Nachtzug: Mein ernüchterndes Comeback nach 47 Jahren
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen Berlin – Es ist 47 Jahre her, dass ich zuletzt nachts im Zug unterwegs war. Damals ging es mit meinen Eltern und meiner Schwester im Schlafwagen in den Urlaub. Die Erinnerung: Abenteuer, Gemütlichkeit, das sanfte Rattern der Schienen. Fast ein halbes Jahrhundert später wollte ich wissen, ob der Nachtzug tatsächlich die romantische Alternative zum Flugzeug ist. Also buchte ich ein Einzelabteil im Nightjet NJ 408 von Berlin nach Zürich. Preis: 299 Euro. Nach der Fahrt weiß ich: Die Erinnerung an damals ist deutlich schöner als die Realität von heute. Schon beim Betreten des von der ÖBB betriebenen Wagens wird klar, dass auf der Strecke Berlin–Zürich offenbar nicht die modernsten Fahrzeuge der Flotte unterwegs sind. Mein Einzelabteil wirkt eher wie ein Zeitzeuge vergangener Eisenbahn-Epochen als wie ein Premium-Produkt für fast 300 Euro. Das größte Problem: Es ist winzig. Und zwar so winzig, dass man sich unweigerlich fragt, wo man die ersten Stunden der Reise eigentlich verbringen soll. Eine richtige Sitzbank gibt es nicht. Stattdessen sitzt man auf dem Bett und versucht, es sich irgendwie bequem zu machen. Was nicht gelingt. Noch schlimmer wird es im Liegen. Denn das Bett ist ungefähr so komfortabel wie ein Holzbrett mit Bettlaken. Schon nach kurzer Zeit melden sich die Beckenknochen. Dazu kommt das ständige Wackeln des Wagens. Mal ein Ruck hier, mal ein Stoß dort, dann wieder das rhythmische Schaukeln über Weichen und Schienenstöße. Blöd, dass mein Abteil direkt über der Achse liegt. An Schlaf ist kaum zu denken Unglücklicherweise lag mein Abteil direkt neben dem Dienstabteil der Zugbegleiterin. Die konnte überhaupt nichts dafür – im Gegenteil. Sie war ausgesprochen freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Doch akustisch war die Lage unerträglich. Immer wieder klapperten Gläser, Geschirr oder Schranktüren. Mal wurde etwas eingeräumt, mal herausgenommen. Dazu kamen die üblichen Geräusche eines Nachtzuges. Das Ergebnis dokumentierte am Morgen meine Apple Watch unbestechlich: 1 Stunde und 22 Minuten Schlaf. Nach über 12 Stunden im Schlafwagen. Nicht viel besser wird es beim Gang zur Toilette. Natürlich erwartet niemand ein Wellnessbad auf Schienen. Aber dieses WC ist so klein, dass man sich darin kaum drehen kann. Wer die Tür hinter sich schließt, fühlt sich eher in einer Telefonzelle als in einer Toilette. Menschen mit Platzangst dürften dort freiwillig keine Minute länger verbringen als unbedingt nötig. Und trotzdem gab es tatsächlich einige Lichtblicke. Der kostenlose Piccolo zur Begrüßung ist eine nette Idee. Auch ein Tetra Pak Wasser liegt bereit. Besonders überrascht hat mich der Wein. Der angebotene Grüne Veltliner von Bründlmayer (0,375 Liter für 11,50 Euro) ist ordentlich gemacht. Auch das Frühstück fällt besser aus als erwartet. Zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Streichkäse und Kaffee. Kein kulinarischer Höhenflug, aber völlig in Ordnung und im Reisepreis inbegriffen. Und dann wäre da noch die größte Überraschung dieser Reise: Der Zug war pünktlich. Nicht ein bisschen pünktlich. Sondern auf die Minute pünktlich. Nach all den Verspätungen, die man heute im Bahnverkehr oft erlebt, verdient das fast schon Respekt. Nur hilft Pünktlichkeit wenig, wenn man sich bei der Ankunft fühlt, als hätte man die Nacht auf einer laufenden Waschmaschine verbracht. Als ich morgens in Zürich ausstieg, war ich völlig gerädert. Der Tag war praktisch verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte. Mein Fazit nach 47 Jahren Nachtzug-Pause: Die Zugbegleiterin war großartig, der Wein überraschend gut, das Frühstück ordentlich und die Pünktlichkeit vorbildlich.