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Nach dem Abstieg: O Fortuna - wie in Düsseldorf die Euphorie zurückkehrte

Sport

Audioplayer wird geladen Anzeige Der 17. Mai hat sich tief eingebrannt bei allen, die es irgendwie mit Fortuna Düsseldorf halten. Es war der letzte Spieltag der vergangenen Zweitligasaison, der Tag, an dem der Traditionsverein aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt in die Dritte Liga abstieg. Dabei waren alle davon ausgegangen, dass genau das nicht passieren kann – trotz einer katastrophalen Saison, in der bereits zwei Trainer verschlissen worden waren. Doch wenn die Fortuna beim Mitkonkurrenten in Fürth gewonnen hätte, einen Punkt geholt oder selbst wenn sie nur mit zwei Toren Unterschied verloren hätte – sie wäre gerettet gewesen. Doch die Mannschaft verlor 0:3. Es schien unfassbar. Dann brachen die Dämme – auf dem Rasen und auf den Rängen. Entsetzen, Trauer und Wut entluden sich. Die Profis, die in dem Irrglauben, um den Aufstieg in die Bundesliga zu spielen, in die Saison gegangen waren, weinten – die Fans, die sich, je länger die Saison dauerte, immer mehr wie in einem Albtraum vorkamen, pöbelten, beleidigten und beschimpften die Spieler als Söldner. Sie rechneten mit vermeintlichen Versagern ab. Anzeige Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed. „Wenn wir an diesem Tag 0:5 hätten verlieren müssen, um abzusteigen – dann hätten wir auch 0:5 verloren“, sagt Alexander Jobst, wenn er an den Abstieg zurückdenkt. „Man fühlte sich von der Mannschaft im Stich gelassen“, erklärt der Vorstandschef der Fortuna. Irgendwann habe Jobst seine Frau angerufen. „Ich habe gesagt: Das hat uns gebrochen“, so der 52-Jährige. Wer kann noch eine Perspektive erkennen, wenn er auf einen einzigen, gigantischen Scherbenhaufen blickt? Anzeige Gut zwei Monate später sieht das anders aus. Die Fortuna steht eine Woche vor dem Auftakt in ihre erste Drittligasaison seit 18 Jahren. Am Freitag geht es zum SV Waldhof Mannheim (19 Uhr, Magenta Sport), und Jobst, der seit dem Abstieg quasi durchgearbeitet hat, nimmt sich trotz seines Urlaubs Zeit für ein Gespräch mit WELT AM SONNTAG. „Du kannst einen Abstieg nicht allein reparieren. Du brauchst ein Team und Menschen, denen du vertrauen kannst“, sagt er. Das Vertrauen spürt er mittlerweile wieder. So sei es gelungen, wieder etwas aufzubauen – die Voraussetzung für einen Neustart zu schaffen. Der unrühmliche Abschied von Klaus Allofs Der Mann, von dessen Arbeit es abhängen wird, ob er gelingen kann, ist der eine Woche nach dem Abstieg gekommene Sportvorstand Samir Arabi. Der frühere Geschäftsführer von Arminia Bielefeld war bereits im Winter als Nachfolger des Düsseldorfer Vereinsidols Klaus Allofs im Gespräch – doch dann hatte sich der Aufsichtsrat für Sven Mislintat entschieden. Lesen Sie auch Die Gründe für den Absturz sind vielschichtig – doch die Entscheidungen, die Allofs in der Spätphase seiner Funktionärstätigkeit und der seit Anfang 2022 unter ihm arbeitende Sportdirektor Christian Weber getroffen haben, gelten für viele Kritiker als ursächlich. Der Kader war unausgewogen zusammengestellt, der Mannschaft fehlte es an Torgefahr und vor allem an Identifikation. Die Fortunen wurden Opfer ihrer Ungeduld – wohl ausgelöst durch ein Trauma. 2024 verpasste der Verein den Sprung in die Bundesliga auf denkbar tragische Weise. In der Aufstiegsrelegation gewannen die Düsseldorfer das Hinspiel beim klassenhöheren VfL Bochum 3:0 und wähnten sich am Ziel. Was nur noch als Ouvertüre zu einer großen Party galt, endete im Desaster: Beim Rückspiel in Düsseldorf hieß es nach 120 Minuten 0:3 – und die Bochumer gewannen das Elfmeterschießen 6:5. Das war ein schwerer Schock. Als auch der nächste Anlauf misslungen war – 2024/25 verpassten die Düsseldorfer erneut die Aufstiegsplätze – machte sich Aktionismus breit. Das führte in der verhängnisvollen vergangenen Saison zu Chaos. Nach einem schwachen Start trennte sich Allofs vom bei Fans und Spielern beliebten Trainer Daniel Thioune. Diese Entscheidung war intern umstritten, doch niemand wagte es, Allofs in den Arm zu fallen. Anfang Dezember gab der Klub dann bekannt, dass der frühere Fortuna-Spieler seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde – knapp zwei Wochen darauf wurde Allofs freigestellt. Es war ein unrühmliches Ende der Tätigkeit einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der Klubgeschichte. Für ihn übernahm Mislintat, der fünf Spieltage