Neue 10-Jahres-Prognose: J.P. Morgan sieht Bitcoin überraschend vor Aktien und Gold
J.P. Morgan Asset Management hat die mittlerweile 31. Ausgabe der sogenannten „Long-Term Capital Market Assumptions“ veröffentlicht. In dem umfangreichen Bericht versucht die Investmentgesellschaft jedes Jahr abzuschätzen, wie sich unterschiedliche Anlageklassen in den kommenden 10 bis 15 Jahren entwickeln könnten.
Mehr als 90 Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Investment und Portfoliomanagement waren an den Analysen beteiligt, die sich auf über 200 verschiedene Vermögenswerte erstrecken. Die Ergebnisse dienen unter anderem institutionellen Investoren und Vermögensverwaltern als Orientierung für ihre langfristigen Anlagestrategien.
In diesem Jahr spielt erstmals auch Bitcoin eine Rolle. Die Analysten widmen sich in einem eigenen Abschnitt den langfristigen Perspektiven der digitalen Währung und haben dafür verschiedene Szenarien durchgerechnet.
Obwohl die Bank Bitcoin weiterhin mit einer gewissen Skepsis betrachtet, fallen die Ergebnisse durchaus überraschend aus.
Was zunächst nach einem überschaubaren Unterschied klingt, macht sich über einen längeren Zeitraum dann aber doch deutlich bemerkbar. Sollte Bitcoin tatsächlich zehn Jahre lang durchschnittlich um 10 Prozent jährlich steigen, würde sich der Wert einer Investition ungefähr um den Faktor 2,6 erhöhen.
Bei großen US-Aktien wären es mit den angenommenen 7,5 Prozent dagegen lediglich „nur“ rund das Doppelte. Wer heute also beispielsweise 10.000 US-Dollar investiert, käme bei Bitcoin rechnerisch auf rund 25.900 US-Dollar, während es bei Aktien etwa 20.600 US-Dollar wären.
Allerdings ist diese Rechnung natürlich rein hypothetisch. Auch J.P. Morgan betont, dass die Bitcoin-Zahlen nicht als verlässliche Kursvorhersage verstanden werden sollten. Anders als die allgemeinen Kapitalmarktannahmen, die einen Zeitraum von 10 bis 15 Jahren abdecken, beziehen sich die Bitcoin-Szenarien im Übrigen auch ausdrücklich nur auf die kommenden zehn Jahre.
Um die unterschiedlichen Szenarien zu berechnen, verwendet J.P. Morgan drei Bewertungsansätze, die anschließend miteinander kombiniert werden. Dabei geht es vor allem um das begrenzte Bitcoin-Angebot im Verhältnis zur staatlichen Geldmenge, die mögliche Konkurrenz zu Gold sowie die weitere Verbreitung des Bitcoin-Netzwerks.
Den mit Abstand größten Einfluss hat dabei der erste Ansatz, der mit 65 Prozent in die Gesamtberechnung einfließt.
Hier betrachten die Analysten, wie sich das Wachstum des Bitcoin-Angebots gegenüber der US-amerikanischen beziehungsweise globalen Geldmenge entwickelt. Während aufgrund der regelmäßigen Halvings immer weniger neue Bitcoin hinzukommen, können Zentralbanken und Geschäftsbanken die Geldmenge staatlicher Währungen weiterhin ausweiten.
J.P. Morgan untersuchte deshalb, wie sich dieses unterschiedliche Angebotswachstum langfristig auf den Bitcoin-Preis auswirken könnte.
Allein dieser Ansatz ergibt im Basisszenario eine jährliche Rendite von 10,7 Prozent. Im besonders optimistischen Fall wären es 17 Prozent, während das pessimistische Szenario einen jährlichen Rückgang von 9,7 Prozent ergibt.
Der zweite Bewertungsansatz beschäftigt sich mit Bitcoins möglicher Rolle als Ergänzung zu Gold und wird mit 30 Prozent gewichtet.
Dabei gehen die Analysten der Frage nach, wie sich der Bitcoin-Markt entwickeln könnte, wenn Investoren einen Teil ihres bisher in Gold angelegten Vermögens künftig in BTC umschichten. Im optimistischen Szenario berücksichtigen sie sogar die Möglichkeit, dass Bitcoin eines Tages in den Währungsreserven von Zentralbanken auftauchen könnte.
Und bevor es jemand falsch versteht: Das bedeutet ausdrücklich NICHT, dass J.P. Morgan tatsächlich fest mit einer solchen Entwicklung rechnet. Vielmehr handelt es sich um eine Annahme, die verdeutlichen soll, welches Potenzial sich daraus ergeben könnte.
Auch dieser Ansatz liefert im Basisszenario eine jährliche Rendite von 10,7 Prozent. Im Bullenszenario wären es sogar 17,3 Prozent, während im pessimistischen Fall ein Rückgang von 13,3 Prozent pro Jahr herauskommt.
Der dritte und letzte Bewertungsansatz beschäftigt sich mit der weiteren Nutzung und Verbreitung des Bitcoin-Netzwerks. Hier berücksichtigen die Analysten unter anderem die Aktivität auf der Bitcoin-Blockchain, gehen allerdings davon aus, dass Bitcoin kaum unmittelbar vom Wachstum tokenisierter Vermögenswerte auf anderen Blockchains profitieren dürfte.
