Nestlé: Nach Zwangsverwaltung droht Russland
Im August hatte es erste Gerüchte gegeben, nun ist es erstaunlich schnell gegangen: Der russische Präsident Wladimir Putin hat die Russland-Aktivitäten von Nestlé unter Zwangsverwaltung gestellt. Dies geht aus einem Dekret hervor, das der Kreml am Donnerstagabend veröffentlicht hat.
Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern will sich wehren. In einer kurzen Mitteilung kündigte Nestlé am Freitag an, alle notwendigen Schritte zu unternehmen, um die eigenen Rechte zu wahren und den Geschäftsbetrieb im Interesse aller Beteiligten aufrechtzuerhalten.
Auch in Bundesbern nimmt man die Vorgänge ernst. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zeigte sich in einer Stellungnahme «besorgt». Die Schweizer Behörden unterstützten Nestlé dabei, auf eine Aufhebung der Zwangsverwaltung hinzuwirken.
«Vorstufe zur Enteignung»
Zwar bleiben die Eigentumsverhältnisse vorerst unangetastet. Die bisherige Praxis zeige aber, dass ausländische Unternehmen unter russischer Zwangsverwaltung früher oder später an russische Eigentümer übertragen würden, sagt Fabian Burkhardt, Russland-Experte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg: «Es handelt sich um eine Ausübung von Zwang, die als Vorstufe zu einer bevorstehenden Quasi-Enteignung betrachtet werden muss.»
Der jetzige Schritt scheint Teil einer breiteren Offensive gegen westliche Firmen zu sein. Neben Nestlé hat Putin auch die russischen Supermärkte des französischen Auchan-Konzerns unter Zwangsverwaltung gestellt. Auchan gehört zu den grössten Supermarktketten im Land und betreibt rund 230 Läden in 100 Städten.
Auch die französische FM Logistic, ein bedeutender Anbieter von Logistikdienstleistungen, ist betroffen. Zudem kommt die grösste Baumarktkette Russlands, Lemana Pro, unter Fremdverwaltung. Der Kreml scheint wichtige Firmen in den Sektoren Detailhandel und Lebensmittel unter seine Kontrolle bringen zu wollen.
Zwielichtige Hintermänner
Mit der Zwangsverwaltung hat der Kreml offiziell die Firma LEV Management betraut. Laut russischen Medienberichten handelt es sich um eine erst 2024 gegründete Kleinfirma. Wie diese gleichzeitig vier Grossunternehmen mit Tausenden von Mitarbeitern operativ führen soll, bleibt schleierhaft.
LEV Management sei wohl eine Briefkastenfirma und weise mit Andrei Krajuschkin einen Generaldirektor auf, der früher einen hohen Posten im Innenministerium innegehabt habe, sagt Fabian Burkhardt. «Auch das spricht dafür, dass die derzeitige temporäre Verwaltung von Nestlé nur eine Zwischenstation ist.»
Der Antrag auf die Zwangsverwaltung von Nestlé wurde im August von einem wenig bekannten Unternehmen gestellt, das laut Burkhardt Verbindungen zu einem Geschäftsmann namens Igor Kim hat. Kim gehörte in den vergangenen Jahren zur führenden Gruppe russischer Unternehmer, die ausländische Aktiva unter ihre Kontrolle gebracht haben.
Geblieben trotz Ukraine-Krieg
Nestlé zählt zu jenen westlichen Firmen, die nach der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 im Land geblieben sind. Der Nahrungsmittelkonzern reduzierte zwar seine Aktivitäten – zum Beispiel exportiert er keine Nespresso-Kapseln mehr nach Russland. Hingegen hielt Nestlé am Verkauf von Lebensmitteln fest, die das Unternehmen selbst in Russland produziert und als «essenziell» einstuft.
In sieben russischen Fabriken mit rund 7000 Mitarbeitern stellt Nestlé Babymilch, Nescafé, Tiernahrung, Frühstücksflocken und Süssigkeiten her. In Russland dürfte Nestlé einen Umsatz von rund 2 Prozent des Konzernumsatzes (90 Milliarden Franken) machen – allerdings klammert das Unternehmen das Russland-Geschäft seit 2022 bei seinen Geschäftszahlen aus. Ein russischer Analyst schätzte den Wert der Anlagen und Vermögenswerte in der Zeitung «Wedomosti» auf bis zu 170 Milliarden Rubel (1,7 Milliarden Franken).
