Nach Schicksalsschlag: Ein Satz der Telefonseelsorge hallt bis heute nach
Wie überwindet man einen Schicksalsschlag? Diese Frage haben wir unseren Leserinnen und Lesern gestellt und zahlreiche bewegende Antworten erhalten. Eine Leserin etwa schrieb uns von dem Verlust ihres Jobs als Pflegerin – wie wertlos sie sich in dieser Zeit gefühlt habe und wie sie es geschafft hat, diesen Schicksalsschlag zu überwinden. Wir haben mit ihr gesprochen. Ein plötzlicher Todesfall, eine schwere Krankheit, das Ende einer Beziehung: Wir alle müssen im Laufe unseres Lebens mit Schicksalsschlägen fertig werden. Auch der Verlust eines Arbeitsplatzes kann ein schwerwiegender Einschnitt sein. Im Fall von Jana Mundt (Name geändert) war das aber nur das Ende einer langen Kette von furchtbaren Ereignissen – gleichzeitig aber auch ein Neubeginn. Begonnen hat alles im Jahr 2021 mit schlimmen Diagnosen, erst bei ihrer Mutter, dann bei ihrem Vater. "Ein Schicksalsschlag kommt selten allein", sagt Jana Mundt, als sie uns ihre Geschichte erzählt. Die damals 34-Jährige war zu diesem Zeitpunkt als Pflegerin bei einem privaten Träger tätig – nun pflegte sie auch ihre Eltern. Feierabend von dem Knochenjob als Pflegefachkraft gab es mit der Krankheit ihrer Eltern für Mundt nicht mehr, die Sorge um die beiden wurde ihr stetiger Begleiter. "Pflegequalität war leider nur ein Wort aus dem Leitbild, mehr nicht. Wir waren dauerhaft unterbesetzt", erzählt sie von ihrem ehemaligen Arbeitgeber aus Baden-Württemberg. Mundt ging es zunehmend schlechter. Unmögliche Dienstpläne, zu viel Arbeit für zu wenig Personal, keine Wertschätzung – schließlich brach sie auf der Arbeit zusammen. Auf Burnout folgte Kündigung Um ihren Gesundheitszustand zu verbessern, setzte sie sich für bessere Arbeitsbedingungen ein, schrieb Überlastungsanzeigen und versuchte mit der Leitung zu sprechen – ohne Erfolg. Im Gegenteil: "Statt Rückhalt gab es Druck." Es seien Sätze gefallen wie: "Reiß dich zusammen. Die anderen schaffen das auch." Schließlich erhielt Mundt selbst eine Diagnose: Burnout. Doch statt Unterstützung und Verständnis bekam die Pflegerin nach wenigen Wochen im Februar 2022 die Kündigung. "Auf dem Papier hieß es betriebsbedingt, aber in Wahrheit war ich ein bisschen zu unbequem geworden", glaubt Mundt, die zuvor acht Jahre für den Träger tätig gewesen war. "Von einer Sekunde auf die andere war der Job weg und mein Selbstwert im Keller." Wie Job und Selbstwert zusammenhängen Viele Menschen definieren ihren Selbstwert stark über ihren Beruf, weil Arbeit nicht nur Einkommen sichert, sondern auch Identität, Anerkennung, soziale Zugehörigkeit und das Gefühl vermittelt, einen bedeutsamen Beitrag zu leisten. Wird die eigene Tätigkeit als besonders sinnstiftend erlebt, verschmelzen Beruf und Selbstbild oft so stark, dass beruflicher Erfolg oder Misserfolg unmittelbar als persönlicher Wert oder Unwert empfunden werden. (Weitere Informationen: Unemployment and identity, CESifo Working Paper) Wut als Rettungsanker Ihr Selbstwert schwand, die Existenzangst wuchs. Mit der Angst kam auch die Ratlosigkeit, wie es nun weitergehen könnte – und das Gefühl, verraten worden zu sein. "Was mich in diesem Lebensabschnitt gerettet hat, war die Wut", sagt Mundt heute. "Ich war wütend auf das System und auf die Strukturen, die in den Einrichtungen herrschten." Diese Wut wandelte die Pflegerin dann in Energie um: "Ich habe sie genutzt, um nicht im Bett liegenzubleiben." Und plötzlich erhielt sie Unterstützung, denn Mundt war nicht die Einzige, die sich unfair behandelt fühlte und wütend war. "Es gab eine Kollegin, die bei mir geblieben ist", erzählt sie. Diese ehemalige Kollegin und vor allem Freundin begleitete sie zum Arbeitsamt, ging mit ihr zum Verdi-Berater und machte ihr Mut. "Sie sagte nicht 'Das wird schon', sondern 'Wir klagen gegen diese Kündigung'. Und wir hatten Erfolg! Ich habe am Ende tatsächlich eine Abfindung bekommen." Doch bis es so weit war, dauerte