Nachwahl in Clacton: Farages tritt gegen "Graf Mülleimergesicht" an
Das Sommervergnügen setzt sich in Clacton-on-Sea aus Riesenrad, Achterbahn, Spielhallen und Strand zusammen. Die Anlagen sind sichtlich in die Jahre gekommen. Nun bringt ausgerechnet ein Wahlkampf neue Farbe in das Seebad. Der Rechtspopulist Nigel Farage, der hier seinen Wahlkreis hat, will die Bürger von Clacton zu einem demonstrativen Unterstützungsakt aufstacheln: Vor fünf Wochen gab er sein Unterhausmandat zurück, nur um sich in der Nachwahl an diesem Donnerstag wieder um den Sitz zu bewerben. Farage zieht unter der Maxime „Angriff ist die beste Verteidigung“ in den Wahlkampf an der Küste von Essex. Seine Partei Reform UK hatte bis vor Kurzem unangefochten den Spitzenplatz in britischen Meinungsumfragen inne. Nun scheint die regierende Labour-Partei unter dem neuen Premierminister Andrew Burnham wieder Terrain zurückzugewinnen. Farages Flucht nach vorn unmittelbar ausgelöst haben diverse Spenden an ihn selbst und an Reform UK. Der Beauftragte, der über die Einhaltung der parlamentarischen Verhaltensregeln wacht, auch die staatliche Wahlkommission ermitteln deswegen gegen ihn. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Eine Botschaft nach London Farage fasst diese Institutionen lieber unter dem Begriff „das Establishment“ zusammen. Die Bürger von Clacton und den umliegenden Orten nördlich der Themsemündung sollen nach dem Willen des Anführers der erfolgreichen Brexit-Kampagne vor zehn Jahren „denen in London“ eine „deutliche Botschaft“ senden. Und diese Mitteilung, die Farage selbst in seinen Flugblättern formuliert, lautet: „Dass es ja doch die Leute von Clacton sind, nicht die alten Westminster-Parteien und ihre Pressesprachrohre, die unseren Wahlkreisabgeordneten aussuchen.“ Die „alten Westminster-Parteien“ haben gleich nach Farages kombinierter Rücktritts- und Kandidaturankündigung im Juli beschlossen, dass sie an dessen Robin-Hood-Inszenierung nicht mitwirken. Deshalb haben sie keine eigenen Kandidaten nominiert. Dass die Stimmzettel, auf denen die Einwohner am nächsten Donnerstag ihr Kreuz vermerken sollen, trotzdem eine Rekordlänge erreichen, liegt an der immensen Zahl unabhängiger Kandidaten. 33 Bewerber haben sich entschlossen, gegen die Zahlung der für alle Kandidaten obligatorischen Kaution von umgerechnet knapp 600 Euro gegen den Rechtspopulisten anzutreten. Farage macht sich rar Der bekannteste unter den Herausforderern Farages tritt unter dem Künstlernamen „Count Binface“ auf. Das heißt in wortgetreuer Übersetzung „Graf Mülleimergesicht“. Es ist ein Titel, der nur dann plausibler wird, wenn man auch seine Erscheinung in Betracht zieht: Der Graf trägt eine Art Rüstung aus verchromtem Plastik und auf dem Kopf einen geschlossenen Helm in der typischen Form eines blechernen Ascheneimers. Die Montur wirkt wie eine Mischung aus Star Wars und Ritter Rost. Der blecherne Graf hat Erfahrung mit Wahlkämpfen. Er ist in bisher sechs Kampagnen auch schon gegen Boris Johnson, Rishi Sunak – und erst im Juni gegen den aktuellen Premierminister Burnham – angetreten. Das Wahlprogramm der Figur, hinter der sich der Komödientexter Jon Harvey verbirgt, enthält das Versprechen, die Schlaglöcher am Ort mit den Druckausgaben des jüngsten Labour-Wahlprogramms zu stopfen und „mehr Zeit in Clacton-on-Sea als in Washington D.C.“ zu verbringen. Letzteres spielt auf Farages Nähe zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seine häufigen Abstecher nach Amerika an. Binface spricht sich außerdem für ein Gesetz aus, das es Abgeordneten, die schon nach zwei Jahren ihren Wahlkreis aufgeben, künftig verbieten soll, bei der dann fälligen Nachwahl gleich wieder anzutreten. In dieser Forderung zeigt sich das doppelte Paradox des Clactoner Sommerwahlkampfs. Am Ende geht es dem vermeintlich komischen Mülleimer-Ritter doch um ernste Anliegen, während Farage, der sich zum Kreuzritter gegen das Londoner Establishment stilisiert, sich vor Ort selten blicken lässt. Vor zwei Jahren hatte der Anführer von Reform UK in dem verarmten Küstenlandstrich der Grafschaft Essex tatsächlich Hoffnungen erzeugt, er werde die Anliegen der dortigen Bürger in London vehement vertreten. Doch schon bald