DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,59 % 68.713,80 Pkt 08:45:03 Gold +1,69 % 4.437,30 USD 23:00:00 Silber +0,36 % 65,11 USD 22:59:58 Brent +1,67 % 88,52 USD 22:59:58 WTI +1,42 % 82,40 USD 22:59:59 Bitcoin -0,08 % 62.976,16 USD 04:05:30 EUR/USD +0,37 % 1,15730 USD 23:29:57 EUR/GBP +0,11 % 0,85480 GBP 00:09:58 EUR/CHF +0,34 % 0,94060 CHF 23:29:57 EUR/JPY +0,38 % 184,365 JPY 23:29:57

Neue Gentechnik: Lebensmittel ohne Kennzeichnung ab 2028

Technologie

Ende Juli ist die Verordnung zu neuen genomischen Techniken in der EU in Kraft getreten: Viele neue gentechnisch veränderte Pflanzen werden dadurch künftig den konventionell gezüchteten Sorten weitgehend gleichgestellt. Schnell wachsende Salate, nicht-bräunende Bananen und kernlose Brombeeren könnten die ersten Neulinge sein. Eine Analyse Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Susanne Donner (RiffReporter) sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Bisher konnte es einem allenfalls im Urlaub in Asien oder Amerika passieren, dass man gentechnisch veränderten Reis oder ähnliche gentechnisch veränderte Feldfrüchte direkt aß. In der EU waren vorrangig gentechnisch veränderte Futtermittel in Umlauf. Das wird sich künftig ändern: Im Juli ist eine Verordnung zur Neuregelung der sogenannten neuen genomischen Techniken in Kraft getreten. Damit sind Pflanzen gemeint, deren Erbgut maßgenau mit Genscheren zurechtgeschneidert wird. Sie sind gentechnisch verändert, artfremdes Erbmaterial enthalten sie in aller Regel jedoch nicht. Solche NGT-Pflanzen – NGT für "Neue Gentechnik" – gibt es in Australien, Japan, Kanada und den USA schon. Bei den meisten sind weniger als 20 Buchstaben des genetischen Codes umdesignt. Solche Pflanzen werden mit der neuen Verordnung konventionellen Sorten im Wesentlichen gleichgestellt: Sie dürfen künftig in der EU ohne Zulassung, ohne Risikobewertung und Kennzeichnung vermarktet werden. Was kommt künftig also bei uns auf den Tisch? Salat, der nicht scharf ist Eines der ersten NGT-Gemüse in den USA war ein genomeditierter Senfsalat, den das kalifornische Start-up Pairwise 2023 herausbrachte. Bunt und ein bisschen wie junger Spinat sehen diese Blätter aus. Was dem Unternehmen aber wichtig war: Sie schmecken nicht mehr so scharf, dass einem die Tränen in die Augen steigen wie das bei Senfsalat sonst der Fall ist: "Wir haben diesen strengen Wasabi-Geschmack aus den Blättern entfernt", berichtete der Technologie-Manager Ryan Bartlett. 17 Myrosinase-Gene wurden dafür gezielt mithilfe von Genscheren deaktiviert. Das Enzym Myrosinase sorgt nämlich dafür, dass die scharfen Senföle beim Kauen im Mund entstehen. Pairwise kooperiert mit dem Agrarchemieunternehmen Bayer. Man werde den neuen Salat in das Portfolio integrieren, heißt es dort. Bayers Schwerpunkt liegt aber darauf, den Massenkulturen Soja, Mais, Baumwolle, Weizen und Raps mithilfe neuer genomischer Techniken fehlende Wunschmerkmale zu verleihen. Kernlose Beeren und beruhigende Tomaten Pairwise geht unterdessen in Kalifornien mit neuen kernlosen Brombeeren auf die Felder. Sie sollen die in Supermärkten seltenen Beeren massenkompatibel machen. Denn die meisten Verbraucher stören lediglich die Kerne, die sich gern in den Zahnzwischenräumen festsetzen. Auch Kirschen möchte das Start-up von ihren Steinen befreien. Weiter ist der US-Konkurrent GreenVenus mit seinem schnell wachsenden NGT-Salat für die Indoor-Kultur, der seit 2024 auf dem Markt ist. Dieser bilde in derselben Zeit doppelt so viel Blattmasse wie herkömmliche Sorten, versprechen die Erfinder. In Japan sorgte eine NGT-Tomate für Gesprächsstoff, die einen erhöhten Gehalt an Gamma-Aminobuttersäure aufweist. Vier- bis fünfmal so viel soll sie enthalten wie konventionell gezüchtete Sorten. Wer einen Garten oder Balkon hat, kann sie sogar selbst anbauen. Die Aminobuttersäure soll einen beruhigenden Effekt auf die Nerven haben und den Blutdruck senken, wirbt der Erfinder Sanatech Seed. Ob der Verzehr der NGT-Tomaten oder daraus hergestellter Soße tatsächlich solche Wirkung im Menschen entfaltet, ist aber nicht untersucht. Seit 2024 wird die Tomate auch auf den Philippinen gepflanzt. Die Philippinen beheimaten noch eine weitere NGT-Staude: Eine Banane, die nicht braun wird, wenn sie gedrückt oder angeschnitten wird. Das britische Start-up Tropic Biosciences hat sie mittels Genschere erzeugt. Gentechnik für Nischengemüse Auffallend ist, dass nun vor allem solches Obst und Gemüse mit Genscheren angepasst wird, das es bisher noch nicht in gentechnisch veränderter Form gab. "Die Technik der Genomeditierung lässt sich viel einfacher und schneller anwenden als bisherige grüne Gentechnik", erklärt der Biochemiker Holger Puchta, Leiter des Joseph Gottlieb Kölreuter Instituts für Pflanzenwissenschaften in Karlsruhe. