Nähe: „Weisungen aus Moskau“? So reagieren AfD, BSW und Linke auf Vorwurf des Ukraine
Audioplayer wird geladen Anzeige Wolodymyr Selenskyj greift nach einem fliegenden 100-Euro-Schein und blickt in die Kamera. Der ukrainische Präsident soll auf diesem KI-generierten Bild wohl arrogant wirken. Bundeskanzler Friedrich Merz und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (beide CDU) flankieren Selenskyj, viele weitere Euro-Noten fliegen durch die Luft. „Schluss mit der Abzocke!“, hat das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) darüber geschrieben. Das Motiv ist eines ihrer Wahlplakate zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September. Dass die Wagenknecht-Partei gegen die Unterstützung der Ukraine polemisiert, ist nicht neu. Von ihrer Parteigründung an stellte sie sich gegen Russland-Sanktionen und Waffenlieferungen an das überfallene Land. Erst im Mai veranstaltete BSW-Bundesvorstandsmitglied Sevim Dağdelen ein Podiumsgespräch mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew in Berlin. Titel: „Frieden durch Dialog“. Im Juni reisten die BSW-Europaabgeordneten Ruth Firmenich und Michael von der Schulenburg für einen „Arbeitsbesuch“ nach Moskau. Anzeige Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) in Sachsen-Anhalt erinnert das Motiv des jüdischen Präsidenten der Ukraine außerdem an Stereotype vom „gierigen Juden“. Es werde eine Bildsprache reproduziert, „die durchaus an antisemitische Stereotype anknüpft und an Propaganda-Material aus dem Nationalsozialismus erinnern kann“, teilte Rias der „Mitteldeutschen Zeitung“ mit. Das BSW wies die Kritik demnach zurück. Man sei „sehr stolz“ auf das Motiv. Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, behauptete in einem WELT-Interview am Samstag, „dass es in Deutschland Parteien am rechten und am linken Rand gibt, die offenbar jeden Morgen Weisungen aus Moskau bekommen“. Makeiev weiter: „Denn aus eigener Dummheit heraus könnte man so etwas nicht von den Sitzen des Bundestags oder der Landtage vortragen.“ Anzeige Lesen Sie auch Auf die Rückfrage, ob er damit BSW, Linke und AfD meine, sagte Makeiev: „Meine klare Botschaft an die Wähler lautet: Schauen Sie aufmerksam – um eine Alternative für welches Land geht es letztlich? Damit man nicht den Dingen Vorschub leistet, vor denen wir Europäer uns eigentlich schützen sollten: vor Autokratie, vor Ausländerhass, vor der Billigung von Kriegsverbrechen, vor Aggression. Als Europäer will ich, dass die Demokraten gewinnen, nicht die Autokraten.“ Lesen Sie auch Der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jürgen Hardt (CDU), schließt sich der Kritik Makeievs an. „Jeder deutsche Wähler muss sich im Jahr 2026 leider die Frage stellen: Arbeiten die zur Wahl stehenden Parteien für Deutschlands Feinde?“, sagt Hardt WELT. „Die Loyalität von Volksvertretern zu Deutschland infrage zu stellen, ist ein gewaltiger Vorwurf, für den es aber leider mehr als nur Hinweise gibt.“ Sowohl AfD als auch BSW hätten „immer wieder bewiesen“, dass sie „gegenüber Russland hörig“ seien. Auch von den Grünen im Bundestag kommt Zuspruch. „Der Vorwurf des Botschafters hat Substanz“, sagt die sicherheitspolitische Sprecherin Sara Nanni. „Während ich bei den Linken tendenziell einen naiven, populistischen Radikalpazifismus als Ursache sehe, halte ich das Zusammenspiel Moskaus mit der AfD für koordiniert. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Beweise für enge Verbindungen zwischen der rechtsextremen AfD und dem Kreml.“ Lesen Sie auch Weltplus ArtikelAlexander Rahr Nanni, die Friedens- und Konfliktforscherin ist, verweist auf AfD-Abgeordnete, die in der russischen Botschaft „ein und aus“ gingen, und „nun ehemalige Mitarbeiter“, die „für russische Dienste tätig“ gewesen seien. „Was daran erstrebenswert sein soll, sich mit einem Massenmörder – der auch Deutschland bedroht, sein Brudervolk in der Ukraine angreift und auch sein eigenes Volk auf die Schlachtbank treibt – zu verständigen, ist mir schleierhaft“, sagt Nanni. Scharfer Widerspruch aus BSW und AfD Das BSW weist dies zurück – und holt zu einem scharfen Angriff auf Makeiev aus. „Der ukrainische Botschafter hat jedes Maß verloren“, sagt BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht WELT. „Wahrscheinlich glaubt er, wenn die Ukraine den Deutschen ihre wichtigste Energieversorgungsleitung wegsprengen kann, ohne dass das irgendwelche Konsequenzen hat, dann darf sie sich auch offen in unsere Wahlen einmischen.