war es damit wieder vorbei. Farage ließ verlauten, er werde keine regelmäßigen Sprechstunden für Bürgeranliegen abhalten. „Aus Sicherheitsgründen“, lautete die Erklärung dafür. Ein Kandidat schläft im Auto Mittlerweile sind die angebliche Dankbarkeit und Begeisterung seiner Wahlkreisbürger vor allem auf den von Reform UK produzierten Videoclips im Internet zu finden. Sie zeigen Farage bei den Obstbauern, Farage an einem Strandübergang, dessen Instandsetzung er für sich in Anspruch nimmt, Farage im örtlichen Pub – und immer wieder Farage vor dem stattlichen Clacton Pier, dem Wahrzeichen des Seebads, mit seinen Achterbahnen obendrauf. Der hellblaue Doppeldeckerbus von Reform UK fährt meistens aber ohne Wahlkampfteam auf der Strandpromenade Reklame. Als Wahlkampfquartier hat sich die Partei dieses Mal einen abgelegenen Bauernhof ausgesucht, wo in einer Halle Flugzettel, Bierdeckel mit Parteilogo und die Einsatzpläne für den Haustürwahlkampf lagern. Im Wahlkampf 2024 hatte Reform noch ein Ladenlokal mitten in Clacton gemietet. Da gab es hinterher Streit um die vorzeitige Auflösung des Mietvertrages, ausstehende Summen und darum, dass das Geschäft bei seiner Aufgabe ganz in Hellblau getaucht war. Selbst wenn Farage und Binface sich rarmachen, herrscht kein Kandidatenmangel. In der Mittagshitze stehen gleich vier Bewerber in der Einkaufsstraße, strecken die Hände mit ihren Broschüren aus oder halten ihr selbst gebasteltes Werbeplakat über den Kopf. Michael O’Keeffe, früher Lehrer, jetzt Rentner, ist aus Lincolnshire angereist. Sein Werbebanner steckt auf einem Schrubberstiel. Er kenne sich aus mit den Problemen der verarmten Küstenorte, sagt er: „Viele sozial Schwache, viele mit psychischen Belastungen, auch mit Behinderungen.“ Es genügt ein Blick in die Runde, um den Eindruck zu bestätigen. Viele stark Übergewichtige, viele chronisch Kranke, ließe sich hinzufügen. Auf den Ruhebänken im Baumschatten kreisen mittags schon Dosen mit Bier und Cider, gelegentlich bricht lautstarker Streit aus. O’Keeffe sagt, er komme vier bis fünf Tage in der Woche her, ein Zimmer könne er sich nicht leisten, meist übernachte er im Auto. Er wolle aufmerksam machen darauf, „was für einen erbärmlichen Job Farage hier gemacht hat“. Der Stimmzettel misst 90 Zentimeter Zwei Meter weiter verteilt Gerry Smith ihre Handzettel. Auch sie kandidiert als Unabhängige. Ihr geht es um die jungen Leute, die keine Ausbildung und keine Zukunft hätten. Und um alle diejenigen, die in Kinderheimen aufwachsen mussten wie sie selbst. Dann steht da noch Nick Pelas. Seine Eltern kamen vor 40 Jahren aus Ägypten nach England, er hat zuletzt eineinhalb Jahrzehnte ein Altersheim in Clacton geleitet. Pelas sagt, man müsse sich doch um die von Farage enttäuschten Wähler kümmern. Als er gehört habe, dass niemand außer Count Binface den Anführer von Reform UK herausfordere, habe er sich entschlossen, selbst zu kandidieren. Die Kommunalverwaltung des Kreises Tendring, zu dem Clacton gehört, hat sich nach eigenem Bekunden sorgfältig auf die „unüblichen Umstände“ eingestellt, unter denen diese Nachwahl stattfindet. Da 34 Kandidaten zur Wahl zugelassen worden seien, habe der Stimmzettel die stattliche Länge von 90 Zentimetern erreicht. Daraus hätten sich allerlei Herausforderungen ergeben: „Wir mussten sorgfältig überlegen, wie das Dokument gedruckt, gefaltet, mit der Post verschickt und im Wahllokal gehandhabt werden soll“, teilt der Chef der Kreisverwaltung mit. Allein die Druckkosten hätten rund das Vierfache des Üblichen betragen. Einer der Vorwürfe, die Farage entgegengehalten werden, lautet: dass er sich mit seinem Versuch, sich jenseits parlamentarischer Verhaltensregeln per Plebiszit eine Legitimationsbasis zu schaffen, den Steuerzahlern seines Wahlkreises eine sechsstellige Rechnung aufbürdet. Ein zweiter Vorwurf lautet, dass sich Farage womöglich im Herbst nochmals einer Nachwahl in Clacton stellen müsse, falls er wegen seiner nicht gemeldeten Spenden – die größte hatte einen Umfang von umgerechnet fast sechs Millionen Euro – mit einer hohen parlamentarischen Sanktion belegt wird. Dann könnte ein Absetzungsmechanismus in Gang kommen, auf den dann wieder ein neuer Wahlgang in Clacton folgt.