DAX +0,70 % 26.323,88 Pkt 18:00:00 MDAX -0,55 % 32.251,14 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,18 % 6.535,62 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,17 % 53.975,98 Pkt 22:40:36 S&P 500 +0,56 % 7.753,11 Pkt 22:38:36 Nasdaq +0,98 % 26.605,36 Pkt 23:15:59 Nikkei +2,08 % 66.970,22 Pkt 08:45:03 Gold +0,81 % 4.455,30 USD 03:03:43 Silber +0,69 % 65,73 USD 03:03:43 Brent -0,15 % 87,59 USD 03:03:31 WTI -0,11 % 82,04 USD 03:03:46 Bitcoin +0,16 % 64.013,39 USD 03:13:44 EUR/USD -0,06 % 1,15490 USD 03:13:24 EUR/GBP -0,23 % 0,85460 GBP 03:13:46 EUR/CHF +0,11 % 0,93490 CHF 03:13:48 EUR/JPY +0,69 % 183,722 JPY 03:13:47

Nach dem Anschlag auf den CSD: Nicht nur Poller, auch Bänke sind Sicherheitspolitik

Wissenschaft

Nach dem schrecklichen Anschlag auf den Christopher Street Day wird verständlicherweise über Kontrolle gesprochen, über Poller, Kameras und Polizeipräsenz. Das alles ist notwendig. Eine offene Gesellschaft braucht sie dort, wo Vertrauen missbraucht oder zerstört wird. Aber Kontrolle allein schafft noch kein Vertrauen. Deshalb müssen wir auch über etwas anderes sprechen, das wichtig ist: Wie lässt sich Vertrauen so aufbauen, dass Menschen einander wieder mehr zutrauen? Der Berliner Soziologe Georg Simmel hat darauf vor mehr als hundert Jahren eine tiefgründige Antwort gegeben. Vertrauen, schrieb er, bedeutet, auf das wahrscheinliche Verhalten anderer zu setzen. Wir wissen nie genau, was unser Gegenüber tun wird. Trotzdem setzen wir uns neben einen Fremden auf eine Bank, fragen nach dem Weg oder lassen Kinder über einen Platz laufen. Niklas Luhmann hat später gezeigt, dass moderne Gesellschaften ohne diesen stillen Vorschuss kaum funktionieren könnten. Ein solcher Vorschuss entsteht allerdings nicht von selbst. Er wächst dort, wo Menschen einander begegnen, miteinander sprechen oder einfach immer wieder die Erfahrung machen, dass der andere meist keine Bedrohung ist. Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Aber es lässt sich anlegen. Und dafür braucht es Orte. Ich mag Plätze, auf denen man länger bleibt, als man eigentlich wollte, weil Kinder spielen, jemand ein Buch liest oder Touristen, Nachbarn und Berufstätige ganz selbstverständlich denselben Raum teilen. Solche Orte erzählen viel darüber, was Berlin seinen Bürgerinnen und Bürgern zutraut. Sie machen das Miteinander zur alltäglichen Erfahrung. Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf den soeben ausgewählten (zweiten) Entwurf für die geplante Sanierung des Lutherdenkmals an der Marienkirche. Berlin investiert dafür 3,9 Millionen Euro. Die weit über drei Meter hohe Statue und ihr Umfeld werden sorgfältig instand gesetzt. Das ist richtig, denn unsere Denkmäler verdienen Aufmerksamkeit und Pflege. Der ausgewählte Entwurf konzentriert sich jedoch vor allem auf die denkmalgerechte Wiederherstellung. Was er kaum beantwortet, ist die Frage, welche Rolle dieser besondere Ort künftig für die Stadt spielen soll. Soll er vor allem ein restauriertes Denkmal sein – oder ein Platz, an dem Menschen verweilen, einander begegnen und Geschichte mit der Gegenwart ins Gespräch bringen? Gerade auf der Sichtachse zwischen Rotem Rathaus und Marienkirche liegt einer der prägnantesten Plätze Berlins. Hier könnte ein Raum entstehen, der Geschichte bewahrt und zugleich neues städtisches Leben ermöglicht: mit Bäumen, die Schatten spenden, Hitze mindern und Regenwasser aufnehmen, mit Sitzgelegenheiten, auf denen Menschen verweilen, lesen oder miteinander ins Gespräch kommen. Ein Ort, der ansprechend gestaltet ist und Begegnungen ermöglicht. Und mittendrin Luther. Als Denkmal des 19. Jahrhunderts und als jemand, dessen Gedanken bis heute Antworten geben und Fragen aufwerfen. Luther war kein Demokrat im heutigen Sinn. Aber seine vielleicht größte Leistung bestand darin, den Menschen etwas zuzutrauen. Er übersetzte die Bibel in ihre Sprache. Er war überzeugt, dass Menschen selbst lesen, selbst verstehen und sich ein eigenes Urteil bilden können. Warum greift dieser Ort diese Idee nicht auf? Warum lädt er nicht dazu ein, Luther neu zu entdecken – mit Hinweisen auf seine Bibelübersetzung, auf andere Texte über Glauben, Verantwortung und Freiheit, vielleicht auch mit Stimmen, die ihm widersprechen? Ein Denkmal kann Vergangenheit bewahren. Ein öffentlicher Raum kann die Vergangenheit mit der Gegenwart ins Gespräch bringen. Gerade in einer Zeit, in der Populisten vom Misstrauen leben, wäre das mehr als nur eine gelungene Renovierung. Es wäre ein Beitrag dazu, Vertrauen im Alltag wachsen zu lassen. Wir investieren mit gutem Grund in Kontrolle. Vielleicht sollten wir mit derselben Entschlossenheit Vertrauen anlegen. Denn eine offene Gesellschaft lebt nicht nur davon, dass sie ihre Menschen schützt. Sondern auch davon, dass sie ihnen etwas zutraut.

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