Nach der Trennung: Evolutionäres Bedürfnis nach kooperativer Fürsorge beider Elternteile
KI-Stimme. Info Zunächst erklärt Dr. Jorge Guerra González Eltern-Kind-Entfremdung auf eine sehr verständliche Art: „Das absichtliche und ungerechtfertigte Abschneiden von Eltern-Kind-Bindungen bezeichnet ein Phänomen, bei dem ein Kind – oft im Kontext hochstrittiger Sorgerechtsstreitigkeiten – einen Elternteil ohne legitime Begründung zurückweist. Typischerweise aufgrund von Manipulation oder Druck durch den anderen Elternteil.“ Dr. Guerra González ist als Jurist, Psychologe, Universitätsdozent, Mediator und Gutachter tätig. Er hat bei qualitativen und quantitativen Studien festgestellt, dass bei Erwachsenen, die von diesem Abschneiden transgenerational betroffen sind oder waren, die Lebenszufriedenheit und der physische sowie psychische Gesundheitszustand dramatisch sinken bzw. gesunken sind. „So schlafen die Menschen zum Beispiel oft sehr schlecht, sie leiden unter starken Depressionen oder haben suizidale Gedanken.“ Ein evolutionäres Bedürfnis nach kooperativer Fürsorge beider Elternteile Er nimmt auch Stellung zu der Frage, ob das Phänomen Eltern-Kind-Entfremdung ein Syndrom sei. Daran entzünden sich ja immer wieder Gedanken, ob es dieses Phänomen überhaupt gebe. Dr. Guerra González verneint, dass sie ein Syndrom sei, denn dann müsste die Entfremdung eine Fülle von Symptomen und klar erkennbaren, stets wiederkehrenden Mustern aufweisen, wie es sie bei Krankheiten gibt, etwa bei einer Grippe (Husten, Schnupfen, Fieber etc.). „Die Entfremdung ist erst mal kein Syndrom, weil ein solches eine medizinische Diagnose wäre, die von entsprechenden Gremien anerkannt werden sollte. Dies ist bislang noch nicht der Fall“, sagt der Jurist und Psychologe. Dies bedeute aber nicht, dass Eltern-Kind-Entfremdung keine gravierenden Folgen mit sich bringe, Studien belegten das Gegenteil. Eltern-Kind-Entfremdung existiere, und man müsse sich damit gesellschaftlich und wissenschaftlich auseinandersetzen. „Ist häusliche Gewalt ein Syndrom? Nein, trotzdem müssen wir uns Gedanken machen auf unterschiedlichsten Ebenen zum Opferschutz.“ Der unnatürliche Bruch im Bindungssystem Mutter/Vater/Kind hat messbar psychologische und möglicherweise darüber hinaus „neuroentwicklungsbezogene Schäden beim Kind zur Folge“, die dieses in sein Erwachsenenleben eventuell mit hinübernimmt. Untersuchungen zeigen, dass Eltern mehr leiden als Kinder Aber die Untersuchungen von Dr. Guerra González haben erstaunlicherweise weiterhin deutlich gemacht, dass die jeweiligen Elternteile unter dem absichtlichen und ungerechtfertigten Abschneiden der Bindungen noch mehr leiden als die Kinder. Neurobiologisch wirkt sie sich auf die entfremdeten Eltern aus – „denn deren Gehirne und Körper sind zwar auf Fürsorge vorbereitet, aber nicht darauf, dass ihnen diese Rolle verwehrt wird, das wiederum führt zu Symptomen, die einer Trauerreaktion ähneln.“ Dezidiert erklärt Dr. Guerra González, warum Frauen mit Entfremdung noch mehr zu kämpfen haben als Männer. „Wenn Frauen schwanger sind, bereiten sich Gehirn und Körper genau darauf vor, nämlich auf den Schutz und den Empfang des Kindes. Damit signalisieren sie schon dem ungeborenen Kind: Ich bin für dich da, und zwar für immer.“ Auch der Vater sendet diese Signale, jedoch erst, wenn das Kind geboren ist. Allerdings ging es seit Urzeiten vordringlich darum, dass die Nachkommen überleben. Und dafür haben Mutter, Vater und die ganze Sippe zu sorgen. Denn die Altrizialität ist ein wesentliches Merkmal unserer biologischen Entwicklung. Wird dem Kind ein Elternteil genommen, verliert es das essenziell wichtige Urgefühl der Geborgenheit Altrizialität umschreibt die „einzigartige Verletzbarkeit bei der Geburt, von Kind und Mutter und das daraus erwachsende besondere evolutionäre Bedürfnis nach kooperativer, idealerweise biparentaler Fürsorge“. Und nicht zu vergessen: Im Gegensatz zu den meisten Tieren und Säugetieren bedürfen Kinder nach der Geburt noch jahrelanger Fürsorge und Pflege. „So wird verständlich, warum Kinder in hohem Maße auf sichere Bindungen für ihre psychologische und neurologische Entwicklung angewiesen sind.