Nach Kontroversen um Met Gala 2027: John Galliano sagt Ausstellung ab
John Galliano sollte mit einer großen Ausstellung geehrt und damit zum Thema der Met Gala im nächsten Jahr werden. Schon die Ankündigung sorgte für heftige Diskussionen. Nun wird „John Galliano: Horizons“ überraschend abgesagt und die Met Gala 2027 bekommt ein neues Thema.
Der erste Montag im Mai 2027 ist noch weit entfernt, doch die Met Gala sorgt bereits jetzt für ordentlich Gesprächsstoff. Grund dafür ist das Thema, das das Costume Institute vor einigen Wochen bekannt gegeben hat: Während die Gala 2026 unter dem Motto „Mode ist Kunst“ stand, sollte das kommende Event und die dazugehörige Modeausstellung John Galliano gewidmet werden – einem der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Modedesigner unserer Zeit.
Met sagt Ausstellung ab: John Galliano will Verantwortung übernehmen
Doch nun kam die überraschende Kehrtwende: Die Ausstellung „John Galliano: Horizons“ wird nicht stattfinden. Wie das Metropolitan Museum of Art bekannt gab, wurde die Entscheidung nach Gesprächen mit Galliano gemeinsam getroffen. Ein neues Thema für die Frühjahrsausstellung des Costume Institute und die Met Gala 2027 soll zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden.
Galliano selbst äußerte sich auf Instagram ausführlich zu seinem Rückzug. Darin macht er deutlich, dass er nicht wolle, dass die Diskussion um seine Person das Museum in eine schwierige Lage bringe oder von der Arbeit des Costume Institute ablenke. Gleichzeitig erklärt er, die volle Verantwortung für den Schmerz zu tragen, den seine früheren Äußerungen insbesondere jüdischen und asiatischen Menschen zugefügt haben. Wiedergutmachung, so Galliano, sei keine einmalige Geste, sondern eine fortwährende Verantwortung.
Die Absage kommt nur wenige Wochen nach der Ankündigung der Ausstellung. Schon damals sorgte die Entscheidung für Diskussionen. Schließlich wäre Galliano erst der dritte noch lebende Designer gewesen, dem das Costume Institute eine Einzelausstellung widmet. Vor ihm wurden nur Yves Saint Laurent und Rei Kawakubo auf diese Weise geehrt. Dass ausgerechnet Galliano in diese Reihe aufgenommen werden sollte, war von Beginn an umstritten. Der Grund dafür liegt in der Vergangenheit des Designers.
Warum John Galliano bis heute so umstritten ist
Weltberühmt wurde der Central St. Martins Absolvent als Chefdesigner für Dior. Von 1996 bis 2011 prägte er die Damenmode nachhaltig, schrieb mit seinen dramatischen und höchst theatralischen Kollektionen und Modenschauen, die großen Spektakeln glichen, Modegeschichte. Doch dann kam der große Fall.
Als 2010 Videos auftauchen, in denen der Designer in der Pariser Bar „La Perle“ zu sehen ist und sich sichtlich stark angetrunken gegenüber anderen Gästen antisemitisch, rassistisch und antiasiatisch äußert, gehen diese nicht nur viral. Er wird im Zuge dessen 2011 wegen öffentlicher Beleidigungen aufgrund von Herkunft, Religion beziehungsweise ethnischer Zugehörigkeit vor Gericht schuldig gesprochen. Und: Sowohl sein eigenes Label als auch Dior trennt sich von ihm.
Nach einer Therapie, öffentlichen Entschuldigungen und Gesprächen mit jüdischen Organisationen kehrte er bereits 2014 wieder zurück, dieses Mal als Kreativdirektor von Maison Margiela. Dort gelang ihm tatsächlich ein bemerkenswertes Comeback, das 2024 in einer seiner meistgefeierten Haute-Couture-Kollektionen gipfelte.
Als Modedesigner liebe ich Gallianos Werk und hadere damit
Ich selbst bin Modedesigner und liebe das Werk von John Galliano. Für mich ist er einer der größten Modedesigner unserer Geschichte. Vom Arbeiterkind zum Modepapst (sorry, Karl Lagerfeld), ein Weg, den sich viele Designerinnen und Designer erträumen. Er zählt für mich zu jenen Designern und Designerinnen, die die Modewelt revolutioniert haben. Die Mode der 90er und 2000er? Nicht von Galliano zu trennen.
Doch so sehr ich als Designer sein Werk liebe und seinen kreativen Geist bewundere (um ehrlich zu sein, mit etwas Neid), so sehr muss ich mich immer wieder von ihm distanzieren und frage mich: Darf ich das mögen?
Nicht die Mode ist umstritten, sondern der Designer
Kunst und Kontroversen gehören seit jeher zusammen. War Kunst nicht häufig gerade dann besonders wirkungsvoll, wenn sie in ihrer Entstehungszeit provozierte und Grenzen überschritten hat? War sie. Die Kunstgeschichte liefert dafür unzählige Beispiele.
Im Fall von John Galliano gibt es allerdings einen grundlegenden Unterschied: Nicht seine Mode (die Kunst) hat die Kontroverse ausgelöst, sondern der Designer (also der Künstler) selbst. Sein Werk ist innerhalb der Modewelt kaum umstritten. Kritikerinnen und Kritiker sind sich eher weitgehend einig, dass Galliano einer der außergewöhnlichsten Designer ist. Umstritten ist die Person, die hinter den Entwürfen steht.
