Nach Insolvenz: R-Pharm in Illertissen wird stillgelegt
Bittere Nachrichten für die 280 Beschäftigten des Arzneimittelherstellers R-Pharm Germany in Illertissen: Sie werden alle ihren Job verlieren, das insolvente Unternehmen steht vor dem Aus. Insolvenzverwalter Markus Fröhlich konnte keinen Abschluss mit einem Investor erreichen. Dabei gab es bis zum Schluss noch Hoffnung auf einen Verkauf und damit eine Rettung des Illertisser Traditionsunternehmens. Zwei potenzielle Käufer waren im Gespräch. Aber daraus wurde bisher nichts.
„Erst mal eine rauchen“, sagt eine Frau am Werkstor von R-Pharm am Mittwochmorgen. Kopfschüttelnd ziehen sie und ein Pulk von Kollegen an den Medienvertretern vorbei. „Nein, wir dürfen nichts sagen.“ Die meisten von ihnen halten ein Papier in den Händen und studieren die Zeilen. „Ja, das ist meine Kündigung“, bestätigt ein Mann. Er ist gefasst. „Ich gehe bald in Rente“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Es ist ja angedroht worden, dass es so kommt“, sagt ein anderer Mitarbeiter. Mehr lässt er nicht raus. Ein Mitarbeiter hat das Gefühl: „Es ist allgemein verträglich, die meisten haben damit gerechnet.“ Eine Frau mit verweinten Augen geht Richtung Parkplatz.
Fehlende Finanzierung verhindert Übernahme in Illertissen
„Mit den gescheiterten Verhandlungen gibt es keine Aussicht mehr auf eine Fortführungslösung“, sagt Insolvenzverwalter Fröhlich. Er hatte die Belegschaft am Mittwoch im Rahmen einer Betriebsversammlung ab 10 Uhr über die Entwicklung informiert. Nach 45 Minuten war alles vorbei.
Die R-Pharm Germany GmbH mit Sitz in Illertissen ist ein traditionsreicher Arzneimittelhersteller mit Wurzeln bis ins Jahr 1849. Das Unternehmen wurde von Heinrich Mack gegründet und von dem amerikanischen Konzern Pfizer geführt. Später übernahm eine russische Gruppe. R-Pharm entwickelt, produziert und verpackt pharmazeutische Produkte für internationale Märkte. Am Standort Illertissen arbeiteten bis zuletzt rund 280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Entwicklung, Produktion, Verpackung, Qualitätssicherung und Verwaltung. Von dort aus wurden Arzneimittel für Kunden in rund 150 Ländern weltweit vertrieben. Mit modernen Produktionsanlagen, hohen Qualitätsstandards und internationaler Ausrichtung zählt das Unternehmen zu den etablierten Pharma-Produktionsstandorten in Süddeutschland.
Bis zuletzt gab es Hoffnung auf die Rettung von R-Pharm
Insolvenzverwalter Markus Fröhlich und sein Team hatten den Investorenprozess nach eigener Aussage bis zuletzt mit hohem Einsatz vorangetrieben und den verbliebenen Interessenten mehrmals zusätzliche Zeit eingeräumt, um die Voraussetzungen für einen Abschluss zu schaffen. Zwar habe grundsätzlich Interesse an einer Übernahme von R-Pharm Germany bestanden, doch die für einen verbindlichen Vertragsabschluss und dessen Umsetzung erforderliche Finanzierungssicherheit habe von den Interessenten nicht bereitgestellt werden können, teilt Fröhlich mit. Auch der Betriebsratsvorsitzende Markus Mahler berichtet, er habe bis zuletzt persönlich Kontakt zu einem Kaufinteressenten gehabt. „Die Transaktionssicherheit war trotz der zusätzlichen Zeit, die wir den Interessenten eingeräumt haben, leider nicht gegeben“, bedauert Insolvenzverwalter Fröhlich.
Noch Ende Juli hatte eine drohende Stilllegung zunächst abgewendet werden können. Insolvenzverwalter Fröhlich hatte eine weitere Finanzierung für den Monat August gesichert. Dadurch wurde zusätzliche Zeit gewonnen, um die Verhandlungen mit den verbliebenen Interessenten fortzuführen – doch am Ende vergebens. Die Zwischenfinanzierung sei lediglich eine weitere Etappe und noch keine Fortführungslösung gewesen, betont der Insolvenzverwalter. Denn aus eigener Kraft könne R-Pharm Germany den operativen Geschäftsbetrieb nicht dauerhaft aufrechterhalten.
Sinkende Aufträge treffen Produktionsbetrieb hart
Laut Fröhlich wurde die Investorensuche durch die schwierige wirtschaftliche Ausgangslage des Unternehmens erschwert. Infolge der internationalen Sanktionen gegen Russland und der damit verbundenen Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem russischen Gesellschafterkreis hatten sich in den vergangenen Jahren zunehmend Kunden und Geschäftspartner zurückgezogen. Die rückläufige Auftragslage belastete die Liquidität und den Produktionsbetrieb erheblich.
