Nach 140 Jahren wiederentdeckt - jetzt ist der Vogel wieder verschwunden
Ein Monat Regenwald. Zwanzig Fotofallen. Blutegel an den Waden. Und bis zum letzten Tag nichts. Dann scrollte sich der Ornithologe Jordan Boersma durch die Bilder einer Kamera, die auf tausend Metern Höhe an einem Bergkamm über dem Kwama-Fluss gehangen hatte. Er habe die Chance auf ein Foto bei „weniger als einem Prozent“ gesehen, sagte er später. Und dann lief er durchs Bild: ein großer Bodenvogel mit dem breiten, seitlich zusammengedrückten Schwanz eines Fasans. Die Schwarznacken-Fasantaube. Auf der Insel heißt sie Auwo. Der Biologe Doka Nason, der genau diese Kamera aufgestellt hatte, sprang herum und schrie. Auf dem Video, das die Szene festhält, sind die beiden Männer kaum wiederzuerkennen: zwei erwachsene Wissenschaftler, die sich an den Händen fassen und hüpfen wie Zwölfjährige. Es war September 2022. Und es war der letzte gesicherte Nachweis dieser Art. Der Vogel, den nur die Jäger kannten Die Schwarznacken-Fasantaube lebt ausschließlich auf Fergusson Island, einer zerklüfteten Vulkaninsel im D´Entrecasteaux-Archipel vor der Ostküste Papua-Neuguineas. Steile Hänge, dichter Wald, heiße Quellen, kaum Wege. Ornithologen verirren sich dorthin selten. Zwei Bälge aus dem Jahr 1882 – gesammelt vom schottischen Naturaliensammler Andrew Goldie – waren jahrzehntelang alles, was die Wissenschaft von diesem Vogel hatte. 1896 kam ein drittes Exemplar dazu. Danach: Funkstille. Für die Menschen auf der Insel war der Vogel dagegen nie verschwunden. Jäger kannten ihn, es gibt Erzählungen und Gesänge über ihn. Der Name Auwo ist lautmalerisch – er bildet den Ruf des Tieres nach. Genau dieses Wissen war der Schlüssel. Das Team hatte 2019 schon einmal gesucht und nichts gefunden. 2022 fragte es sich systematisch durch die Dörfer, bis es an der Westflanke des Mount Kilkerran auf einen Jäger traf, der den Vogel mehrfach gesehen und gehört hatte. Zwölf Kameras kamen in dieses Gebiet, acht weitere an Stellen, die andere Jäger genannt hatten. Der Treffer kam zwei Tage vor der geplanten Abreise. Warum die „140 Jahre“ nicht ganz stimmen In den Schlagzeilen von damals stand überall dieselbe Zahl: 140 Jahre nicht gesehen. Sie bezieht sich auf 1882. In der Fachpublikation des Teams steht eine andere: 126 Jahre. Denn 1896 wurde noch ein Exemplar gesammelt. Die runde Zahl klingt besser, die kleinere ist korrekter. An der Sache ändert das wenig. Der Vogel steht auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion in der höchsten Gefährdungskategorie. Der Bestand wird auf weniger als 250 erwachsene Tiere geschätzt. Fasantauben legen pro Gelege nur ein einziges Ei – viel Puffer nach unten gibt es da nicht. 2025 blieben die Kameras leer Im Juni und Juli 2025 kehrte das Team zurück. Diesmal wollte es nicht nur beweisen, dass es den Vogel gibt, sondern herausfinden, wie viele es noch sind und wo genau sie leben. Das Ergebnis steht seit März 2026 als Preprint online, also noch ohne wissenschaftliche Begutachtung: kein einziger Nachweis. Weder auf den Fotofallen noch bei den Begehungen. Auch die zweite gesuchte Art, die Langschnabel-Myzomela, ein kleiner Nektarvogel aus den Baumkronen, blieb unsichtbar. Der letzte belegte Nachweis von ihr stammt aus dem Jahr 1988. Die Forscher schränken selbst ein: Das Wetter machte die Expedition kaputt, die Suchzeit war deutlich kürzer als geplant. Ein Nichtfund ist kein Beweis für ein Verschwinden. Bei einem Vogel, der 126 Jahre lang niemandem vor die Linse gelaufen ist, sagt eine leere Speicherkarte ohnehin wenig. Beruhigend ist es trotzdem nicht. Auf der Insel soll Gold abgebaut werden Im Preprint findet sich ein Satz, der eher nach Wirtschaftsteil klingt als nach Ornithologie: Entwicklungen im Rohstoffsektor auf Fergusson erhöhten den Einsatz für den Artenschutz. Gemeint ist das Wapolu-Projekt. Auf der Insel wurde in den Neunzigern schon einmal Gold gefördert, dann wurde die Mine aufgegeben. Jetzt will ein Gemeinschaftsunternehmen des kanadisch-australischen Unternehmens Adyton Resources mit dem Investor EVIH sie wieder anfahren. Nach Unternehmensangaben ist die erste Produktion für die zweite Hälfte des Jahres 2026 angepeilt, ein zweites Vorkommen namens Gameta steht ebenfalls auf der Liste. Der Tagebau liegt nicht im bekannten Rückzugsgebiet der Fasantaube. Aber eine Insel ist eine Insel: Straßen, Camps, Zulieferverkehr, mehr Menschen. Und schon 2022 berichtete das Expeditionsteam, der Hauptgrundbesitzer jener Fläche, auf der die Kamera den Vogel erwischt hatte, habe einen Vertrag mit einem Holzunternehmen unterschrieben. Was von der Geschichte bleibt Die Wiederentdeckung von 2022 war einer dieser seltenen Momente, in denen Naturschutz nach Abenteuerfilm aussieht. Das Bild, das dabei entstand, ist unscharf, körnig und von hinten aufgenommen. Es ist trotzdem eines der wertvollsten Vogelfotos der vergangenen Jahrzehnte. Was danach kam, ist der unspektakuläre Teil, der selten Schlagzeilen macht: eine zweite Expedition ohne Treffer, ein Preprint mit vorsichtigen Formulierungen, ein Bergbauprojekt mit Produktionstermin. Der Auwo ist wieder da, wo er die vergangenen 140 Jahre war – irgendwo im Unterholz, unbeobachtet. Nur weiß man diesmal ziemlich genau, was ihm die Zeit knapp macht. Lesen Sie mehr zum Thema