Neue Studie zu Cholesterinsenkern ab 75 Jahren
Es ist eines der meistverordneten Medikamente in Deutschland: Statine senken das LDL-Cholesterin, sie gelten als Standardtherapie gegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Viele Patienten von ihnen nehmen das Medikament seit Jahrzehnten. Aber ist das wirklich medizinisch sinnvoll?
Auf diese Frage gibt es nun erstmals eine Antwort: Ein französisches Forscherteam um Fabrice Bonnet vom Universitätsklinikum Bordeaux hat in einer randomisierten Studie 1160 Menschen ab 75 Jahren untersucht. Sie nahmen Statine rein vorbeugend ein, ohne einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten zu haben. Das Ergebnis: Wer das Medikament absetzte, starb innerhalb von drei Jahren nicht häufiger als wer es weiter einnahm. Nachzulesen ist das im Fachjournal „The Lancet Healthy Longevity“.
In die Studie eingebunden waren 297 französische Hausarztpraxen. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 80 Jahren, zwei Drittel der Teilnehmer waren Frauen. 77 Prozent litten an Bluthochdruck, 30 Prozent an Diabetes, und rund zwei Drittel galten als Hochrisikopatienten. Alle hatten ihr Statin mindestens ein Jahr lang eingenommen, die meisten sogar länger als fünf Jahre. Ausgeschlossen wurden laut Studienprotokoll Menschen mit Demenz, mit erblich bedingten schweren Fettstoffwechselstörungen sowie Schwerkranke mit einer Lebenserwartung von unter drei Monaten.
Das Cholesterin steigt, die Sterblichkeit nicht
Die Studie sollte nicht zeigen, dass Absetzen besser, sondern nicht nennenswert schlechter ist. Als Grenze legten die Forschenden fest, dass die Sterblichkeit in der Absetz-Gruppe um höchstens fünf Prozentpunkte höher liegen dürfte.
Wurde das Medikament abgesetzt, zeigte sich dies sofort im Blut. Wie das US-Gesundheitsportal „Stat News“ unter Berufung auf die Studiendaten berichtet, kletterte das LDL-Cholesterin in der Absetz-Gruppe binnen drei Monaten von im Schnitt 115 auf 171 Milligramm pro Deziliter, umgerechnet von rund 3,0 auf 4,4 Millimol pro Liter. Das ist ein Anstieg um etwa 50 Prozent. In der Vergleichsgruppe blieben die Werte unverändert.
Nach drei Jahren waren in der Absetz-Gruppe 35 von 484 Menschen gestorben, das sind 7,2 Prozent. In der Gruppe, die ihr Statin weiternahm, waren es 48 von 604 oder 7,9 Prozent. Auch bei schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen wie Infarkten und Schlaganfällen fand das Team um Bonnet keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen.
Bemerkenswert ist ein Detail: Die Lebensqualität, gemessen mit einem standardisierten Fragebogen, blieb in beiden Gruppen über drei Jahre hinweg praktisch gleich – körperlich wie psychisch.
Warum das Ergebnis mit Vorsicht zu genießen ist
Die Studie hat allerdings eine erhebliche Schwachstelle, und die Autoren benennen sie selbst. Im ursprünglichen Studienprotokoll, das 2020 im Fachjournal „Trials“ veröffentlicht wurde, war die Rekrutierung von 2430 Personen vorgesehen. Erreicht wurde nicht einmal die Hälfte. Weniger Teilnehmer und weniger Todesfälle als erwartet bedeuten eine große statistische Unschärfe.
Hinzu kommt der Zeitfaktor. Drei Jahre sind für eine Gefäßerkrankung, die sich über Jahrzehnte aufbaut, ein kurzer Zeitraum. Ob sich der um die Hälfte erhöhte LDL-Wert erst nach fünf oder zehn Jahren rächt, kann die Untersuchung nicht beantworten.
Die offenen Fragen könnten bald beantwortet werden. Derzeit läuft eine größer angelegte Untersuchung, deren Studienprotokoll im Mai 2025 im Fachjournal „BMJ Open“ veröffentlicht wurde. Beteiligt sind Zentren in der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden. Unter den Autoren findet sich auch Fabrice Bonnet, der Erstautor der nun publizierten französischen Studie.
Was bedeutet die Studie für Deutschland?
Nach Angaben des Berner Teams handelt es sich um die bislang größte laufende Untersuchung zur Frage, ob ältere Menschen Statine gefahrlos absetzen können. 1800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ab 70 Jahren werden per Zufallsprinzip zum Absetzen oder Weiternehmen zugeteilt, rekrutiert wird sowohl in Kliniken als auch in Arztpraxen.
Die französische Studie ist nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar. Sie wurde vollständig in Frankreich durchgeführt. Laut „Stat News“ zählt das Land zu den wohlhabenden Staaten mit der niedrigsten Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung.
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