vor Saisonende den von Allofs verpflichteten Trainer Markus Anfang durch Alexander Ende ersetzte. Mislintat ist seit dem Abstieg auch schon wieder Geschichte – nur Ende ist noch da. Bei der Fortuna mussten 67 Mitarbeiter gehen Es hätte viel aufzuarbeiten gegeben, hätte es Zeit gegeben. Doch die veränderten Realitäten verlangten schnelles Handeln. „Die Fallhöhe von der Zweiten zur Dritten Liga ist ohnehin sehr groß, bei uns war sie nochmal ein Stück größer. Denn wir hatten uns in den vergangenen drei Jahren im wirtschaftlichen Kontext ja bereit gemacht, die Bundesliga anzustreben“, sagt Jobst. Umso einschneidender fielen die Maßnahmen aus, die ergriffen werden mussten – und umso größer war die Unruhe, die sie auslösten. 67 Mitarbeiter mussten gehen, mehr als 50 Prozent der Belegschaft. Die Personalkosten wurden von sieben auf 3,5 Millionen Euro reduziert. „Das hat den ganzen Verein emotional tief durchgeschüttelt“, so Jobst. Doch die Alternative wäre die Insolvenz gewesen. Allein bei den Fernsehgeldern stürzte die Fortuna von 17,5 Millionen Euro auf 1,8 Millionen: 1,3 Millionen wie jeder der 20 Drittligavereine, zuzüglich 500.000 Euro, die die Absteiger als „Rettungsschirm“ bekommen. Wie soll unter diesen Umständen eine neue, wettbewerbsfähige Mannschaft zusammengestellt werden? Nur zehn Spielerverträge galten für die Dritte Liga. Arabi arbeitete mit einer klaren Priorisierung. Er machte sich auf die Suche nach Ankerspielern für jeden Mannschaftsteil, schuf zunächst ein Korsett. Die wirtschaftlichen Kriterien: Die Spieler durften so gut wie nichts kosten. Von den 15 Zugängen, die bislang gekommen sind, kosteten lediglich Mittelstürmer Eric Hottmann (300.000 Euro) und Mittelfeldspieler Miguel Goncalves (25.000 Euro) eine Ablöse. Noch wichtiger war es Arabi jedoch, dass jeder Neue mental bereit ist – für den Klub und die Liga. „Ich werde keinen Spieler anhand einer Videositzung verpflichten. Wir wollen alle kennen“, hatte er angekündigt. Eine Mannschaft ohne Identifikation wäre in der Dritten Liga noch fataler. Parallel mit dem Wachsen der neuen Mannschaft ging ein Stimmungswandel einher. Der Verein erhöhte seine Präsenz in der Stadt und betrieb Werbung in eigener Sache. Mit durchschlagendem Erfolg: Die Fortuna gewann neue Mitglieder, verkaufte über 19.000 Dauerkarten – 6000 mehr als kalkuliert. „Wir müssen ganz viel Vertrauen zurückgewinnen“, erklärt Jobst. Das, was noch zwei Monate zuvor utopisch erschienen war, zeichnet sich mittlerweile deutlich ab: Die Fans nehmen es der Klubführung wieder ab, dass sie sich nach allerlei Fehlern und Personalrochaden wieder „auf das Wesentliche, auf das Kerngeschäft konzentriert“, so Jobst. Stadt Düsseldorf erlässt die halbe Stadionmiete Die Basis scheint gelegt. Der Verein kalkuliert mit einem Zuschauerschnitt von 25.000. Vor allem aber macht es sich bezahlt, dass bereits vor Jahren ein Konzept ins Leben umgesetzt wurde, das dem Klub wirtschaftlich neue Möglichkeiten erschlossen hat: „Fortuna für alle“. Die Aktion hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, da sie es Fans ermöglicht hatte, ausgewählte Heimspiele kostenfrei zu besuchen. Zwölfmal strömten in drei Jahren jeweils 51.000 zu diesen Partien in die Arena – dank der Finanzierung durch Sponsoren. Der Klub steigerte seine Wahrnehmung, gewann neue Partner – und verbesserte sein bis dahin eher angespanntes Verhältnis zur Kommune, die nie eine klassische Fußballstadt war. Auch wenn es die Freispiele in der Liga nicht mehr geben wird: Die Stadt erließ der Fortuna die Hälfte der Stadionmiete, und die langfristig gebundenen Sponsoren blieben bei der Stange. Dank zwölf Millionen Euro an Vermarktungserlösen kann der Verein mit einem Budget von 7,5 Millionen Euro planen – ein mehr als guter Rahmen für die 3. Liga. „Natürlich gab es auch Diskussionen zu unserer Zielsetzung. Es ist ja klar, dass die Partner den Weg nur mitgehen, wenn wir planen, so schnell wie möglich wieder nach oben zu kommen“, sagt Jobst. Innerhalb von drei Jahren soll das gelingen. Der Abstieg, erklärt Jobst, hänge ihm emotional immer noch in den Klamotten. „Aber wir haben in den vergangenen Wochen so viel Zuspruch bekommen – von Fans, Mitgliedern, Menschen auf der Straße, Unternehmen und der Politik. Diese Stadt wünscht sich von ganzem Herzen eine starke Fortuna.“ Düsseldorf könnte vielleicht sogar ohne die Fortuna – aber die Düsseldorfer wollen nicht ohne.

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