Aber lässt sich dieses Genie von seiner Kunst trennen? Können wir Gallianos Mode betrachten, ohne dabei an seine antisemitischen, rassistischen und antiasiatischen Äußerungen zu denken? Für mich lautet die Antwort ganz klar: Nein.
„John Galliano: Horizons“ sollte den Skandal behandeln
Das wusste offenbar auch die Met. In ihrer ursprünglichen Ankündigung zur Ausstellung erklärte sie ausdrücklich, Gallianos Vergangenheit nicht ausblenden zu wollen. Der erste Teil von „John Galliano: Horizons“ sollte seine Äußerungen, seine Entlassung bei Dior und seinem eigenen Label sowie seine Verurteilung behandeln. Auch seine Suchtbehandlung und seine spätere öffentliche Auseinandersetzung mit seinem Verhalten sollten thematisiert werden.
Das Museum wollte dabei nach eigenen Angaben keine gewöhnliche Geschichte von Absturz und Erlösung erzählen. Stattdessen sollte die Ausstellung zeigen, wie sich unser Blick auf Gallianos Werk durch sein Verhalten, dessen Konsequenzen und veränderte gesellschaftliche Werte gewandelt hat. Besucherinnen und Besucher sollten sich mit dem Verhältnis zwischen künstlerischer Leistung, ethischer Verantwortung und institutioneller Anerkennung auseinandersetzen.
Genau hier lag allerdings von Anfang an der Widerspruch: Auf der einen Seite sollte Gallianos Vergangenheit kritisch aufgearbeitet werden, auf der anderen Seite hätte ihm das Met mit einer Einzelausstellung und der dazugehörigen Gala eine der größten Ehrungen der Modewelt zuteilwerden lassen.
Einen tieferen Einblick in den Fall der Mode-Genies bekommst du in der Dokumentation „High & Low“:
Kann solch ein Modespektakel überhaupt kritisch sein?
Schon bei der Ankündigung stellte sich deshalb die Frage: Wie viel Raum hätten die Menschen erhalten, die von Gallianos Äußerungen betroffen waren? Und was wäre von der kritischen Einordnung übrig geblieben, wenn kurz zuvor die größten Stars der Welt in seinen Kleidern über den roten Teppich gelaufen wären?
Eine Museumsausstellung und eine Met Gala erfüllen schließlich zwei vollkommen unterschiedliche Funktionen. Eine Ausstellung kann ein Werk historisch einordnen, Widersprüche sichtbar machen und unbequeme Fragen stellen. Die Met Gala lebt dagegen von Bewunderung, Inszenierung und Spektakel. Ihr roter Teppich hätte das Thema des Abends zwangsläufig in ein glamouröses Ereignis verwandelt. Galliano wäre deshalb nicht nur zum Gegenstand einer kritischen Ausstellung, sondern zum gefeierten Mittelpunkt der größten Modenacht der Welt geworden. Die Bilder, die anschließend um die Welt gegangen wären, hätten vor allem Stars in spektakulären Galliano-Looks gezeigt.
Mit der Absage stellt sich diese Frage für die Met Gala 2027 nun nicht mehr. Die grundsätzliche Debatte dahinter ist damit allerdings längst nicht beendet.
Warum sollte Galliano ausgerechnet diese Bühne erhalten?
Doch gehen wir einen Schritt zurück: Warum kam es überhaupt dazu, dass die Met ihm diese Ausstellung widmen wollte? Warum sollte ein Designer mit dieser Vorgeschichte ausgerechnet jetzt eine der größten Ehrungen der Modewelt erhalten?
Die Frage stellt sich besonders in einer Zeit, in der antisemitische Vorfälle weltweit stark zugenommen haben. Laut einem aktuellen Bericht der J7-Staaten, in denen mehr als 90 Prozent der jüdischen Diaspora leben, wurden 2025 mehr als 23.000 antisemitische Vorfälle dokumentiert. Gegenüber 2022 entspricht das einem Anstieg um 136 Prozent, bei gewaltsamen Vorfällen sogar um 97 Prozent. Der Bericht bezeichnet 2025 als das tödlichste Jahr für jüdische Gemeinschaften außerhalb Israels seit mehr als 30 Jahren.
Dass Galliano und das Met die Ausstellung nun nicht stattfinden lassen, beantwortet deshalb zwar die konkrete Frage nach der Met Gala 2027. Die größere Frage, wie die Modewelt mit Gallianos Vergangenheit und gleichzeitig seinem unbestreitbaren Einfluss auf die Modegeschichte umgehen soll, bleibt jedoch bestehen.
Die Modewelt hat Gallianos Skandal längst vergessen
Die Modebranche selbst scheint Gallianos Vergangenheit längst abgehakt zu haben. Spätestens während seiner Zeit bei Maison Margiela wurde aus seinem Comeback eine neue Erfolgsgeschichte. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass Galliano eine zweijährige Zusammenarbeit mit Zara eingeht, zeigte sich besonders deutlich, worüber die Modewelt inzwischen diskutiert und worüber kaum noch gesprochen wird. Die große Empörung lautete plötzlich: „Wie kann er nur?“
Ein Haute-Couture-Designer, der für einige der spektakulärsten Entwürfe der vergangenen Jahrzehnte verantwortlich ist, soll nun für einen Fast-Fashion-Konzern arbeiten und das „Archiv“ von Zara für neue Kollektionen nutzen. Für Zara dürfte es einer der prestigeträchtigsten Deals der Unternehmensgeschichte sein. Die Modewelt weint über den vermeintlichen Abstieg, bevor sie im September 2026 vermutlich selbst die Zara-Stores und den Onlineshop stürmen wird.