Nationalmannschaft: Gewinner und Verlierer der ersten vier Klopp
Nationalmannschaft: Gewinner und Verlierer der ersten vier Klopp-Spiele in der Nations League
Von Patrick Strasser
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Vier Nations-League-Spiele, nur ein Sieg: Die sportliche Bilanz des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp fällt nach dem 0:0 in Griechenland ernüchternd aus. Klopp selbst hebt dagegen die Entwicklung seiner Mannschaft und die Qualität der Neulinge hervor: "Das Talent der Jungs läuft ihnen aus den Ohren raus." Die Gewinner und die Verlierer der ersten Länderspiele der Klopp-Ära.
Viertes Länderspiel unter dem neuen Bundestrainer Jürgen Klopp – ein 0:0 in Thessaloniki gegen Griechenland. Der Optimist sagt: Drei Mal nicht verloren, der Pessimist: Drei Mal nicht gewonnen. Nur beim 2:0 in München gegen Serbien.
Gegen die Griechen, auf Rang 41 der Fifa-Weltrangliste, die Klopp vor einer Woche in Augsburg das Heimdebüt vermiest hatten (0:1), gelang in mehr als 180 Minuten kein Treffer. Auf die Mini-Euphorie folgte eine Prise Ernüchterung.
Vor dem Anpfiff im Toumba-Stadion von PAOK Thessaloniki zog Klopp eine erste Bilanz der knapp zwei Wochen mit seinen Auserwählten: "In diesem Camp war wirklich harte Arbeit angesagt, mit viel Information für die Spieler. Hat großen Spaß gemacht."
Seine Erkenntnis: "Das Talent der Jungs läuft ihnen aus den Ohren raus." Nur die Ergebnisse sprudeln noch nicht. Dennoch ist Klopp überzeugt: "Wir haben eine klare Idee. Dementsprechend geht das alles in die richtige Richtung."
Nach dem neuerlichen WM-Debakel im Sommer, dem Aus im Sechzehntelfinale, musste Julian Nagelsmann auch deshalb seinen Posten als Bundestrainer räumen, weil er sich uneinsichtig zeigte. Weil alles verkrampft und festgefahren wirkte. Mit Jürgen Klopp wurde der Mann - aus Sicht vieler endlich, endlich - installiert, der den DFB wieder zum Leuchten bringen sollte. Zum Strahlen. Zu altem Glanz.
Wen streicht Klopp im November aus dem Aufgebot?
Dass auch ein vermeintlicher Heilsbringer nicht im Handumdrehen Erfolg erzwingen kann, dürfte klar gewesen sein. Darauf hatte Klopp selbst hingewiesen. Seine ersten knapp zwei Wochen mit vier Partien und zwei Kadern – insgesamt 44 nominierte Spieler – gehen als eine Art Assessment-Center in die DFB-Geschichte ein. Ein Intensivseminar im Fach Klopp-Fußball. Doch wo steht die Mannschaft jetzt?
Dort, wo Klopp selbst die Lage einordnet. Der Bundestrainer genießt einen Vertrauensvorschuss wie kaum einer seiner Vorgänger; auch das Remis in Griechenland wird dem 59-Jährigen daher nicht krummgenommen.
"Ich bin sehr zufrieden, weil ich weiß, wo wir herkommen. Die Jungs haben ein unglaubliches Fußballspiel gemacht, eine herausragende erste Halbzeit gespielt. Außer, dass wir aus den Chancen kein Tor gemacht haben", bilanzierte Klopp nach Mitternacht. Intensität gegen den Ball, hohes Gegenpressing, organisiertes Chaos: Über weite Strecken war Klopps Fußball zu erkennen. Ein Fortschritt – aber weiterhin ausbaufähig.
Klopps Credo: Seht her, so schlecht sind die Jungs nicht!
Sein Fazit nach den vier Spielen (ein Sieg gegen Serbien, je ein Remis in den Niederlanden und in Griechenland, eine Niederlage gegen die Griechen) lautete: "Wir haben gezeigt, dass wir verschiedene Dinge vielleicht besser können, als man momentan glaubt und als man uns das zugetraut hat." Und: "Ich hätte nicht gedacht, dass mit dieser Gruppe so ein Fußball möglich ist."
Mit diesem Kniff hat er das Narrativ auf seine Seite gezogen. Seht her, gar nicht so schlecht! Und überhaupt: Was habe ich – äh, was haben wir alles geschafft! Der Weg ist Klopps Ziel. Er sagte: "Wir wollen ja was verändern und anschieben und das habe ich gesehen." Man habe, so der Bundestrainer, "einen ersten Schritt gemacht, damit bin ich superhappy. Wir haben den Weg schon gefunden, jetzt müssen ihn nur noch einschlagen."
