Neue "Springerstiefel"-Staffel: Über Männlichkeit und rechte Influencer
rbb: In dem Podcast "Springerstiefel" haben Sie in den ersten beiden Staffeln über Ihr Aufwachsen im Osten, Ihre Erfahrungen mit rechter Gewalt und das Wiedererstarken rechter Gesinnung gesprochen. Worum geht es in der dritten Staffel? Hendrik Bolz: Das große Thema der neuen Staffel ist Männlichkeit. In den letzten Monaten wurde wieder viel über die zunehmende Gewalt gegen Frauen und queere Menschen berichtet und darüber, dass junge Männer immer rechter wählen. Und dann gibt es diese Internetbubble von Männlichkeits-Influencern, die super erfolgreich sind und erzählen: Als Mann musst du dominant und stark sein, dann wirst du es im Leben leicht haben und das löst alle deine Probleme. Deshalb haben wir uns das genauer angeschaut und mit verschiedenen jungen Männern gesprochen, erst im Osten, aber auch relativ schnell gemerkt: Ja, das strahlt natürlich auch weit über Ostdeutschland hinaus. Deshalb haben wir auch in Westdeutschland mit Leuten gesprochen. rbb: Haben Sie auch direkt mit jungen Männern gesprochen? Don Pablo Mulemba: Wir haben mit jungen Männern gesprochen und die wollten auch mit uns sprechen. Da ist zum Beispiel Clemens – ein queerer Jugendlicher aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt, der uns von seinen Erfahrungen über sein Aufwachsen erzählt und auch seinem Umgang mit Anfeindungen. Ich habe auch mit Rocco, meinem ehemaligen Klassenkameraden vom Sportinternat in Cottbus, gesprochen, mit welchen Erwartungen an Männlichkeit wir beide aufgewachsen sind, was es mit uns gemacht hat und wie uns das bis heute prägt. Hendrik Bolz: Ich habe mit Konstantin und Leo gesprochen, die gerade erst aus der Schule raus sind. Sie erzählen über die Corona-Zeiten, wo sie viel am Bildschirm hingen. Eigentlich haben sie mit Fitness-Content angefangen und durch die Mechanismen von Social Media wurde es Schritt für Schritt immer obskurer. rbb: In den ersten beiden Staffeln haben Sie uns mit vielen persönlichen Geschichten auf die Reise mitgenommen. Enthält die neue Staffel auch diese persönlichen Elemente? Don Pablo Mulemba: Das Gespräch mit Rocco ist sehr persönlich und sehr ehrlich, wie wir zum Beispiel früher über Frauen und queere Menschen gesprochen haben. Ich glaube, diese Persönlichkeit bringt auch eine gewisse Ehrlichkeit mit. So wie ich meinen Gesprächspartner wahrgenommen habe und das kann ich auch nur aus meiner eigenen Perspektive sagen, ist da auch eine gewisse Reue, wie man früher so drauf war. rbb: Hat der Podcast Ihnen die Augen geöffnet für die eine oder andere Begebenheit, etwas, das Ihnen neu war? Hendrik Bolz: Was mir die beiden 19-Jährigen berichtet haben, kenne ich auch aus der eigenen Erfahrung. Viele junge Männer machen Demütigungs- und Gewalterfahrungen. Sie werden abgewertet, wenn sie sich vermeintlich unmännlich verhalten: Du sollst als Junge nicht rumheulen, keinen Schiss haben und dich irgendwie wehren können. Und das habe ich auch so erfahren. Ich hatte in der Nachwendezeit im Plattenbauviertel als kleines Kind schnell gelernt: Ah, okay, es gibt ein Thema, das nennt sich Gewalt, mit dem muss ich einen Umgang finden. Das sorgt dafür, dass ich ähnlich wie die jungen Männer heute, unsicher war. Ich habe mir Vorbilder gesucht, wie Gangsterrapper, Actionhelden aus dem Fernsehen oder Figuren aus Fantasyspielen. Aber auch in meinem Umfeld gab es die jungen Neonazis, also so ein Männerbild, das die vorgelebt haben. Und das ist recht ähnlich zu dem, wie es heute funktioniert. Wenn aus irgendeinem Grund eine Unsicherheit entsteht – einer kommt mit seinem Banknachbarn in der Schule nicht zurecht, ein anderer wird im Park angegriffen –, sind das Momente, in denen dieser Prozess an Fahrt aufnimmt: Wie kann ich mich in Zukunft vor solchen Situationen bewahren? Und dann kommen vermeintliche Vorbilder heutzutage aus dem Internet, die einem sagen: Pass mal auf, alles, was du da erlebst, ist das Problem. Heutzutage sind Männer zu weich, das vergessen wir jetzt mal. Und jetzt halte dich an mich und ich zeig dir, wie du stark und erfolgreich bist. Und dann läuft wieder alles bei dir im Leben. rbb: Sie setzen das Thema junge Männer im Osten und rechte Gesinnung pünktlich vor wichtigen Landtagswahlen, die der AfD sogar erstmals eine Landesregierung sichern könnten. Warum ist es heute viel normaler, rechts zu wählen? Hendrik Bolz: Rechte Akteure genauso wie Männlichkeits-Influencer beackern das gleiche Feld. Sie geben verunsicherten jungen Männern das Gefühl, mit ihren Problemen gesehen zu werden, und versprechen einfache Lösungen. Und das ist ja etwas, das auch in unseren Arbeiten der letzten Jahre immer wieder klar wurde. Immer dort, wo sich progressive oder demokratische Akteure zurückziehen, wo Menschen das Gefühl haben, die haben meine Probleme nicht auf dem Schirm, wird ein Raum für Akteure aufgemacht, die man da vielleicht nicht haben will. Wenn man sich die Politik über die letzten Jahre anschaut, dann ist es ja auch nicht ganz falsch, dass Probleme nicht richtig gelöst werden, wenn man sich beispielsweise den Wohnungsmarkt anguckt und das alles immer teurer wird. Das sind Probleme, die gelöst werden sollten.