Nach sexualisierter Gewalt: Erste KI-Plattform will Betroffenen helfen
Viele Betroffene wissen nach einer möglichen Grenzüberschreitung zunächst nicht, wie sie das Erlebte einordnen sollen. Eine neue KI-Plattform will genau dabei helfen.
Vorwürfe sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt erzeugen immer wieder großes mediales Interesse, wie zuletzt bei dem Fall um die Moderatorin Colien Fernandes. Gleichzeitig zeigen Statistiken seit Jahren, wie verbreitet solche Taten in der gesamten Bevölkerung sind – und Experten gehen von einem großen Dunkelfeld aus.
Viele Betroffene stellen sich zunächst jedoch nicht die Frage, ob sie Anzeige erstatten sollen. Sondern eine viel grundlegendere: War das, was mir passiert ist, überhaupt schon Unrecht? Genau hier setzt die KI-gestützte Plattform WhisperToMe an. Im Gespräch mit t-online erklären die Gründerinnen – Softwareentwicklerin Julia Danckwerth und Kriminalbeamtin Anna Giro –, was ihre Motivation war, die gemeinnützige und kostenlose Plattform zu gründen und warum sie ihre Anwendung als mögliche Vorstufe zur Polizei verstehen.
Zu den Personen
Julia Danckwerth ist Gründerin von WhisperToMe, Product Engineer für KI-Produkte und promovierte Designerin mit Schwerpunkt Digital Health und nutzerzentrierte digitale Technologien. Sie verantwortet maßgeblich die technologische und strategische Entwicklung von WhisperToMe.
Anna Giro ist Mitgründerin von WhisperToMe, Kriminalbeamtin im Bereich Sexualstraftaten am Landeskriminalamt und hat einen Masterabschluss in Sicherheitsmanagement. Sie verfügt über praktische Erfahrung im Umgang mit sexualisierter Gewalt und bringt insbesondere die Perspektive von Strafverfolgung, Opferschutz und polizeilichen Verfahren in die Entwicklung von WhisperToMe ein.
t-online: Warum sollte jemand nach einem Übergriff nicht einfach sofort zur Polizei gehen?
Viele Betroffene können zunächst nur schwer einordnen, was ihnen widerfahren ist und welche Möglichkeiten sie haben. Häufig vergehen Zeit und viele Gedanken, bevor sie sich Unterstützung suchen oder sich jemandem anvertrauen. Genau dort setzt WhisperToMe an: Wir bieten eine niedrigschwellige erste Orientierung und verstehen uns als Brücke zu bestehenden Hilfsangeboten, und, wenn die betroffene Person das möchte, auch zur Polizei. Betroffene sollen ihre Möglichkeiten kennen und selbstbestimmt entscheiden, welcher nächste Schritt für sie der richtige ist.
Gibt die Polizei diese Orientierung nicht?
Wir möchten niemandem davon abraten, zur Polizei zu gehen. Die Polizei ist eine wichtige Anlaufstelle. Aber sie ist nicht zwangsläufig für jede betroffene Person der erste Schritt.
Was ist denn vorher möglich?
Viele möchten sich zunächst medizinisch, psychologisch oder anwaltlich beraten lassen oder sich informieren, was bei einer Anzeige auf sie zukommt. Jeder Mensch braucht ein anderes Tempo. Unser Ziel ist es, Betroffene darin zu bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen.
Welche Vorteile kann dieser Zwischenschritt haben?
Vor allem eine erste Orientierung. Viele kennen das Hilfesystem nicht, das Betroffenen auch unabhängig von einer Anzeige zur Verfügung steht. Wir möchten Menschen dabei unterstützen, über ihre nächsten Schritte zu entscheiden. Das kann auch bedeuten, sich später für eine Anzeige zu entscheiden.
Was macht WhisperToMe konkret?
