Neue Angriffsstrategie der Ukraine: Exklusive Satellitenbilder zeigen die Schäden
DieDie Ukraine nimmt immer mehr Rechenzentren russischer Unternehmen ins Visier. Am Mittwoch traf es den nagelneuen Supercomputingkomplex der Sberbank in Balakowo. Damit wechselt die Führung in Kiew offenbar ihre Strategie, beugt sich dem Druck von US-Präsident Donald Trump, Angriffe auf Raffinerien zu unterlassen, um die Dieselknappheit nicht weiter zu verschärfen.
Schon in der vergangenen Woche hatten Luftangriffe das russische Internetunternehmen Yandex offenbar schwer getroffen. Darauf deutet eine exklusive Analyse eines ersten hochauflösenden Satellitenbildes hin, das von einem der beschossenen Rechenzentren verfügbar ist. Das oft als „Google Russlands“ bezeichnete Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren fünf große Serverfarmen in Wladimir Putins Reich hochgezogen. Drei davon wurden in der vergangenen Woche vermutlich mit Drohnen beschossen. Die Luftschläge am 7., 9. und 12. Oktober in Sassowo, Kaluga und Wladimir haben mindestens eines davon schwer beschädigt, zeigen nun die Aufnahmen.
Die Angriffe stellen damit die aktuelle Rechenzentrumsstrategie des Unternehmens infrage, das neben der wichtigsten russischen Suchmaschine auch E-Mail- und Cloud-Dienste betreibt sowie KI-Modelle trainiert. So zeigt die Recherche, dass die Anlagen weitgehend schutzlos feindlichen Angriffen ausgeliefert sind. Werden solche Rechenzentren beschädigt oder zerstört, droht nicht nur ein Ausfall der Dienste, sondern auch ein Verlust gespeicherter Daten.
Wie verheerend Zerstörungen sind, zeigt sich an den Aufnahmen des Rechenzentrums in der rund 316 Kilometer südöstlich von Moskau gelegenen Stadt Sassowo. Hier war das Yandex mit seinen Servern in einer älteren Industriehalle aus Sowjetzeiten untergekommen. Diese 370 mal 200 Meter große Halle wurde nun durch einen Angriff am 7. Oktober ungefähr zu einem Drittel beschädigt. Das zeigt ein Satellitenbild vom 12. Oktober. In ihr soll das Unternehmen unter anderem seine KI-Modelle trainiert haben.
Der Aufnahme zufolge ist an einer Stelle das Dach eingestürzt, weite Teile des Daches sind zudem verkohlt. Vier von acht länglichen Aufbauten, die von Yandex nachträglich auf dem Gebäude installiert wurden, sind teils oder ganz zerstört. Dabei handelt es sich vermutlich um Kühltechnik für die Rechner im Gebäude. Inwieweit die darunterliegenden Server durch Feuer oder Löschwasser beschädigt oder zerstört wurden, lässt sich an dem Bild nicht ablesen. Deutsche Feuerwehrleute gehen nach Ansicht der Bilder aber davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit erheblich ist, dass Löschwasser die Technik darunter erreicht hat.
Zudem sind rund um das Gebäude jede Menge Lastwagen und Busse zu erkennen. Auch am Gebäude stehen Lkw. Offenbar wird bereits mit Hochdruck daran gearbeitet, die Anlage entweder so schnell wie möglich zu sichern und wieder online zu bringen, oder Arbeiter bauen die intakten Server aus, um sie andernorts wieder in Betrieb zu nehmen.
360 Kilometer westlich, in Kaluga, hat das Unternehmen unmittelbar neben einem ehemaligen Volkswagen-Werk seit 2022 ein aus vier Servergebäuden bestehendes Rechenzentrum hochgezogen. Die Anlage ist insbesondere für den Dienst Yandex Cloud von Bedeutung. Alle vier werden durch ein zentrales Versorgungsgebäude verbunden, in dem sich vermutlich unter anderem das Notstromsystem befindet. Die ganze Anlage entspricht einer Architektur, die Yandex inzwischen nicht nur an diesem Standort verwendet.
Das vierte Gebäude hier wurde erst vor wenigen Monaten äußerlich fertiggestellt. Eine niedrig aufgelöste Aufnahme vom 7. Oktober zeigt zwar ein außergewöhnlich dunkles Dach an einem der Gebäude. Vermutlich handelt es sich dabei aber um den Schattenwurf einer Wolke, nicht um abgelagerten Ruß. Dafür spricht auch, dass laut zahlreichen Medien der Angriff erst am 9. Oktober stattgefunden hat. Aktuell gibt es aufgrund des schlechten Wetters keine aktuellere Aufnahme.
Am stärksten gewachsen ist das Internetunternehmen in den vergangenen Jahren nahe der Stadt Wladimir. Erste Rechenzentren hatte es hier schon nach 2015 gebaut. Nach dem Jahr 2024 kam dann ein moderner Komplex, ähnlich dem in Kaluga, dazu.
Auch hier ist eine Schadensanalyse anhand von Satellitenaufnahmen bislang schwierig, da der Himmel in den vergangenen Tagen immer bewölkt war. Dieser Standort wurde zudem offenbar erst am Sonntag von ukrainischen Drohnen getroffen.
Die Folgen der ukrainischen Angriffe lassen sich nicht nur aus dem All sehen, sondern auch anhand des Datenverkehrs nachweisen. Datendienste wie Cloudflare messen die Zugriffe auf Daten der Provider und können so physische Schäden auch digital messen. Bei der Interpretation der Daten ist jedoch Vorsicht geboten.
