2024 auch Desinformation über die Ukraine und Selenskyj, widmeten sich im Sommer 2024 den Olympischen Spielen. Sie begannen Anfang 2025, die Themen Migration und soziale Unruhen mit Fokus auf Deutschland und Frankreich zu thematisieren und im Frühjahr 2025 die Wahl in Polen. Im April 2025 erschienen zahlreiche Falschbehauptungen und reißerische Beiträge über das US-Entwicklungshilfeprogramm "USAID". Unter der Trump-Regierung wurde das Programm, das weltweit zahlreiche Demokratie-Förderprojekte finanziell unterstützte, im Juli eingestellt. Hinweise auf sinkende Reichweite In Deutschland konnten bereits rund um die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im März Aktivitäten von Matrjoschka registriert werden. Neu ist damit weder die Methode noch das Matrjoschka-Netzwerk selbst. Allerdings sinkt zuletzt Reichweite, die die Beiträge und Fake News erzielen. Wiesen die sozialen Netzwerke in der Vergangenheit für die Beiträge teils erhebliche Reichweiten auf, so scheint die Wirkung der aktuellen Desinformationswelle eher begrenzt. "Antibot4Navalny" misst im Durchschnitt einige hundert Ansichten pro Beitrag und schätzt, ein Großteil davon entfalle auf Faktenchecker, Wissenschaftler und Behörden. Tatsächlich fährt mittlerweile auch Deutschland einen anderen Kurs, wenn es um die Bekämpfung von ausländischen Einflussnahmen geht: Der Bund richtete das "Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen" ein, das BfV registriert nach MDR-Informationen, dass Plattformbetreiber inauthentische Accounts häufiger löschen, nachdem sie von Behörden gemeldet wurden. Experten vermuten Auftraggeber im Kreml Julia Smirnova vom "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" CeMAS beobachtet die Matrjoschka schon seit Jahren. Im MDR-Interview erklärte Smirnova: "Operation Overload oder Matrjoschka ist eine Kampagne, die schon seit 2023 bekannt ist. Sie verbreitet Desinformation über andere Wahlen, zum Beispiel in Armenien oder in Moldau. Sie wird mit großer Wahrscheinlichkeit Russland zugerechnet. Wir wissen aber nicht genau, welches Unternehmen oder welche Organisation mutmaßlich dahintersteckt." Ein sogenanntes Nationales Attributionsverfahren, mit dem eine Einflusskampagne einem bestimmten Absender zugeordnet wird, wurde für Matrjoschka bislang nicht durchgeführt. Zuletzt hatten deutsche Sicherheitsbehörden Ende 2015 eine andere Kampagne namens Storm-1516 der Russischen Föderation zugeschrieben. Auch Innenminister Alexander Dobrindt äußerte sich dazu: Man habe "im Detail im Blick, was da an Falschinformationen versucht wird, zu verbreiten". Auch wenn im Moment dabei eher geringe Reichweiten erzielt würden: "Es ist da und es wird von uns auch beobachtet." Offensichtlich sei es Ziel, Einfluss zu nehmen auf Politik und Gesellschaft, sagte der CSU-Poilitiker: "Gibt es einen Zusammenhang mit Landtagswahlen? Ich würde sagen, wir haben alle ein gutes Gefühl dafür, dass auch gerade solche Desinformationskampagnen natürlich im Umfeld von Landtagswahlen mit stattfinden. Von daher muss man davon ausgehen, dass auch dieses Ziel im Blick der Gegner ist." MDR AKTUELL (ans, asü, ksc)