“ Die BSW-Gründerin insinuiert damit, dass der ukrainische Staat für den Anschlag auf die beiden Nord-Stream-Pipelines verantwortlich sei. Wagenknecht hält die Aussage des Botschafters für eine Grenzüberschreitung: „Makeievs Ton ist eine Unverschämtheit angesichts der vielen Milliarden, die die Ukraine in diesem Jahr wieder vom deutschen Steuerzahler erhält, Geld, das auch von den Wählern der von ihm geächteten Parteien bezahlt wird. Der Bundesregierung ist die Ukraine offensichtlich wichtiger als die eigenen Bürger, die auch an der Tankstelle für die Fortsetzung des Krieges bezahlen.“ Lesen Sie auch Der außenpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Markus Frohnmaier, weist die Vorwürfe des Botschafters ebenfalls deutlich zurück. „Die AfD erhält und akzeptiert keine Weisungen aus Moskau“, sagt er WELT. „Herr Makeiev lügt und missbraucht sein diplomatisches Amt für parteipolitische Einmischung und gezielte Provokationen in Deutschland.“ Frohnmaier verweist auf die Aussetzung von Wahlen in der Ukraine seit 2022 sowie „gravierende Korruptionsrisiken“ und wirft dem Botschafter diesbezüglich eine unglaubwürdige „Selbstinszenierung als demokratischer Lehrmeister“ vor. „Mit einer AfD-Regierung würde der deutsche Blankoscheck für Kiew enden.“ Lesen Sie auch Weltplus ArtikelBesuch bei Putins Wirtschaftsforum Deutsche Sicherheitsbehörden haben wiederholt auf mögliche Einflussversuche Russlands auf die politische Meinungsbildung hingewiesen. Gleichzeitig haben verschiedene Medienrecherchen mutmaßliche russische Einflussoperationen in Europa dokumentiert. In einzelnen Fällen standen dabei auch Personen aus der AfD und ihrem Umfeld im Fokus, etwa wegen des Verdachts unzulässiger Einflussnahme oder möglicher Verbindungen zu prorussischen Netzwerken. Ein Nachweis einer formalen Befehlskette oder direkter Anweisungen an die AfD liegt jedoch nicht vor. Unstrittig ist, dass zahlreiche führende AfD-Politiker in der Vergangenheit Positionen vertreten haben, die Interessen der russischen Regierung entgegenkamen – etwa Forderungen nach der Abschaffung von Russland-Sanktionen und der Ukraine-Militärhilfe sowie nach einer Wiederaufnahme enger wirtschaftlicher Beziehungen zu Russland. Vertreter der Rechtsaußen-Partei begründen diese Positionen regelmäßig mit einem „Eintreten für deutsche Interessen“. Die Linke fühlt sich von Makeievs Aussagen indes nicht angesprochen. „Die Verurteilung von Kriegsverbrechen und Ausländerhass und die Stärkung der Demokratie erwarte ich von allen Parteien, ganz gleich, wo sie sich ansiedeln“, sagt Bundesgeschäftsführer Jannis Ehling. „Das gilt auch für die Regierungsparteien, die mit ihrem Rumgeeiere beim Völkerrecht oder den schmutzigen Deals mit Autokraten genau dieses Gefühl von Doppelstandards und Unsicherheit befördern.“ Den „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands“ verurteilte die Linke immer wieder – und betonte das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine. Das überfallene Land will man mit „umfassender humanitärer Hilfe“ statt Waffenlieferungen und einem „Schuldenschnitt“ unterstützen, „damit auch in Kriegszeiten Löhne und Renten bezahlt werden können und um einen raschen Wiederaufbau unabhängig von Kreditgebern zu ermöglichen“, wie es auf der Internetseite der Partei heißt. Die Linke gesteht dort ein: Man habe vormals „das Ausmaß an Aggressivität und die Bereitschaft der russischen Regierung unterschätzt, einen Angriffskrieg zu beginnen und ein Nachbarland zu überfallen“. Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht. Politikredakteur Frederik Schindler berichtet für WELT über die AfD, Islamismus, Antisemitismus und Justiz-Themen. Zweiwöchentlich erscheint seine Kolumne „Gegenrede“. Seit Februar 2026 erscheint wöchentlich sein Podcast „Inside AfD“.