“ Und die biologische Grundlage des Elternseins bekräftige das Recht des Kindes auf beide Elternteile, natürlich sofern sie keine Gefährdung darstellen. Wird dem Kind ein Elternteil genommen, verliert es das essenziell wichtige Urgefühl der Geborgenheit und Sicherheit in der Familie. Neurobiologische Untersuchungen bei Vätern und Müttern während des Übergangs zur Elternschaft weisen „strukturelle Veränderungen im Gehirn, hormonelle Anpassungen und eine gesteigerte Reaktionsbereitschaft auf Signale des Säuglings“ auf. Diese Anpassungen untermauern die Sichtweise, „dass Eltern-Kind-Bindungen biologisch verankert und sich gegenseitig verstärkend sind“. Dr. Guerra González: Eine staatliche, politikferne Einrichtung soll den Gang vor das Gericht verhindern Dies mag verdeutlichen, was bei Kindern, die nun erwachsen sind, passiert: Es kann durchaus sein, dass durch transgenerationale Effekte Entfremdung in neu gegründete Familien unterbewusst transportiert wird. Entweder, weil man gewisse Muster verinnerlicht hat oder weil man dadurch berufen wird, sie zu überwinden. Aber zu diesem Feld müsse aus Sicht von Dr. Guerra González noch viel intensiver und tiefer geforscht werden. Aus psychologischer Sicht vertritt Dr. Guerra González die Auffassung im Podcast: „Nach Trennungen von Eltern ist Entfremdung nicht der Plan eines Elternteils, sie ergibt sich im Laufe der Trennung, wenn diese strittig oder hochstrittig und etwa mit nicht regulierten, verletzten Emotionen bzw. bis dahin unbekannten Aggressionen verbunden sind.“ Einmal mehr plädiert er für eine staatliche, politikferne Einrichtung, die sich getrennten Eltern widmet, ihnen hilft, vermittelt und mäßigend agiert und die eben ganz deutlich vor dem Gang zu Gericht einzuschalten ist und hoffentlich eben diesen tatsächlich vermeidet. „Wir sprechen also von einer Instanz, die das gemeinsame Gespräch und mediative, vermittelnde, wertschätzende und respektvolle Prinzipien auf Augenhöhe in den Mittelpunkt stellt.“ Mehr zu „Wenn Eltern Feinde werden“ „Der Schmerz des zurückgelassenen Elternteils ist einfach immer da“ Soldatin und Mutter über Trennung: „Mein Sohn erkannte mich quasi nicht mehr“ Grandiose und verletzliche Narzissten, Love Bombing und die Beton-Wand Wenn Eltern Feinde werden: Eine „ernsthafte Bedrohung für die kindliche Entwicklung“ In Belgien, so Dr. Guerra González, könne man „Friedensanwälte“ in Anspruch nehmen, sofern sie im Rahmen des dortigen Konsensusmodells tätig sind. Dies sind Anwälte, die – statt sich mehr oder weniger feindlich und parteilich mit „gegnerischen Anwälten“ vor Gericht zu streiten – um Ausgleich zwischen den Juristen bemüht sind, damit den Eltern und den Kindern langwierige, kostspielige und nervenraubende Verfahren erspart werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dort wie hier sind diese Verfahren sehr teuer – inklusive saftiger Gutachten, psychologisch-therapeutischer Betreuung oder vorübergehender, bisweilen dauerhafter Arbeitsunfähigkeit eines Elternteils. Der Jurist und Psychologe weiß aus gelebter Praxis als Mediator und Verfahrensbeistand, „dass nach Trennungen, besser noch vorher, wenn sie abzusehen sind, präventive Kommunikation großgeschrieben werden muss. Wobei beide Seiten Empathie walten lassen sollten und bereit sein müssten, „Fehler einzugestehen. Es hat wahre Größe, zu sagen: Es tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht.“ Er betont nochmals den multidisziplinären Mediationsansatz, „der die Neurowissenschaft, die evolutionäre Psychologie und das zu modernisierende Familienrecht unter einen Hut bringt, um für Gerechtigkeit in getrennten familiären Verhältnissen, insbesondere für die Schwächsten in diesen Konflikten, die Kinder, Sorge zu tragen.“ Eltern-Kind-Entfremdung, das Abschneiden von lebenswichtigen Eltern-Kind-Bindungen, sind eine „ernsthafte Bedrohung für die kindliche Entwicklung.“