Mychajlo Fedorow: Vom gefeierten Cyber-Visionär zu Selenskyjs größtem Gegner
Er begann als junger Marketing-Stratege aus dem Süden und stieg zum jüngsten Minister der Ukraine auf. Doch der Versuch, den Krieg wie ein Start-up zu führen, endete im Bruch mit der Kiewer Machtelite. Ein Porträt von Joana Rettig Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Joana Rettig sowie ggf. von Expertinnen oder Experten. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Mychajlo Fedorow brauchte am 18. August gerade einmal knapp zehn Minuten, um eine heilige Regel der ukrainischen Kriegspolitik in Schutt und Asche zu legen. Da saß er vor dieser dunklen Wand, schaute ungerührt in die Kamera und sprach aus, was in Kiew seit viereinhalb Jahren fast schon als politischer Hochverrat gilt: die Forderung nach Wahlen mitten im laufenden Krieg. "Demokratie ist kein Luxus für Friedenszeiten", sagte der 35-Jährige. Dabei wirkte er so nüchtern, als wolle er auf einen Systemfehler in einer App hinweisen. Und er fragte: "Wie soll der Staat funktionieren, wenn der Krieg noch Jahre dauert?" Der Auftritt zeigt, wie weit die politischen Spannungen in der Ukraine inzwischen reichen. Korruptionsskandale, Konflikte innerhalb des Machtapparats und Machtkämpfe gab es auch während des Krieges immer wieder. Doch Fedorow ist kein Oppositionspolitiker und kein langjähriger Gegner Selenskyjs. Er ist auch kein russlandfreundlicher Scharfmacher oder machtgetriebener Demagoge. Er ist der Digital-Pionier, das einstige Wunderkind des Kabinetts und jener Mann, der Wolodymyr Selenskyj einst ins Präsidentenamt verholfen hatte. Aus dem gefeierten Minister für digitale Transformation und radikal-technologisierten Verteidigungsminister ist aber nun ein Rivale des Präsidenten geworden. Aber wer ist dieser technokratische Visionär, der das Land modernisieren wollte, der im Apparat zerschellte und nun eine fundamentale Debatte über die Zukunft der ukrainischen Demokratie erzwingt? Der Junge aus dem Süden Mychajlo Fedorow stammt nicht aus den diplomatischen Zirkeln der Hauptstadt und nicht aus den alten Seilschaften der postsowjetischen Industrieclans. Er wuchs in den 1990er-Jahren im südukrainischen Wassyliwka auf der Südseite des Dnepr auf und studierte an der Nationalen Universität Saporischschja in der Fakultät für Soziologie und Management. Offenbar begriff er schon früh, wie Massenpsychologie und Algorithmen zusammenwirken: Er ließ sich zum "Studentenbürgermeister" wählen, stampfte erfolgreich eine digitale Werbeagentur aus dem Boden und landete auf der ukrainischen Forbes-Liste "30 unter 30". 2014 wollte er bereits mit 23 Jahren als Abgeordneter in die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, einziehen, sammelte aber nicht die nötigen Stimmen. 2019 dann bot sich die Chance seines Lebens. Der damalige Schauspieler Wolodymyr Selenskyj trat zur Präsidentschaftswahl an, Fedorow übernahm die Leitung seiner digitalen Kampagne – und verhalf so Selenskyj zu einem Erdrutschsieg. Jüngster Minister in der ukrainischen Geschichte Der Lohn für den Chefstrategen folgte sofort: Fedorow zog also nun doch in die Werchowna Rada ein und wurde mit 28 Jahren der jüngste Minister in der Geschichte der Ukraine. Und der Auftrag war nicht gerade klein: Er sollte das neu geschaffene Ministerium für digitale Transformation aufbauen. Seine Mission war die radikale Digitalisierung der Verwaltung unter dem Slogan "Der Staat im Smartphone". Sein Meisterstück wurde die Plattform Diia – eine App, die Behördengänge entkrampfte, Gewerbeanmeldungen auf fünf Minuten reduzierte und den Kontakt mit der traditionell korrupten Beamtenschaft minimierte. Schon 2020 stieg er zum Vize-Premierminister auf. Doch dann kam das Jahr 2022, die Großinvasion. Und was viele in Europa nicht bedenken: Der Krieg hat auch für Politiker teils schwerwiegende persönliche Komponenten. Fedorows Geburtsstadt Wassyliwka, südlich der Stadt Saporischschja gelegen, fiel direkt unter russische Besatzung. Seine Mutter und Großmutter konnten am Tag vor dem Einmarsch fliehen, doch sein Vater erlitt in der ersten Besatzungswoche im besetzten Gebiet einen schweren Schlaganfall. Ein Onkel wurde zwischenzeitlich von russischen Besatzungstruppen entführt. Erst in einer