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang wohl viele stellen: Sind NGT-Pflanzen für Verbraucher gefährlich? Die Europäische Kommission befand: Nein – und begründete das damit, dass sich kleinere Veränderungen im Genom auch in der Natur täglich ereignen. Solange die Veränderung höchstens 20 Basenpaare, also Buchstaben des genetischen Codes, betrifft, sollen NGT-Pflanzen deshalb künftig wie konventionell gezüchtete Pflanzen behandelt werden. Keine Zulassung, keine Risikobewertung. Puchta gilt als Fürsprecher dieser Regelung: "In jeder Gerste unterscheiden sich zwei Körner schon an hundert Stellen im Genom. Und die Geschichte der Gentechnik lehrt uns doch bereits, dass es nicht so leicht ist, aus einer Pflanze ein Monster zu machen." Radioaktive Strahlung und mutationsauslösende Chemikalien Die konventionelle Zucht nutze im Übrigen seit Jahrzehnten auch radioaktive Strahlung oder mutagene Chemikalien, in der Regel Ethylmethansulfonat, um das Erbgut von Pflanzen möglichst mannigfaltig zu verändern. Unter den Mutanten werden dann Pflanzen mit interessanten Eigenschaften für den Anbau und die Vermarktung gesucht: Mit radioaktiver Strahlung sei auch der Kurzhalmweizen entstanden, der häufig in Pasta steckt, meint Puchta, genauso Kurzhalmgerste, eine Grundzutat für Bier. Die kernlose Grapefruit Ruby Red wurde ebenfalls mithilfe künstlicher Mutationen in älteren Sorten geschaffen. Unglücklich mit den Lockerungen für NGT-Pflanzen sind dagegen Natur- und Verbraucherschützer. Denn gekennzeichnet werden müssen die neuen Lebensmittel nicht. "Gentechnikfrei" ist aus ihrer Sicht damit vorbei. Im Gespräch ist nurmehr ein Saaten-Register, das einzig Landwirten die Möglichkeit gibt, nachzusehen, wie dieses oder jenes Saatgut erzeugt wurde. Sie können sich damit beim Anbau bewusst für oder gegen NGT entscheiden. Keine Monsterpflanzen, aber immer ohne Risiko? 94 Prozent der von Unternehmen angekündigten NGT-Pflanzen würden entsprechend der geplanten Verordnung ohne Zulassung und Risikobewertung auf den Acker und den Teller kommen, hat das Bundesamt für Naturschutz (BfN) analysiert. Margret Engelhard, Leiterin des BfN-Fachgebietes zur Bewertung gentechnisch veränderter Organismen, findet das zu lax. Sie moniert, NGT-Pflanzen könnten sehr wohl auch Insektengifte produzieren oder Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel ausbilden – Eigenschaften, die dann einer fallspezifischen Risikobewertung unterzogen werden sollten. Eine Idee, die sich im Übrigen in den USA schon durchgesetzt hat: Dort wird erst in einem vorgeschalteten Konsultationsverfahren entschieden, ob eine NGT-Pflanze von der Zulassung ausgenommen ist oder nicht. In der Regel ist das der Fall. Doch gerade, wenn eine Pflanze mehr als üblich eines insektentötenden Gifts produziert, wollen die US-Behörden zusätzliche Informationen, um sicherzugehen, dass dieses weder der Umwelt noch der Gesundheit des Menschen schadet. Empfehlungen der Redaktion An einer bestimmten Stelle lässt sich erkennen, ob die Avocado schon reif ist Gleich drei neue Sorten von After Eight – zum ersten Mal ohne Minze Wie man Wassermelone ohne Sauerei schneiden kann Denn: Aus einer Pflanze ein Monster zu machen, mag schwer sein. Aber sie unverträglicher als bisher zu machen, passiert leicht und unversehens – sogar in der konventionellen Zucht. Deshalb sind etwa viele moderne Apfelsorten für Allergiker schlechter geeignet als ältere Sorten. Über RiffReporter Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Verwendete Quellen Europäische Union: VERORDNUNG (EU) 2026/1388 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 17. Juni 2026 über mit bestimmten neuen genomischen Techniken gewonnene Pflanzen und die aus ihnen gewonnenen Erzeugnisse sowie zur Änderung der Verordnung (EU) 2017/625 Bundesamt für Umwelt BAFU: Studien Biotechnologie PubMed Central: The Potential of NGTs to Overcome Constraints in Plant Breeding and Their Regulatory Implications frontiersin.org: Where does the EU-path on new genomic techniques lead us? oekotest.de: Apfel-Allergiker aufgepasst: Diese Apfelsorten sind besser verträglich © RiffReporter

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