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Netflix mischt die Gamingbranche auf

Allgemein

Also, es beginnt irgendwo nachts in Vice City. Jason und Lucia

betreten ein heruntergekommenes Gebäude, in dem sie eine Tasche abholen sollen. Sie klopfen an eine Tür, ein grimmig dreinblickender Typ öffnet ihnen, und plötzlich stehen unsere Protagonisten in einer riesigen Drogenküche. Dämmriges Licht, halbnackte Frauen, die an langen Tischen Kokain strecken. Leise wummert Boom-Bap-Hip-Hop.

Ein Typ kommt angerannt und will wissen, was Jason und Lucia hier wollen. Sein Handy klingelt, ein anderer Kerl am Telefon sagt ihm warnend, die Polizei sei im Anmarsch, und im nächsten Moment bricht auch die Hölle los. Das Spezialkommando macht keine Gefangenen und schiesst auf alles, was sich bewegt. Dann schwenkt die Kamera zu Jason, heftet sich an seine Schulter, am oberen Kamerarand erscheinen eine Lebens- und eine Munitionsanzeige, in der Bildmitte ein Fadenkreuz, der Spieler übernimmt die Kontrolle. Willkommen in «GTA 6», dem meisterwarteten Videospiel der letzten Jahre, vermutlich aller Zeiten.

Ein Mittelfinger gegen den Vernunftsabsolutismus

Der Mensch ist bekanntermassen nur da ganz Mensch, wo er spielt. Doch während Friedrich Schiller in seiner «Ästhetischen Erziehung» den

angeborenen Spieltrieb noch idealisierte, ist dieser mittlerweile ins

Zentrum einer Industrie gerückt, deren Zugpferd die «Grand Theft

Auto»-Reihe ist. Die Videospielreihe vermittelt wie keine andere das Gefühl anarchischer Freiheit, die sich in ihren riesigen Spielwelten ausdrückt. Die kann der Spieler bis in den hintersten Winkel frei begehen und befahren. Es ist eine Welt mit vielen Möglichkeiten und wenigen Konsequenzen. Stirbt der Spieler, steht er ein paar Sekunden später mit ein paar Dollar weniger in der Tasche vor dem Krankenhaus, klaut sich das nächstbeste Auto und kann dort weitermachen, wo er aufgehört hat. So fungierte die «GTA»-Reihe gerade bei jüngeren Spielern schon immer auch als Mittelfinger gegen den Vernunftsabsolutismus einer als öde und durchreglementiert empfundenen Welt ohne echte Freiräume mehr.

Der 2013 erschienene Vorgänger «GTA 5» ist mit über 230 Millionen verkauften Exemplaren hinter «Minecraft» das zweiterfolgreichste Videospiel aller Zeiten. Dementsprechend sieht nun der Hype um den sechsten Teil der Reihe aus – der je nach Zählung schon der achte Hauptteil ist. Weiter befeuert werden die Erwartungen durch den Publisher Take-Two Interactive. Dessen CEO Strauss Zelnick erklärte im April, Ziel sei es, «das spektakulärste Stück Unterhaltung auf der Erde und in der Geschichte zu machen».

Die hochgeschraubten Ambitionen sind auch der Grund, warum das Spiel nicht schon längst auf dem Markt ist, sondern mehrfach verschoben wurde. Nun soll das Spiel am 19. November erscheinen, diesmal auch wirklich, aber zunächst nur für die Playstation 5 und die Xbox. Der näher rückende Releasetermin beschäftigt mittlerweile sogar amerikanische Volkswirte. Die fürchten im November einen Produktivitätsverlust von rund einer Milliarde Dollar, ausgelöst durch Angestellte, die zufällig alle am selben Tag «erkranken».

