NATO und Ukraine entwickeln KI zur Vorhersage russischer Drohnenangriffe
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Mögliche Wendung im Kräfteverhältnis: Diese Kriegs-KI soll Russlands Drohnen stoppen
Von: Tim Krüger
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Ein Algorithmus soll vorab berechnen, wo und wann Russland angreift. Kiew und das Bündnis wollen das System bald an der Front nutzen.
Was wäre, wenn sich exakt bestimmen ließe, wann, wo und wie der Feind als Nächstes zuschlägt? Eine solche „Kristallkugel“ gibt es jetzt vielleicht: Das ukrainische Verteidigungsministerium hat am Dienstag mitgeteilt, dass die Streitkräfte in Kürze ein gemeinsam mit der NATO entwickeltes KI-Modell einsetzen werden. Es soll vorhersagen, wo und wann russische Drohnenangriffe erfolgen. Das als „Modell Nr. 13“ bezeichnete Werkzeug soll damit den Übergang von der reinen Reaktion auf Angriffe zu einer vorausschauenden Luftverteidigung ermöglichen.
Nach Angaben des Ministeriums wertet das System vergangene Kampfdaten, Wetterbedingungen und die aktuelle Lage im Kampfgebiet aus. Auf dieser Grundlage lasse sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ bestimmen, wie russische Truppen ihre Drohnen einsetzen. Prognostiziert werden sollen Zeitpunkt, Ort und Intensität eines Angriffs sowie der eingesetzte Drohnentyp. Die Lösung sei „bereits mit realen Datensätzen getestet und erprobt“ worden und nun bereit für die Eingliederung in die Lageerkennungssysteme der ukrainischen Streitkräfte.
Die Ukraine und die Nato entwickeln das „Modell Nr. 13“ gemeinsam
Entwickelt wurde das Modell laut Ministerium von den ukrainischen Streitkräften und dem Allied Command Transformation (ACT) der NATO, unterstützt vom Joint Analysis, Training and Education Centre (JATEC). Vorgestellt wurde es zusammen mit einem zweiten Modell bei einem dreitägigen Seminar in Vilnius. Das Bündnis hatte das JATEC Ende 2024 geschaffen, um Erkenntnisse aus dem Krieg für neue Technologien nutzbar zu machen. Eine Anfrage von Business Insider ließen ACT und JATEC zunächst unbeantwortet, sodass sich die Darstellung bislang allein auf die ukrainische Seite stützt.
Laufen soll das Modell auf dem Kampfgebiet-Managementsystem DELTA. Die digitale Anwendung bündelt Informationen von Drohnen, Kameras und Gefechtsberichten und verschafft Kommandeuren über Tablets oder Smartphones einen Überblick über die Front. Nach Angaben des Ministeriums nutzten im November mehr als 200.000 Menschen das System. Dort arbeitet bereits das KI-Modul „Vezha“, das russische Ausrüstung anhand von Satellitenbildern, Drohnenaufnahmen und Funksignalen innerhalb von Sekunden erkennen und markieren soll.
In DELTA soll das Modell mehrere Datenquellen zusammenführen und daraus Prognosen ableiten. Dazu zählt laut einer Analyse des Thinktanks CSIS das akustische Netz Zvook, das mit vernetzten Mikrofonen die Triebwerksgeräusche tieffliegender Flugkörper erfasst. Da diese Sensoren passiv arbeiten, gelten sie als unempfindlich gegen Radarerfassung und Störsender. Die Vorhersagen sollen es ermöglichen, mobile Abfangtrupps gezielt in erwartete Anflugkorridore zu verlegen, statt weite Räume auf Verdacht zu sichern.
KI-Prognosen im Krieg: Grenzen durch Störsender und Täuschdrohnen
Die Leistungsfähigkeit des Systems hängt von der Datenlage an der Front ab. Störungen der Satellitennavigation und unterbrochene Datenverbindungen zwischen Sensoren und Führungszentren können Informationslücken erzeugen. Fehlt die Rückmeldung aus dem Feld, beruhen Prognosen stärker auf Annahmen, und die Zahl der Fehlalarme steigt. Zudem setzt Russland Gerbera-Drohnen ein, die meist ohne Gefechtskopf auskommen, aber ähnliche Radarsignaturen wie scharfe Shahed-Drohnen aufweisen und Algorithmen täuschen können.
So greifen die KI-Systeme der Ukraine ineinander
Modell Nr. 13: Soll vorhersagen, wann, wo und wie stark Russland mit Drohnen angreift und welcher Drohnentyp zum Einsatz kommt. Nutzt frühere Kampfdaten, Wetter und die aktuelle Lage.
Modell Nr. 32: Entscheidungshilfe, die Artilleriepläne automatisch erstellt und nach Eignung ordnet.
Vezha: Erkennt und markiert russische Ausrüstung in Satellitenbildern, Drohnenaufnahmen und Funksignalen.
Zvook: Netz aus vernetzten Mikrofonen, das Triebwerksgeräusche tieffliegender Flugkörper erfasst.
Die Entscheidung über Waffeneinsätze bleibt laut der CSIS-Analyse beim Menschen, nach dem Prinzip „Human-in-the-Loop“. Weder Modell Nr. 13 noch das zweite Modell besitze Befugnis über Waffenfreigaben, die das System in völkerrechtliche Grauzonen manövrieren würden. Letzteres, „Nr. 32“, soll den Einsatz von Artillerie planen. Ein Prototyp wird derzeit von ukrainischen Soldaten getestet; angekündigt wurde das Modell im Februar. Die Streitkräfte setzen bereits seit dem Vorjahr KI- und Machine-Learning-Modelle ein, um Kampfdaten auszuwerten und Bedrohungen vorherzusagen.