280 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlieren bei R-Pharm ihren Job
Was bedeutet das Aus konkret für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Ohne Abschluss mit einem Investor fehlt nun die wirtschaftliche Grundlage für R-Pharm. Der Geschäftsbetrieb wird eingestellt und die Betriebsstilllegung eingeleitet. „Diese Entscheidung fällt mir außerordentlich schwer. Ich weiß, was das Aus für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Familien und die gesamte Region bedeutet“, sagt Fröhlich. Doch ohne einen Investor gebe es keine verantwortbare Alternative zur Stilllegung.
Von der Stilllegung sind rund 280 Mitarbeitende betroffen. Die Beschäftigungsverhältnisse werden zum Ende des Monats August 2026 gekündigt. Offenbar beginnt mit dem 1. September also die Kündigungsfrist der Betroffenen. Im Fall einer Insolvenz beträgt sie höchstens drei Monate. Torsten Falke, Bezirksleiter der Gewerkschaft IG BCE, gibt an, der Insolvenzverwalter verfüge nicht über genügend Mittel, für diese Monate Gehälter zu zahlen. Das bestätigt der Insolvenzverwalter „Die R-Pharm Germany zahlt ab dem 1. September kein Gehalt mehr.“ Die Mitarbeiter müssten beim Arbeitsamt vorstellig werden und Arbeitslosengeld beantragen – als sogenannte „Gleichwohlgewährung“.
Gewerkschaft und Betriebsrat haben weiter Hoffnung auf Verkauf
Der überwiegende Teil der Belegschaft wird im Zuge der Stilllegung von der Arbeit freigestellt. Für die am Standort notwendigen Abwicklungsarbeiten soll ein Team von voraussichtlich rund 80 Mitarbeitern weiterbeschäftigt werden und auch ihr Gehalt erhalten. Wie lange, das lasse sich noch nicht sagen, erklärt ein Sprecher.
Dagegen ist das Ende der Firma ist für die Gewerkschaft IG BCE mit Bezirksleiter Torsten Falke keineswegs ausgemacht. Es gebe weiterhin zwei Interessenten. Einer sei erst relativ kurz in Verkaufsgesprächen, der zweite sei dabei, die Finanzierung des Kaufs zu regeln. Betriebsrat und IGBCE hätten „noch die Hoffnung, dass ein in Fachkreisen ,weißer Ritter‘ genannter Übernehmer den Zuschlag erhält“. Eine Art deus ex macchina wie im Theater also, der doch noch für ein Happy End sorgt also. Kritik übt Falke an dem vom Insolvenzverwalter eingesetzten Abwicklungsmanager, die Firma agiere „mit wenig Fingerspitzengefühl, eher wie eine Abrissbirne“. Der Sprecher des Insolvenzverwalters möchte das nicht kommentieren.
Insolvenzverwalter schließt Interessenausgleich mit Betriebsrat ab
Insolvenzverwalter und Betriebsrat haben bereits Verhandlungen über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan geführt und abgeschlossen, teilt Fröhlich weiter mit. Angesichts der drohende Betriebsstilllegung Ende Juli habe der Betriebsrat dahingehend verhandelt, sagt ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Zur Höhe der Abfindungen erklärt ein Sprecher, dass laut Insolvenzordnung gelte: „Für die Summe aller Abfindungen im Sozialplan dürfen im Schnitt nicht mehr als 2,5 Bruttomonatsgehälter pro Mitarbeiter eingeplant werden. Und: Für den gesamten Sozialplan dürfe höchstens ein Drittel der gesamten Insolvenzmasse ausgegeben werden, die nach Abzug der Verfahrenskosten übrig ist.“ Dieses Maximum wurde mit dem Betriebsrat verhandelt. Allerdings: Die Auszahlung sei nur zeitverzögert möglich, „da derzeit das Unternehmen nicht über genügend Masse verfügt“. Zuerst müssten Vermögenswerte, wie Gelände, Fuhrpark, Gebäude verkauft werden. Der Sozialplan sieht außerdem Qualifizierungsmaßnahmen für die Mitarbeiter vor.
Wie geht es mit dem Firmenareal weiter? Ein Sprecher erklärt, die Vermögenswerte, die zuvor von einem Sachverständigen bewertet wurden, werden einer professionellen Verwertung zugeführt. Dazu gehören das in Eigentum der R-Pharm Germany befindliche Betriebsgrundstück, die Produktionsanlagen und weitere Vermögenswerte. Welche weitere Perspektive sich daraus für einzelne Anlagen oder den Standort ergibt, könne derzeit nicht beantwortet werden. (mit AZ)