Ein Werbevideo an der Spitze der Netflix-Charts

Doch trotz Hype wusste man lange fast nichts über «GTA 6». Lange existierten nur zwei in die Jahre gekommene Trailer, die es zusammen auf 450 Millionen Aufrufe bei Youtube bringen und lediglich aufpolierte Bilder ohne echte Spielszenen zeigten. Bis zum Donnerstag vergangener Woche. Ausgerechnet Netflix, jenes Unternehmen, das bereits die Film- und Serienbranche auf links gedreht hat, mischt jetzt auch gross in der Gamingbranche mit. Schon die Ankündigung im Juli sorgte für Furore: Rockstar werde einen «Extended Look» zu «GTA 6» am 27. August zuerst bei Netflix zeigen, sechs Stunden vor einer kostenlosen Fassung auf Youtube. «Homo ludens» loggte sich ein, millionenfach, um ein knapp 27-minütiges Werbevideo einen halben Abend früher zu sehen als alle anderen.

Das Video zeigt «GTA»-typische Actionszenen wie die eingangs geschilderte Flucht aus der Drogenküche, Verfolgungsjagden und Banküberfälle, aber auch die riesige Spielwelt, in der sich die Spieler in unzähligen Nebenmissionen verlieren können. So sind die Hauptcharaktere Jason und Lucia – ein Liebespaar mit Hang zu Straftaten – beim Motocross, Basejumping oder Cocktailschlürfen

auf einer Dachterrasse mit Panoramablick über das gestochen scharf animierte Vice City zu sehen. Die an Miami angelehnte Stadt ist das Zentrum des fiktiven und Florida nachempfundenen Gliedstaats Leonida.

Wie erfolgreich die Kooperation zwischen Netflix und dem Entwickler Rockstar Games war, verkündete der Streamingriese am Dienstag per Pressemitteilung: 31,1 Millionen Aufrufe binnen weniger Tage. Damit steht der «Extended Look» in 87 von 93 Ländern, in denen der Dienst verfügbar ist, an der Spitze der Charts. Uff.

Tarantino-Zeitgeist

Doch trotz Marketingcoups läuft bei Rockstar nicht alles nach Plan. Die Ankündigung, «GTA 6» ohne physischen Datenträger zu verkaufen, sorgte vor einigen Wochen für massiven Unmut. Zudem begann am 18. August ein mutmasslicher Hacker, Spielsequenzen zu veröffentlichen. Fragten sich anfangs noch viele, ob es sich um gut gemachte KI-Fakes handle oder gar um «Guerilla»-Marketing des Studios, haben sich die Hinweise verdichtet, dass die Leaks echt sind. Rockstar liess die Clips per Urheberrechtsbeschwerden von Plattformen wie X entfernen und beantragte vor einem Bundesgericht in New York, Microsoft und Discord zur Herausgabe von Nutzerdaten zu verpflichten. «Grand Theft Urheberrecht», mit Rockstar als Gelackmeiertem.

Fasziniert hat die «GTA»-Reihe neben ihrer nahezu anarchischen Freiheit immer auch durch ihre kompromisslose Action, deren explizite Gewalt oft schräg und überzeichnet wirkt, beinahe «tarantinoesk». Zugleich formulierte sie stets einen bissigen Zeitgeistkommentar. Besonders deutlich wurde das in «GTA 4» von 2008, das für viele Hardcore-Fans als der düsterste, aber immer noch beste Teil gilt. Darin übernahm der Spieler die Rolle von Niko Bellic, der zu Beginn als illegal eingereister Immigrant von einem Frachter in Liberty City an Land geht und im Lauf der Handlung konsterniert feststellt, dass sich der sagenumwobene «amerikanische Traum» gar nicht so sehr vom Krieg in seiner Heimat auf dem Balkan unterscheidet. Auch dem Nachfolger «GTA 5» gelang es, ein grauschattiertes Sittengemälde zu zeichnen, das alle aufs Korn nahm: waffenvernarrte Hinterwäldler und rechte Medienunternehmer ebenso wie grossstädtische «liberals» und durchgeknallte New-Age-Gurus.

Bleibt die Frage, was der Hype über den Zustand seines Publikums sagt. Schiller dachte den Spieltrieb als Bedingung von Freiheit. Der Mensch spielt, weil er frei ist. «GTA» verkauft mittlerweile dessen Umkehrung: Spielen als Illusion von Freiheit. Der Mittelfinger, den die Reihe seit 1997 in die Kamera hält, ist längst ein Produkt mit Preisschild, Vorbestellfrist und Netflix-Slot.

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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