Klopps eigentliche Arbeit geht jedoch nun erst richtig los. Und das schon in den Wochen bevor sich das DFB-Team Mitte November wieder trifft. Vor dem Auswärtsspiel in Serbien (13.11.) und dem Heimspiel in Berlin gegen die Niederlande (16.11.). Nun muss er entscheiden, welche Spieler des 44er-Kaders dieser Abstellungsperiode durchs Klopp-Sieb gefallen sind – und wer wiederkommen darf.
Wer sind die Gewinner der vier Nations-League-Spiele, wer die Verlierer? Eine Auswahl:
Die Gewinner:
Da ist zum einen Torhüter Jonas Urbig (23), beim FC Bayern Neuers Stellvertreter und Kronprinz. "Normalerweise kriegen Nationalspieler Spielpraxis in ihren Vereinen", sagte Klopp, "bei uns ist das anders. Bei uns gibt es all inclusive."
Ein Hinweis auf die Frage der zukünftigen Nummer eins sei das jedoch nicht, betonte der 59-Jährige. Urbig hielt zwei Mal zu null, hat sich für weitere Einsätze empfohlen. Im November wird Klopp wohl nur drei Torhüter nominieren. Urbig hat nun einen kleinen Vorsprung und das Momentum auf seiner Seite.
Drei der vier Partien bestritt Philipp Treu (SC Freiburg) und überzeugte mit Biss, Zweikampfhärte, Laufbereitschaft und Offensivdrang. "Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass er ein Neuling ist", sagte Klopp über den 25-Jährigen und lobte ihn: "Er hat's toll gemacht, hinten rechts rotzfrech rausgespielt. Top - hat großen Spaß gemacht."
Das Bayern-Duo "Bischovic" als Entdeckung
Im zentralen Mittelfeld setzte Klopp in Abwesenheit von Joshua Kimmich, dem etatmäßigen Kapitän, erneut auf das Bayern-Duo "Bischovic": Tom Bischof (21) und Aleksandar Pavlovic (22). Gegen Serbien strahlten beide Sicherheit aus, Mut und Dominanz aus. Vor allem Pavlovic sei "omnipräsent" gewesen, sagte Klopp: "Er war unser Maschinenraum und hat gegen Serbien wie ein Leader agiert."
Bischof überzeugte zudem mit Torgefahr aus der zweiten Reihe und erzielte in München den Führungstreffer. Zu den Gewinnern zählt auch Florian Wirtz (23). Der Kapitän von Thessaloniki erhält von Klopp auf seiner bevorzugten Zehnerposition viele Freiheiten und glänzte gegen Serbien mit Spielwitz und einem Treffer.
Derry Scherhant (23), Linksaußen des SC Freiburg, überzeugte durch sein hohes Laufpensum und seinen Zug zum Tor. Damit verschaffte er sich gegenüber Kevin Schade vom FC Brentford und Chris Führich vom VfB Stuttgart eine gute Ausgangsposition.
Senkrechtstarter Scherhant: "Gänsehaut" und ein Blick zurück
Die Verlierer:
Wenn Jonas Urbig der Torwart-Gewinner ist, können es seine Keeper-Kollegen Marc-André ter Stegen (34) und Alexander Nübel (30) nicht sein. Sie bekamen jeweils nur ein Spiel - vor allem ter Stegen, der Rückkehrer, wurde nach dem neuerlichen Rücktritt von Manuel Neuer nicht als klare Nummer eins ausgerufen.
Da Bischof und Pavlovic überzeugten, wird der Weg ins Team auf der zentralen Mittelfeld-Position für Felix Nmecha (25) von Borussia Dortmund schwierig. Gilt natürlich auch für Joshua Kimmich (31). Doch der hat erstens den Kapitänsbonus und spielt bei Bayern eine gewichtige Rolle als Leader unter Trainer Vincent Kompany.
Warum sollte Klopp auf einen Weltklasse-Fußballer, der mit seinem Spiel nicht ganz zur Philosophie des neuen Bundestrainers passt, freiwillig verzichten? Dieses Fass wird Klopp zeitnah nicht aufmachen.
Kehrt Undav im November wieder zurück?
In den vier Partien dieses Lehrgangs gelangen der deutschen Nationalelf genau drei Treffer – ein Tor eines Mittelstürmers war nicht darunter. Nick Woltemade (24) agierte gegen Serbien vor dem Tor unglücklich. Jonathan Burkardt (26) wurde der stark erzielte Treffer in Griechenland wegen eines vorausgegangenen Handspiels aberkannt.
Kai Havertz (27) verletzte sich in Amsterdam. Den Frankfurter Younes Ebnoutalib (23), der als Joker sein Debüt feierte und in Augsburg in der Startelf stand, merkte man an, dass dieses Niveau noch etwas zu hoch sein könnte.
Für die November-Länderspiele dürfte sich der so unorthodoxe Angreifer Deniz Undav (30) vom VfB wieder Chancen ausrechnen – vorausgesetzt, er trifft wieder regelmäßiger für den VfB Stuttgart.
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