Spekulationen über Motive des Kreml
Was hat den Kreml zur Zwangsverwaltung motiviert? Eine Interpretation lautet, dass Putin den Nahrungsmittelkonzern dazu zwingen will, wieder in Russland zu investieren und auch von dort zu exportieren. Nestlé hat zwar seine Fabriken in Schuss gehalten und führt die Produktion fort. Aber der Konzern hat bereits 2022 angekündigt, dass er keine neuen Investitionen in Russland mehr tätige. Zudem stellte er die Werbung für seine Produkte ein.
Würde Nestlé auf einen Kreml-freundlicheren Kurs einschwenken, käme der Konzern in ein moralisches Dilemma: Er drohte die westlichen Unterstützer der Ukraine zu verprellen. Zudem wäre es ein geschäftliches Risiko, denn auch bei Investitionen bliebe die Gefahr, dass der Kreml Nestlé zu einem späteren Zeitpunkt enteignet.
«Aus Investorensicht bleibt das Russland-Engagement von Nestlé ein Reputations- und Sanktionsrisiko, dessen finanzielle Bedeutung auf Konzernebene jedoch voraussichtlich begrenzt bleibt», erklärten die Analysten der Zürcher Kantonalbank am Freitag.
Eine zweite Interpretation lautet, dass der Kreml die russischen Aktivitäten von Nestlé – sowie der anderen westlichen Firmen – ihm genehmen Geschäftsleuten zuschanzen will. Das Nestlé-Geschäft ist wertvoll; es enthält auch beträchtliche einbehaltene Gewinne, die das Unternehmen wegen der Kapitalverkehrskontrollen seit 2022 nicht mehr in die Schweizer Zentrale transferieren kann.
Eine dritte Interpretation lautet, dass es Putin um ein politisches Signal geht. In russischen Medien sagte ein lokaler Analyst, womöglich habe der Kreml die Hoffnung verloren, dass sich die Beziehungen zu westeuropäischen Ländern in absehbarer Zeit normalisieren würden.
Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow begründete die Zwangsmassnahmen am Freitag erstmals mit dem Argument, es handle sich um Unternehmen aus «unfreundlichen» Staaten – und diese Staaten seien direkt in die ukrainischen Angriffe auf die wirtschaftliche Infrastruktur Russlands involviert. Implizit wird damit die Schweiz in Verbindung mit den Angriffen gebracht – obwohl sie keine Waffen liefert.
Welle von Enteignungen
Die Enteignung von Unternehmen ist seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine ein fester Bestandteil russischer Wirtschaftspolitik. Allein jene Vermögenswerte, die von Anfang 2022 bis Ende 2025 von der Staatsanwaltschaft eingezogen wurden, belaufen sich laut dem Russland-Forschungsprojekt Cedar auf umgerechnet fast 54 Milliarden Euro.
Ins Visier gerieten zunächst westliche Konzerne, die das Land verlassen wollten. Aufsehen erregte die Beschlagnahmung des Nahrungsmittelkonzerns Danone und der Brauerei Carlsberg in der Mitte des Jahres 2023. Beide Firmen hatten schon Käufer für ihre russischen Einheiten gefunden – doch der Kreml stellte sie trotzdem unter Zwangsverwaltung. Später wurden die Firmen an Günstlinge Putins weitergegeben. Die Tochtergesellschaft des deutschen Energiekonzerns Uniper ereilte ein ähnliches Schicksal.
Schnell wurden auch genuin russische Konzerne zum Ziel der staatlichen Machtübernahme, wobei die Justiz als Handlanger von Strippenziehern in der Exekutive agierte. Zur Rechtfertigung wurden sogar Privatisierungen aus den 1990er Jahren für unrechtmässig erklärt. Wissenschafter erklärten diese Verteilung wirtschaftlicher Macht mit dem Bestreben des Kreml, die Unternehmenslandschaft auf Basis von Loyalität zum Regime neu zu ordnen.
Attraktive Ziele
Laut Richard Connolly, Russland-Experte beim Beratungsunternehmen Oxford Analytica, ist eine neue Form der Kommandowirtschaft entstanden. In dem Masse, wie das russische Wirtschaftswachstum an Schwung verliere, intensiviere sich der Machtkampf um profitable Assets: Firmen, die einst durch Neutralität oder lokale Verbundenheit geschützt gewesen seien, könnten sich als Ziele wiederfinden, schrieb Connolly bereits Ende 2025 warnend.
«Gerade bei Nestlé und Auchan dürfte es sich um Vermögenswerte handeln, die Begehrlichkeiten bei russischen Wirtschaftsakteuren hervorgerufen haben», sagt der Russland-Forscher Fabian Burkhardt. Denn vor allem frühere ausländische Unternehmen im Bereich des Lebensmitteldetailhandels und der Nahrungs- und Genussmittel hätten sich unter russischer Kontrolle gut entwickelt – im Gegensatz zu anderen Branchen.