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Nach 70 Jahren: Familiengeschichte auf zwei Rädern erwacht

Nation

Stand: 11.10.2026 08:41 Uhr

Gerda Dismer bewahrte 70 Jahre lang das Motorrad ihres Vaters im Schweinestall auf. Jetzt kaufte es Sammler Thomas Hahne. Im PS-Speicher in Einbeck gelingt das Unglaubliche: Nach sieben Jahrzehnten springt die Zündapp wieder an.

von Niels Kristoph

Es knattert kurz. Rauch entweicht dem Motorrad und legt die Werkstatt des PS-Speichers in Einbeck (Landkreis Northeim) kurzzeitig in Nebel. Ein kurzes Lebenszeichen eines Motorrads, das wohl älter ist als ein Großteil der Leserschaft dieses Textes. Überrascht und begeistert zugleich stehen die ehemalige Besitzerin Gerda Dismer und die Oldtimer-Experten vom Motorrad- und Automobil-Museum um das schwarze Zweirad. Denn noch vor zehn Minuten hatten sie eigentlich die Hoffnung aufgegeben, die Zündapp-Maschine nach 70 Jahren Stillstand wieder starten zu können. "Das Motorrad befindet sich in einem klassischen, unrestaurierten Originalzustand", freut sich der Motorrad-Kurator Andy Schwietzer über den seltenen Scheunenfund aus der Gründungszeit der Bundesrepublik.

Kindheitserinnerung auf zwei Rädern

Die alte Scheune von Gerda Dismer aus dem Barsinghäuser Ortstteil Egestorf (Region Hannover) - hier also hat das Motorrad über 70 Jahre geschlummert. Die 81-Jährige verbindet mit dem Oldtimer viele Erinnerungen an die eigene Kindheit. Ihr Vater Alfred hatte die Maschine 1949 gekauft. Eine Zündapp DB 200. Die Familie fuhr damit von Dorf zu Dorf. Während der Nachkriegszeit war das Motorrad auf dem Land oft die einzige Möglichkeit, Familie zu besuchen oder Besorgungen zu erledigen, etwa einen Sack Korn für die Schweine kaufen. "Ich saß als Kind auf dem Motorrad oft zwischen meinem Vater und meiner Mutter", erinnert sich Gerda. Da brauchte man einen harten Hintern - und erlaubt war das natürlich auch damals nicht. 1956 meldete ihr Vater das Motorrad ab. Seitdem wurde es nie wieder benutzt. Nun hat das geschichtsträchtige Motorrad einen neuen Besitzer gefunden. Hobby-Sammler Thomas Hahne hat die Zündapp gekauft. Sein Herz schlägt für ein besonderes Detail: das Kennzeichen.

Einfach, robust, verlässlich - das Bauernmotorrad

So etwas hat Motorrad-Liebhaber Hahne noch nicht gesehen: Hinten am Motorrad ist ein altes Nachkriegs-Kennzeichen mit den Großbuchstaben BN (Britische Zone Niedersachsen) befestigt. Die nachfolgende Ziffer 240 steht für den alten Landkreis Hannover. Bei Sammlern sei das schon eine kleine Kostbarkeit, weiß auch der Motorrad-Experte Schwietzer. In der hauseigenen Werkstatt des PS-Speichers kennt man den Wert eines solchen Fundes. Das Modell "Derby" wurde auch im Volksmund "Bauernmotorrad" genannt. Einfach, robust gebaut, als verlässlich und vergleichsweise günstig, erfüllte das Motorrad den Wunsch nach Mobilität in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. So war das Zündapp "Bauernmotorrad" eines der meistverkauften seiner Art in der frühen Bundesrepublik. Der Vorteil für Sammler: Heutzutage gibt es deswegen noch ausreichend Ersatzteile.

Ein Start, der nicht zu erwarten war

Die wird Sammler Hahne auch brauchen, denn der Vergaser ist hin. Werkstattleiter Ulrich Krümmel konnte die Maschine aber auch ohne Vergaser zum Laufen bringen. Ein bisschen Schmiermittel und vorsichtiges Schrauben waren schon notwendig - aber das Motorrad macht seinem Spitznamen alle Ehre: Die Zündanlage funktioniert einwandfrei, selbst der Kondensator geht nach all der Zeit noch. Damit war nicht zu rechnen, zeigt sich selbst der Werkstattleiter überrascht. Sichtlich erfreut ist auch Gerda. Sie ist mit nach Einbeck gekommen, um nochmal den Sound der Kindheit nach 70 Jahren mitzuerleben. Vielleicht setze sie sich auch nochmal drauf, scherzt sie. Der neue Besitzer ihres Motorrads wird das Schmuckstück mit in seine Oldtimer-Sammlung aufnehmen. Wieder eine Scheune. Aber das passt ja auch für ein waschechtes Bauernmotorrad.

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