Die gezeigten Einbrüche lassen sich nicht eindeutig einer entsprechenden Dienstleistung zuordnen. Die Zugriffe könnten von Web-Crawlern von Suchanbietern, Scrapern von Datensammlern, Überwachungstools, automatischen Skripten oder anderen digitalen Diensten stammen. Das Unternehmen selbst räumt Ausfälle seines Cloud-Angebots ein, entsprechend sind Kundensysteme aktuell wohl nicht nutzbar. Laut der eigenen Webseite hat Yandex Cloud 64.000 Kunden.
An sich sind die Standorte von Rechenzentren unabhängig vom Standort der bereitgestellten Dienstleistung. Ob eine Webseite, auf die jemand in Berlin zugreift, in Deutschland gehostet wird oder in den USA, ist bei einfachen Angeboten nicht wichtig. Geht es jedoch um spezielle Anwendungen wie etwa den Hochgeschwindigkeitshandel an digitalen Börsen, kann die Verzögerung durch lange Leitungen bereits ins Gewicht fallen. Dennoch: Obwohl die Standorte der betroffenen Anlagen sich um Moskau herum verteilen, dürfte die Hauptstadt nicht stärker betroffen sein, als andere Regionen.
In russischen und internationalen Medien werden insbesondere Störungen bei dem in Russland weit verbreiteten Taxi- und Essenslieferdienst Yandex Go berichtet. Hinzu kommen Cloud-Kunden wie der Einzelhändler Magnit, die Fast-Food-Kette Vkusno i Tochka und der Hausgeräte-Händler M.Video. Auch von Störungen bei internationalen Kunden in Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan wird berichtet.
Betroffen sind darüber hinaus die von Yandex selbst betriebenen drei Supercomputer an den Standorten Sassowo und Wladimir. Diese werden zum Trainieren neuronaler Netze und damit für KI‑Anwendungen eingesetzt – diese Entwicklung dürfte aktuell zum Stillstand gekommen sein. Wichtig wird nun die Frage, ob und in welchem Umfang die Ukraine ihre Luftschläge fortsetzt.
Tatsächlich hat Kiew die Offensive am Mittwoch ausgeweitet, und auch ein Rechenzentrum der Sberbank angegriffen. Der riesige Komplex, das größte Rechenzentrum des Landes, liegt in der Stadt Balakowo an der Wolga – etwa 800 km südöstlich von Moskau. In dem Gebäude ist Russlands größter Supercomputer untergebracht, der 2027 die Arbeit aufnehmen soll. Geplant war zudem, dass die Gesamtanlage bis 2030 das größte Rechenzentrum Europas wird.
Offenbar haben die Drohnen hier den ganz neuen, noch unfertigen Teil am westlichen Ende des fast 900 Meter langen Gebäudes getroffen. Das geht aus im Netz veröffentlichten Fotos hervor. Der Schaden hält sich damit wohl in Grenzen. „Wir bestätigen, dass das Rechenzentrum angegriffen wurde. Gleichzeitig laufen alle Systeme und Dienste der Sberbank normal und ohne Unterbrechungen“, erklärte Alexander Vedyakhin, erster stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sberbank, gegenüber Reportern.
Dieser Angriff dürfte nicht der letzte in der Angriffsserie sein, darauf deuten Aussagen des ukrainischen Ex-Generals Vladyslav Klochkov hin. „Das Rechenzentrum in Balakowo befand sich noch im Bau, doch ein Teil seiner Kapazität war bereits in Betrieb. Nun ist es ausgefallen. Und das ist erst der Anfang. Mehr wird folgen“, schrieb er in einem Post auf der Plattform LinkedIn.
Aus der Angriffswelle gegen russische Raffinerien oder die Wildberries-Logistikzentren ist bereits bekannt, welche Kapazitäten für ferne Luftschläge die Ukraine auffahren kann. Entsprechend gefährdet sind Rechenzentren in Westrussland. Der bislang weitreichendste bekannte Luftschlag traf die Raffinerie Omsk. Alle Rechenzentren bis in diese Tiefe stehen damit theoretisch auf der Abschussliste Kiews.
Wechselt die Ukraine auf Druck von Trump bei ihren Angriffen nun von Raffinerien zu Rechenzentren, dürfte das für Russland und seine Bevölkerung Konsequenzen haben. Das Land ist – besonders im europäischen Teil – genauso digitalisiert wie der Westen. Entsprechend sind digitale Zahlungssysteme, Onlinehandel, bis hin zur Verkehrssteuerung auf Rechenzentren angewiesen. Hinzu kommt: Anders als bei den Raffinerien lassen sich Rechenzentren weit schwerer reparieren. Das liegt nicht zwingend an der Technik, sondern an der Verfügbarkeit der nötigen Ersatzteile.
Aufgrund einerseits der westlichen Sanktionen und andererseits der KI-Welle sind die Preise und die Verfügbarkeit der nötigen Chips ein Problem. Die betroffenen Betreiber müssten viel Geld aufwenden und lange Wartezeiten in Kauf nehmen, um ihre Anlagen wieder zum Laufen zu bringen. In den Medien kursieren Einschätzungen, nach denen es bis 2028 dauern könnte, bis die Yandex-Rechenzentren wieder voll einsatzfähig sind.
Yandex wurde vom Milliardär Arkadi Wolosch gegründet. 2024 zog er sich nach seiner Verurteilung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine aus dem Russlandgeschäft zurück – im Rahmen einer vom Kreml kontrollierten Transaktion. Der Deal ermöglichte es der in den Niederlanden registrierten Muttergesellschaft, die inzwischen den Namen Nebius Group trägt, sich vollständig aus Russland zu verabschieden. Nebius übernahm auch ein Yandex-Rechenzentrum in Finnland, das einzige außerhalb von Russland.