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Nato-General Grynkewich über Russland und den Ernstfall

Welt

Drohnenangriffe, Sabotage, ein Anschlagsversuch auf den Flughafen Leipzig: Russlands verdeckte Offensive gegen den Westen nimmt an Intensität zu. Nato-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich und Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer zeigen sich dennoch entschlossen – und legen offen, wie das Bündnis den Ernstfall plant.

Der Angriff auf den Flughafen Leipzig hätte verheerend enden können. "Wären mehrere vollgetankte Antonows in die Luft gegangen, hätte es vermutlich Tote gegeben", sagt US-General Alexus Grynkewich im Interview des "Spiegel". Grynkewich führt als Supreme Allied Commander alle Nato-Truppen in Europa. An seiner Seite: Generalinspekteur Carsten Breuer, der ranghöchste Soldat der Bundeswehr, der im Sommer des kommenden Jahres den Chefposten des einflussreichen Nato-Militärkomitees übernimmt.

Russland setzt auf Sabotage – mangels anderer Optionen

Trotz der wachsenden Spannungen schläft Grynkewich nach eigener Aussage gut. Der Grund: Sein Vertrauen in die Reaktionsfähigkeit der Allianz. Als russische Drohnen in den polnischen Luftraum eindrangen, hätten die Kommandeure vor Ort die Autorität gehabt, sie abzuschießen – ohne auf Befehle von oben warten zu müssen.

Einen groß angelegten konventionellen Angriff Russlands auf Europa schließt der General dezidiert aus. Putin greife zu Sabotage, "weil er keine anderen Optionen hat", sagte Grynkewich. Das liege an der konventionellen Abschreckung der Nato. Wer diese Stärke aufrechterhalte, nehme Russland die Möglichkeit zum direkten Konflikt.

Bundeswehr-General Breuer ergänzt die Analyse um eine strategische Formel: Eine Bedrohung entstehe durch das Zusammenspiel von Willen, Fähigkeit und Gelegenheit. "Genau diese Schwäche dürfen wir Putin nicht zeigen", mahnt er.

Dass Russlands Aktionen dabei längst keine klare Grenze zwischen zivilen und militärischen Zielen mehr kennen, ordnet Grynkewich historisch ein: Generalstabschef Waleri Gerassimow habe bereits 2013 formuliert, dass militärische Effekte auch durch Attacken auf zivile Ziele erreichbar seien – "der Konflikt sei ein Dauerzustand. Genau das sehen wir heute."

Natos Drei-Phasen-Plan für den Ernstfall

Für den Fall einer russischen Aggression hat die Nato unter Grynkewich ein konkretes Verteidigungskonzept entwickelt – die sogenannte "theory of victory". Sie gliedert sich in drei Phasen, die Grynkewich mit den Begriffen "block, blunt and break" beschreibt. Also: "blockieren, abschwächen und zerschlagen".

Zunächst würde jede Verletzung des Nato-Raums sofort blockiert – mit Landstreitkräften, Flugzeugen und der Marine. Hält der Angriff an, folgt die Schwächung der gegnerischen Linien durch Artillerie und Bomben. In der dritten Phase würden Kommandoposten, Nachschubwege und die Rüstungsindustrie des Angreifers gezielt zerstört. "Das muss schnell gehen, wir müssen aus dem Stand reagieren", betont Grynkewich. Die Botschaft dahinter ist unmissverständlich: "Wir werden einen Angriff sofort und entschieden abwehren und zerschlagen."

Deutschland als "Motor der Nato"

Besondere Anerkennung zollt der Nato-Oberbefehlshaber der Bundesregierung. Nach dem Anschlagsversuch auf Leipzig habe Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Unterstützung für die Ukraine hochgefahren – genau das, was Russland habe brechen wollen. "Die Bundesregierung ist wirklich ein Motor der Nato geworden, das ist sehr beeindruckend", sagt Grynkewich.

Breuer wiederum betont die Bedeutung des gemeinsamen Verteidigungsrahmens für die deutschen Truppen: Die "theory of victory" gebe der Brigade in Litauen und den gesamten Streitkräften eine klare Orientierung – und zugleich die nötige Flexibilität für Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld.

Eine "Einkaufsliste" für die Drohnenabwehr

Eine der drängendsten Baustellen der Allianz bleibt der Umgang mit Drohnen. "Wir müssen in diesem Bereich besser werden, und zwar rasch", räumt Grynkewich ein. Der Bedarf sei klar: Einwegkampfdrohnen in großer Stückzahl, günstigere Marschflugkörper, ein funktionierendes Abwehrsystem. Sowohl der Ukrainekrieg als auch der Konflikt mit dem Iran hätten Defizite offengelegt – doch man habe gelernt. "Daraus entstand ein Plan und eine Einkaufsliste."

Die Zusammenarbeit mit der Ukraine spielt dabei eine zentrale Rolle. Breuer verweist auf eine Vereinbarung zur gemeinsamen Drohnenproduktion, die Verteidigungsminister Pistorius im April mit seinem ukrainischen Amtskollegen unterzeichnet hat. Auf US-Seite nennt Grynkewich die Merops-Drohnen als Beispiel: in der Ukraine entwickelt, nun in die US-Streitkräfte integriert.

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Zweifel am Zusammenhalt der Allianz – vor allem mit Blick auf US-Präsident Donald Trump – weist Grynkewich entschieden zurück. Beim Nato-Gipfel in Ankara habe Trump selbst davon gesprochen, "dass der Raum voller Liebe war. Das war keine Übertreibung." Jeder habe dort den kollektiven Willen und die Bindung an den Bündnisgedanken gespürt. Sorgen von Verbündeten an der Ostflanke könne er zwar verstehen – doch er halte sie für unbegründet. (red)

Verwendete Quellen

spiegel.de (Bezahlinhalt): "Unsere militärischen Fähigkeiten übertreffen die Moskaus bei Weitem"

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