Interessanterweise fällt ausgerechnet dieser Ansatz deutlich pessimistischer aus. Im Basisszenario ergibt sich daraus eine jährliche Rendite von minus 3,2 Prozent, während selbst das optimistische Szenario lediglich auf 6,1 Prozent kommt.
Da J.P. Morgan diesem Modell allerdings deutlich weniger Vertrauen entgegenbringt, fließt es lediglich mit 5 Prozent in die Gesamtberechnung ein.
Die drei Ansätze werden somit im Verhältnis 65 zu 30 zu 5 gewichtet, woraus sich schließlich die übergeordneten Szenarien mit minus 11,2 Prozent, plus 10 Prozent und plus 16,6 Prozent jährlicher Rendite ergeben.
Spannend ist dabei nach unserer Ansicht vor allem, dass J.P. Morgan dem Verhältnis zwischen dem begrenzten Bitcoin-Angebot und der Ausweitung staatlicher Geldmengen die mit Abstand größte Bedeutung beimisst. Die Gewichtung von 65 Prozent macht entsprechend deutlich, dass die Analysten diesen Ansatz für besonders aussagekräftig halten.
Neben den eigentlichen Renditeberechnungen lohnt sich auch ein Blick darauf, wie J.P. Morgan Bitcoin grundsätzlich einordnet. Denn obwohl die Analysten weiterhin vorsichtig sind, finden sich im Bericht durchaus interessante Aussagen über dessen Eigenschaften.
So schreiben die Analysten Dr. Sheena Shah und Dennis Cristallo beispielsweise:
Wir betrachten Bitcoin als spekulativen Vermögenswert und als Absicherung gegen eine Lockerung der Geldpolitik.
J.P. Morgan, Auszug aus dem Bericht
Damit erkennt die Bank zumindest an, dass Bitcoin von einer expansiven Geldpolitik profitieren und als möglicher Schutz vor deren Auswirkungen dienen könnte.
An anderer Stelle wird die digitale Währung sogar ausdrücklich als knapper und unabhängiger Wertspeicher bezeichnet.
Bitcoin wird heute als knapper Wertspeicher angesehen, der unabhängig von Zentralbanken ist.
J.P. Morgan, Auszug aus dem Bericht
Gleichzeitig macht die Bank deutlich, dass eine zunehmende Geldentwertung nicht automatisch dazu führen muss, dass große Mengen an Kapital in Bitcoin fließen. Die Analysten halten es vielmehr für falsch, aus einer möglichen Schwächung staatlicher Währungen unmittelbar auf einen entsprechenden Boom bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen zu schließen.
Nach ihrer Einschätzung verhält sich Bitcoin bislang häufig wie ein besonders risikoreicher Vermögenswert, dessen Kurs stark auf Veränderungen der globalen Liquidität reagiert. In anderen Marktphasen werde BTC dagegen eher als digitales Gold betrachtet.
Genau diese wechselnden Eigenschaften machen es aus Sicht der Bank schwierig, Bitcoin langfristig zuverlässig zu bewerten.
Obwohl J.P. Morgan Bitcoin erstmals in die langfristigen Kapitalmarktanalysen aufnimmt, wird die digitale Währung bislang nicht vollständig in die zentralen Portfoliomodelle integriert.
Das liegt laut des Berichts vor allem an der hohen Volatilität und daran, dass sich Bitcoin in der Vergangenheit nicht immer gleichmäßig zu anderen Vermögenswerten verhalten hat.
In der Vergleichstabelle (siehe oben) weist J.P. Morgan für Bitcoin eine annualisierte Volatilität von 55 Prozent aus. Bei Gold liegt dieser Wert lediglich bei 17,2 Prozent und bei großen US-Aktien bei 18 Prozent. Die zugrunde gelegten Volatilitätswerte beruhen dabei auf historischen Daten.
Bitcoin schwankt damit (wenig überraschend) erheblich stärker als die meisten traditionellen Anlageklassen, auch wenn sich die Volatilität laut J.P. Morgan im Laufe der Zeit bereits verringert hat.
Hinzu kommen die sogenannten Korrelationen, die beschreiben, wie stark sich unterschiedliche Vermögenswerte gemeinsam bewegen.
In der veröffentlichten Übersicht liegt die historische Korrelation von Bitcoin zu großen US-Aktien beispielsweise bei 0,33, während sie bei Gold lediglich 0,10 beträgt. Beide Werte deuten zwar auf vergleichsweise geringe Zusammenhänge hin, doch das Problem liegt laut den Analysten darin, dass sich diese Korrelationen im Laufe der Zeit immer wieder verändern.
Für professionelle Vermögensverwalter ist das dann schon eine gewisse Herausforderung, weil sie möglichst zuverlässig abschätzen möchten, wie sich unterschiedliche Anlagen gegenseitig beeinflussen und ob sich durch ihre Kombination Risiken reduzieren lassen.
J.P. Morgan sieht deshalb bislang noch keine ausreichend verlässliche Grundlage, um Bitcoin in klassischen Anlageportfolios eine feste Rolle zur Risikostreuung zuzuweisen.
Allerdings schließen die Analysten nicht aus, dass sich diese Einschätzung künftig ändern könnte.
Wenn sich die Korrelationen stabilisieren und die Volatilität sinkt, könnte sich Bitcoins Nutzen für Portfolios künftig verbessern. Auch eine klarere Regulierung sowie weitere Verbesserungen bei der Markttiefe, Liquidität und Preisbildung könnten diese Entwicklung begünstigen.
J.P. Morgan, Auszug aus dem Bericht