es ein halbes Jahr. In dieser Zeit war Mundt nervlich am Ende, wie sie selbst sagt: "Ich konnte wirklich nicht mehr. Ich dachte mir, wie können wir in einem Bereich, der einem eigentlich so viel Freude und den Patienten so viel Lebensmut bringt, nur so mies untereinander sein?" Sie berichtet, dass nicht nur zwischen ihrem ehemaligen Arbeitgeber und seinen Arbeitnehmern ein schlechtes Klima herrschte, sondern auch zwischen den Pflegerinnen und Pflegern: "Jeder war ein Einzelkämpfer, gute Zeugnisse wurden nicht gegönnt, man wurde ausgegrenzt." Ein Satz der Telefonseelsorge hallt bis heute nach Irgendwann rief sie zum ersten Mal bei der Telefonseelsorge an. In einem Telefonat um drei Uhr nachts sagte Jana Mundt weinend der Person am anderen Ende der Leitung, dass sie ohne Kittel nichts mehr wert sei. "Und dann kam dieser eine Satz, der mich bis heute sehr berührt und den ich bei mir trage", erzählt sie. "Die Person sagte mir: 'Ihr Wert hängt nicht an Ihrem Dienstplan.'" Sie berichtet, dass sie in dieser Phase oft dort angerufen habe. Rückblickend bezeichnet sie die Telefonseelsorge als "erste Hilfe für die Seele". Um auf längere Sicht Unterstützung zu erhalten, ging Mundt schließlich zu einer Therapeutin, die ihr von der Telefonseelsorge vermittelt wurde. Auch das half ihr in dieser Zeit sehr: "Sie hat mir niemals gesagt, ich solle positiv denken. Sie sagte: 'Sie trauern um Ihren Beruf und das darf wehtun'. Und es hat auch wehgetan." Mit ihrer Hilfe erkannte Mundt, dass ein Arbeitgeber einem den Job, aber nicht die Berufung nehmen kann. Als die Klage endlich durch war und das Gericht ihr eine Abfindung zuerkannt hatte, schöpfte Mundt neue Kraft – ebenso wie durch radikale Ehrlichkeit zu sich selbst: "Ich musste mir eingestehen, dass ich das System nicht retten kann. Ich kann nur mich selbst retten." Dieser Satz war eine Befreiung, wie sie heute sagt, und sorgte für ein Umdenken. Sie begann, sich selbst um Weiterbildungen zu kümmern, zur Pflegeberaterin und auch zur Qualitätsmanagerin. Heute arbeitet Jana Mundt erfolgreich in diesem Bereich. Sie steht Kolleginnen und Kollegen beratend zur Seite, ist für das Qualitätsmanagement bei ihrem Träger verantwortlich und kann eingreifen, wenn sie den Verdacht hat, dass Pfleger oder Patienten beispielsweise durch Überlastung oder ein schlechtes Arbeitsklima zu Schaden kommen könnten. "Ich arbeite jetzt für einen Träger, der Pflegequalität nicht nur auf Flyer druckt", sagt Mundt sichtlich glücklich. Heute ist sie dankbar für den "Tritt" "Der Jobverlust war eine brutale Notbremse, die ich selbst nie gezogen hätte, aber heute bin ich dankbar für diesen Tritt. Es hat wehgetan, aber es hat mich auch zu einem Arbeitgeber gebracht, der mich sieht, der mich wahrnimmt, der mich fördert." Zwar zucke sie noch heute zusammen, wenn von "Budgetkürzungen" oder "Personalengpass" die Rede sei, doch durch ihre Erfahrungen sei sie handlungsfähiger und selbstbewusster geworden: "Ich unterschreibe keine Dienstpläne mehr, die Patienten gefährden. Und ich weiß, dass ein Arbeitgeber, der mich im Stich lässt, mich einfach nicht verdient hat." Anderen Betroffenen von Jobverlust rät sie, sich zu informieren, nach Gleichgesinnten zu suchen, Erfahrungen auszutauschen, sich an Berufsverbände zu wenden, sich psychologische Unterstützung zu holen – und vor allem alles zu dokumentieren, was vom Arbeitgeber kommt: E-Mails, Zeugnisse, Gedächtnisprotokolle von Gesprächen und Arbeitsanweisungen. Empfehlungen der Redaktion Leserin berichtet: "Ich werde wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt" Themenschwerpunkt Pflege: Angehörige zwischen Liebe, Last und Schuldgefühlen Dieses Verhalten ist auf Beerdigungen ein absolutes No-Go Krankheit der Eltern, Burnout, Jobverlust: Jana Mundts Geschichte zeigt, wie man aus schweren Schicksalsschlägen etwas Positives für sich selbst ziehen kann. Sie resümiert: "Ich weiß heute, mein Beruf ist die Pflege und nicht die Selbstaufopferung."