riskanten, von Fedorow aus Kiew orchestrierten Rettungsaktion gelang den beiden Männern die Flucht. Zivile App Diia wird zu einer Kriegsplattform Der Krieg war für Fedorow nie Theorie. Doch seine Reaktion darauf war die eines Ingenieurs: Er erweiterte die zivile App Diia zu einer Kriegsplattform, über die Bürger russische Truppenbewegungen melden können. Er erfand die Cyberdiplomatie, indem er etwa mit Elon Musk am ersten Kriegswochenende über X in Kontakt trat und so innerhalb von 24 Stunden den Starlink-Zugang für die Armee organisierte. Er drängte Tech-Giganten wie Meta und Cloudflare zum Rückzug aus Russland – auch wenn dies nie vollends umgesetzt wurde –, baute eine freiwillige Hacker-Armee auf und sammelte über Krypto-Spendenaufrufe binnen kürzester Zeit mehr als 13 Millionen Euro ein, die direkt in Waffen für die Front investiert wurden. Sechs Monate im Verteidigungsressort Im Januar 2026 dann machte Selenskyj Fedorow zum Verteidigungsminister. Der Auftrag lautete: Disruption. Nach fast vier Jahren verlustreichem Stellungskrieg sollte der Digital-Star die erstarrte Kriegsmaschinerie aufbrechen. Fedorow kam mit einer polarisierenden Doktrin ins Haus: Der Mensch ist die knappste Ressource der Ukraine, Material ist ersetzbar. Wo immer ein ukrainischer Soldat im Graben liegt und sein Leben riskiert, müsse künftig eine Maschine stehen. Er wollte den Krieg wegprogrammieren. In den darauffolgenden sechs Monaten agierte Fedorow wie der Sanierer eines insolventen Start-ups: Er vollzog eine radikale Budgetverschiebung: Den Anteil technologischer Waffen und Drohnensysteme schraubte Fedorow von 60 auf 90 Prozent des gesamten Verteidigungsbudgets hoch. Erkämpfte Punkte gegen Ausrüstung Er entwickelte eine Art Amazon für Soldaten: Ein digitales Beschaffungsportal, über das Einheiten an der Front Ausrüstung und Spezialdrohnen direkt und ohne Genehmigungsschleifen aus Kiew anfordern konnten. Und das läuft über ein Punktesystem: Schaltet eine Einheit russische Soldaten, Panzer, Raketenwerfer oder Logistik-Lkw aus und liefert das Drohnenvideo als Beweis, gibt es Punkte. Je größer und wichtiger der Treffer und je schwerer das Ziel, desto höher der Score. Ausgewertet wird der digitale Nachweis direkt im Militärapparat. Wer genug Punkte gesammelt hat, tauscht sie im Online-Katalog ein – gegen frische Drohnen, Bodenroboter oder Störsender für die elektronische Kampfführung. Damit wollte er einen Anreiz schaffen, Angriffe stärker auf strategisch wichtige Ziele auszurichten. Er strich traditionelle, lukrative Rüstungsverträge – etwa für herkömmliche 155-mm-Artilleriegranaten und ein 230-Millionen-Dollar-Panzerreparaturprojekt in einem europäischen Land –, da diese seiner Auffassung nach im modernen Sperrzonen-Krieg überholt seien. Zwischen Heilsbringer und Zerstörer In der Wahrnehmung der ukrainischen Gesellschaft und internationaler Partner existieren zwei fast schon unvereinbare Versionen dieses Mannes. Für die junge, urbane Bevölkerung, die IT-Szene und eine wachsende Zahl junger Frontoffiziere war Fedorow eine Lichtgestalt. Sie sahen in ihm den einzigen Politiker, der den Mut besaß, den korrupten Sumpf der Nachschublogistik trockenzulegen. Seine "Smart-Mobilisierung" – ein Verfahren, bei dem sich Freiwillige online gezielt für Drohneneinheiten bewerben konnten – galt vielen als die fairste Reform des gesamten Krieges. International genoss er enormes Prestige: Der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto bot ihm nach seinem Rauswurf prompt einen Posten als Chefberater in Rom an und meinte, Fedorow habe "die Spielregeln auf dem Schlachtfeld komplett auf den Kopf gestellt". Unter älteren Generälen und der Rüstungslobby gilt er hingegen als der gefährlich naive Nerd – ein weltfremder Theoretiker, der den echten, blutigen Krieg nicht verstand. Ihre Kritik war fundamental: Drohnen und Algorithmen mögen den Feind dezimieren, aber sie können ohne Infanterie, schwere Artillerie und Panzer keine Stellungen halten oder zerstörte Linien zurückerobern. Dass Fedorow die Beschaffung klassischer Artilleriemunition drosselte, um mehr Drohnen-Start-ups zu füttern, werteten führende Militärs als unverantwortliches Sicherheitsrisiko. Hinzu kam sein rücksichtsloser Führungsstil: Um Seilschaften und Bestechungsgelder zwischen Beamten und Rüstungsfirmen aufzudecken, unterzog er etwa Ministeriumsmitarbeiter einem Lügendetektortest. Der Sturz Im Juli zog Selenskyj die Reißleine. Um die eskalierenden Machtkämpfe im Führungszirkel – vor allem zwischen Fedorow und dem damaligen Armeechef Oleksandr Syrskyj – zu beenden, entließ der Präsident überraschend die gesamte Regierung und setzte damit auch Fedorow vor die Tür. Die Reaktion an der Basis war ein Schock für die Präsidialadministration: 72 Prozent der Ukrainer lehnten Fedorows Absetzung laut Umfragen ab. In Kiew kam es zu tagelangen Straßenprotesten junger Menschen, ein Luftwaffenoffizier trat aus Protest zurück. Selenskyj versuchte Schadensbegrenzung, opferte Syrskyj und bot Fedorow hochdotierte Posten als Präsidialberater oder Vize-Premierminister für Innovationen an. Doch Fedorow lehnte kategorisch ab. Er wollte die volle operative Macht im Verteidigungsministerium – oder den Bruch. Das Ressort ging schließlich an Jewhenij Chmara, den bisherigen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU. Der direkte Draht zu Musk hält Fedorow zog sich nicht ins Privatleben zurück. In Interviews gibt er sich kämpferisch, hält eigenen Angaben zufolge weiterhin den direkten Draht zu Elon Musk und kündigte an, kriegsentscheidende Technologien künftig außerhalb der Regierung zu entwickeln. Sollte er in die Privatwirtschaft wechseln, sagte Fedorov in einem Interview mit der "New York Times", würde er sich für ein Unternehmen entscheiden, das an vielversprechenden neuen Militärtechnologien arbeitet – etwa Lasern, humanoiden Kampfrobotern, extrem kostengünstigen Raketen oder einer neuen KI-gestützten Waffe. Diese Waffe wählt ihre Ziele ohne Pilotenverbindung autonom aus und wurde bereits auf der Krim getestet; die Serienreife steht noch aus. Auch außerhalb der Regierung will Fedorow die Infanterie an der Front durch automatisierte Maschinengewehre, Sensoren und Drohnen ablösen. Organisationen wie das Rote Kreuz kritisieren diesen Kurs scharf: Sie pochen darauf, dass die Einhaltung der Genfer Konventionen und die Entscheidung über Leben und Tod im Gefecht zwingend in Menschenhand bleiben müssen. Video macht selbst viele seiner treuesten Unterstützer fassungslos Doch mit seinem Video vom 18. August und dem Frontalangriff auf Selenskyj hat Fedorow wohl eine Grenze überschritten, die selbst viele seiner treuesten Unterstützer fassungslos macht. Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko etwa meint gegenüber dem "Spiegel", Fedorow habe sich damit offiziell zum Führer der Anti-Selenskyj-Opposition gekürt. Liberale Oppositionspolitiker wie Kira Rudik von der Partei Holos warfen ihm einen Bruch mit der Verfassung vor und die nationale Einheit für persönliche Ambitionen zu opfern. Auch Soldaten und Generäle an der Front kritisierten den Aufruf zu Wahlen während des Kriegs scharf. Empfehlungen der Redaktion Kann Putin von der schlechten Ernte in Europa profitieren? Deutscher Waffenhersteller liefert sich "ein Duell um mein Leben" mit Russland Moskau setzt Angriffe am Tag fort - Todesopfer und Verletzte Denn wie ein Gang zur Wahlurne unter ständigem Raketenbeschuss, mit Millionen Geflüchteten im Ausland und Hunderttausenden Soldaten an der Frontlinie logistisch und verfassungsrechtlich funktionieren sollen, darauf bleibt auch Fedorow die Antwort schuldig. Und wie reagiert das Volk auf Fedorows Forderungen? Die Proteste auf den Straßen Kiews, die eben noch seine Rückkehr als Verteidigungsminister gefordert hatten, brachen am Tag nach dem Video schlagartig ein. Verwendete Quellen: Kyivindependent.com: 'I'm skeptical' — Ukrainian soldiers react to Fedorov's bombshell election video, How Ukraine’s prodigy minister is innovating the battlefield Nv.ua: Sacked defense minister Fedorov promises new ‘game-changers’ outside government, addresses public outcry Ukraineverstehen.de: Mychajlo Fedorow: Selenskyjs Shootingstar Spiegel.de: Italien bietet ukrainischem Ex-Minister Fedorow Job an, Er war ein Verbündeter von Präsident Selenskyj, jetzt sägt er an dessen Stuhl Nytimes.com: Political Turmoil Will Not Derail Killer Robot Program, Ousted Minister Says Tagesspiegel.de: Tagesspiegel Background – Mykhailo Fedorov