Nutzerinnen und Nutzer können ihre Situation anonym schildern und erhalten eine erste rechtliche Einordnung, verständliche Informationen zu möglichen nächsten Schritten sowie Hinweise auf passende Hilfsangebote. Die rechtlichen Informationen basieren auf Gesetzestexten und fachlich geprüften Inhalten. Dabei ersetzen wir weder anwaltliche, medizinische noch psychologische oder psychosoziale Beratung, sondern möchten Menschen sicher an die für sie passenden Stellen weiterleiten.
Für welche Situationen eignet sich das Angebot?
Das muss gar kein richtig schwerer Fall sein. Es kann schon die Frage sein: "Mein Chef hat mich gefragt, was ich nach der Firmenfeier noch vorhabe." Oft bleibt zunächst nur ein ungutes Gefühl. Viele wissen gar nicht, ob das bereits eine Grenzüberschreitung oder sexuelle Belästigung ist. Genau bei dieser Einordnung möchten wir helfen.
Wie würde die KI in diesem Fall antworten?
Sie würde zunächst erklären, dass ein solches Unbehagen ernst zu nehmen ist und Machtgefälle – etwa zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten – eine Rolle spielen können. Gleichzeitig würde sie die Situation einordnen und Rückfragen stellen, etwa wie alt die Beteiligten waren und wie lange der Vorfall zurückliegt. Auf dieser Grundlage weist sie auf passende Hilfsangebote hin. Sie trifft dabei aber keine vorschnellen rechtlichen Bewertungen.
Viele KI-Systeme neigen dazu, Nutzer in ihrer Sichtweise immer zu bestätigen. Bleibt Ihre KI neutral?
Das war für uns ein zentraler Punkt. Wir wollten ausdrücklich keine KI entwickeln, die Menschen nach dem Mund redet oder Situationen dramatisiert. Wenn jemand beispielsweise schildert, dass einvernehmlicher Sex im Nachhinein bereut wurde, dann erklärt das System klar, dass daraus nicht automatisch eine Straftat wird. Gleichzeitig nimmt es den geschilderten Leidensdruck ernst und verweist gegebenenfalls auf psychologische Unterstützung.
Wo liegen die Grenzen der Plattform?
Wir leisten keine Rechtsberatung und keine psychologische Betreuung. Wir nennen auch keine konkreten Straftatbestände oder Paragrafen, weil eine solche Einordnung immer vom Einzelfall abhängt und juristisch geprüft werden muss. Außerdem soll niemand den Eindruck gewinnen, ein KI-System könne eine anwaltliche Beratung oder therapeutische Begleitung ersetzen.
Datenschutz spielt bei einem so sensiblen Thema eine besondere Rolle. Wie gehen Sie damit um?
Das war für uns von Anfang an eine Grundsatzentscheidung. Wir speichern keine Chats, keine IP-Adressen und keine personenbezogenen Nutzungsdaten. Die Angaben werden auch nicht für das Training von KI-Modellen verwendet. Die Verarbeitung und das Hosting erfolgen ausschließlich auf europäischen Servern. Uns war wichtiger, den Nutzerinnen und Nutzern größtmögliche Anonymität zu bieten, als umfangreiche Nutzungsstatistiken zu sammeln.
Gibt es vergleichbare Angebote bereits?
WhisperToMe ist das erste europäische Tool für anonyme, niedrigschwellige rechtliche Erstorientierung nach sexualisierter Gewalt. Langfristig möchten wir das Angebot auch auf weitere europäische Länder ausweiten.
Richten Sie sich ausschließlich an Frauen?
Nein. Das Angebot richtet sich ausdrücklich an alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung, Religion, Alter oder Bildungshintergrund. WhisperToMe ist in zehn Sprachen sowie in Leichter Sprache verfügbar. Gerade Menschen, die aufgrund von Scham, Sprache oder anderen Barrieren zunächst keine Beratungsstelle aufsuchen, möchten wir so niedrigschwellig erreichen. Auch Angehörige, Freundinnen und Freunde sowie Zeuginnen und Zeugen können das Angebot nutzen.
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