Nach Antrag von CDU und AfD: Keine neuen Stolpersteine in Heidenau
Erinnerungskultur
Stadtrat folgt AfD- und CDU-Antrag: Keine neuen Stolpersteine in Heidenau
Stand: 25.09.2026 09:48 Uhr
Die Entscheidung des Heidenauer Stadtrats gegen weitere Stolpersteine stößt auf scharfe Kritik. Während die Antragsteller die Form des Gedenkens infrage stellen, warnen Gegner vor einem Verlust sichtbarer Erinnerung im Alltag.
von MDR SACHSEN
Was wurde in Heidenau entschieden und warum?
In Heidenau sollen künftig keine weiteren Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich verlegt werden. Der Stadtrat hat am Donnerstagabend einen entsprechenden Antrag von AfD, CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe mehrheitlich beschlossen.
Für den interfraktionellen Antrag votierten laut Stadtverwaltung in geheimer Abstimmung 13 Abgeordnete. Sechs Abgeordnete stimmten mit Nein, es gab eine Enthaltung. In dem Beschluss heißt es: "Eine Verlegung von sogenannten 'Stolpersteinen' im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich wird künftig abgelehnt."
Antragsteller kritisieren Form des Gedenkens
Zur Begründung ihres Antrags hatten AfD und CDU angeführt, viele Bürger, Angehörige und Initiativen empfänden Stolpersteine im Gehwegbereich als keine angemessene Form des Erinnerns. Namen der Verfolgten würden in den Boden eingelassen und könnten betreten werden.
Das sagt die Stadtverwaltung
Die Stadtverwaltung hatte zuvor empfohlen, den Antrag abzulehnen. Sie argumentierte in ihrer Beschlussvorlage, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und anderer Gewaltherrschaften solle weiterhin sichtbar und wahrnehmbar im öffentlichen Raum stattfinden.
Gerade die Präsenz im Stadtbild ermögliche eine breite Wahrnehmung und die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Geschichte. Ein zentraler Erinnerungsort auf dem Nordfriedhof könne bestehende Formen des Gedenkens ergänzen, sie aber nicht ersetzen.
Bürgermeisterin Conny Oertel (parteilos) sagte MDR SACHSEN am Freitag, es sei in der Debatte nicht um das Ob des Gedenkens, sondern um dessen Form gegangen: "Das will ich ausdrücklich noch mal betonen: Wir sind alle dafür, dass wir der Opfer des Nationalsozialismus gedenken. Es ging nur um die Art und Weise des Wie?", sagte Oertel.
Letztendlich gehe es darum, mehrere Formen des Gedenkens zu schaffen. "Weil nun mal die Menschen verschieden sind und jeder auch anders gedenken möchte." Einzelne Stadträte hätten Stolpersteine abgelehnt, weil auf ihnen herumgelaufen werde oder sie beschädigt werden könnten.
Der Beschluss betreffe künftige Stolpersteine. Bereits verlegte Stolpersteine bleiben, sagte Oertel MDR SACHSEN.
Zentrale Gedenkfläche auf Nordfriedhof geplant
Statt weiterer Stolpersteine soll das Gedenken künftig vor allem auf dem Nordfriedhof der Stadt stattfinden. Diskutiert wurde über eine zentrale Gedenkfläche für Opfer von Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus. Ein solcher Gedenkort könne geschaffen oder in die bestehende Anlage integriert werden. Allerdings stehe der Nordfriedhof als Standort noch nicht fest. Nach Angaben der Bürgermeisterin Oertels müsste zunächst die Zustimmung der Kirche eingeholt werden, weil der Friedhof nicht der Stadt gehört.
Wir in Heidenau wollen gedenken. Gestern ging es nur um die Art und Weise des Wie? Conny Oertel | Bürgermeisterin Heidenau
Verein sieht Erinnerungsarbeit geschwächt
Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Sächsische Schweiz (AKuBiZ) in Pirna hatte weitere Stolpersteine in Heidenau beantragt. Der Verein reagierte mit scharfer Kritik auf die Stadtrats-Entscheidung. "Wir sind entsetzt, wütend und können es nicht verstehen", sagte Anne Nitzschke MDR SACHSEN. Der Verein hatte nach eigenen Angaben die Verlegung von zwölf Stolpersteinen für sieben jüdische Familien und Einzelpersonen beantragt.
Nun befürchtet der Verein, dass die Erinnerung an die Schicksale einzelner Verfolgter künftig weniger sichtbar wird. Die Verlagerung des Gedenkens an einen zentralen Ort führe dazu, dass die Biografien der Betroffenen nicht mehr an ihren früheren Wohn- und Wirkungsorten präsent seien. AKuBiZ prüfe demnach nun alternative Formen des Erinnerns sowie mögliche rechtliche Schritte.
Auschwitz-Komitee: "Schäbiger Versuch"
Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, sprach von einem schäbigen Versuch, Heidenauer Opfer der Nazis erneut aus der Stadt hinauszuwerfen. Dass CDU-Abgeordnete der AfD dabei die Hand reichten, sei ein Skandal.
Die Linken-Abgeordnete im Sächsischen Landtag, Luise Neuhaus-Wartenberg, sprach von einem fatalen Signal: "Wer das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ernst nimmt, darf ihre Namen nicht aus dem Alltag verdrängen."
Stolperstein-Stiftung: "Weltweit größtes Mahnmal"
Auch die Stiftung des Stolperstein-Initiators Gunter Demnig reagierte empört auf die Entscheidung. Laut Demnig arbeitet die Stiftung europaweit mit rund 3.200 Kommunen zusammen, nur fünf hätten sich gegen Stolpersteine entschieden.
Nach Angaben der Stiftung Spuren des Künstlers Gunter Demnig wurden bislang mehr als 128.000 Stolpersteine in 31 europäischen Ländern verlegt. Die Stiftung bezeichnet das Projekt als das weltweit größte dezentrale Mahnmal.
Kritik an Stolpersteinen nicht neu
Kritik an Stolpersteinen gibt es auch außerhalb Sachsens: Gegner argumentieren seit Jahren, dass die Namen der NS-Opfer im Gehwegbereich liegen und damit betreten werden können. Ein bekanntes Beispiel ist München. Dort dürfen Stolpersteine seit 2015 nicht mehr auf öffentlichem Grund verlegt werden.
Die Hintergründe seien jedoch andere gewesen, sagte die Geschäftsführerin der Stiftung des Stolperstein-Initiators Gunter Demnig, Katja Demnig. So hätten dort auch Vertreter der jüdischen Gemeinde die Form des Gedenkens kritisch gesehen. Stattdessen erinnert die Stadt unter anderem mit Gedenktafeln und Stelen an NS-Opfer.
MDR (kav/lum),epd