Neuer Forscher-Streit droht Weltklimarat zu entzweien
Eigentlich sollte es eine Sache von Minuten sein. Doch seit fast drei Jahren wird verhandelt, gestritten, gerungen. Im Weltklimarat geht es um eine scheinbar simple Frage: Wann soll die Welt erfahren, was die neueste Klimaforschung über den Zustand unseres Planeten verrät? Eine Entscheidung über einen Termin. Mit Folgen weit über den Kalender hinaus.
Diese Woche beraten Vertreter der 195 Mitgliedstaaten des Weltklimarats IPCC in Addis Abeba, Äthiopien, über den Zeitplan für den nächsten großen Klimabericht. Die drei Teilberichte sollen nach dem Vorschlag der wissenschaftlichen Arbeitsgruppen bis September 2028 vorliegen – rechtzeitig zum UN-Klimagipfel COP33 im November. Dort sollen die Staaten überprüfen, wie weit sie bei der Umsetzung des Pariser Klimaabkommens gekommen sind.
Doch darüber herrscht Streit: Saudi-Arabien und Russland, unterstützt unter anderem von China und Indien, wollen Teile des Berichts auf 2029 verschieben. Andere Staaten pochen auf den bisherigen Zeitplan. Hinter der Terminfrage steckt ein grundsätzlicher Konflikt: Wer bestimmt, welche Klimaforschung Gehör findet – und wann sie politische Konsequenzen haben soll?
Mehr Zeit für wen – und wofür?
Team Verschiebung verweist auf ein strukturelles Problem: Die globale Klimaforschung sei ungleich verteilt.
Wohlhabende Industriestaaten verfügen über größere Forschungsbudgets und mehr Personal.
Forschende aus ärmeren Ländern haben es schwerer, eigene Studien rechtzeitig einzubringen.
Weil sie weniger Geld verdienen als ihre westlichen Kollegen, ist es für sie komplizierter, neben ihrer regulären Arbeit an den umfangreichen IPCC-Berichten mitzuwirken.
„Wenn ein Prozess sehr schnell abläuft, wäre er nicht inklusiv“, sagt die kenianische Klimawissenschaftlerin Joyce Kimutai der Nachrichtenagentur Reuters. Auch Indien kritisiert, dass Gerechtigkeit und Teilhabe bislang zu kurz kämen.
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Dahinter steht die Grundsatzfrage, wer für die Erderwärmung verantwortlich ist und wer die Kosten des Klimaschutzes tragen soll: Industriestaaten haben über Jahrzehnte von fossilen Energien profitiert. Entwicklungsländer pochen deshalb auf ihre Verantwortung für die eigene wirtschaftliche Entwicklung.
Der Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn Forschung aus ärmeren Ländern unterrepräsentiert bleibt, fehlen wichtige Perspektiven. Der IPCC versucht gegenzusteuern: Gut die Hälfte der ausgewählten Leitautoren und Herausgeber für den neuen Bericht stammt aus Entwicklungs- oder Transformationsökonomien. Erstmals sind zudem eigene Kapitel zu Klimafinanzierung und zum Umgang mit irreversiblen Klimaschäden vorgesehen.
Wenn die Wissenschaft zu spät kommt
Doch mehr Beteiligung braucht nicht zwangsläufig mehr Zeit. Kritiker der Verschiebung warnen, dass Teile des Berichts bei den entscheidenden Klimaverhandlungen Ende 2028 fehlen könnten. Die Regierungen müssten sich dann auf die letzten umfassenden IPCC-Berichte von 2021 und 2022 stützen.
Seither hat sich die Lage verschärft:
2024 lag die globale Jahresmitteltemperatur erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass die langfristige Temperaturschwelle des Pariser Abkommens dauerhaft überschritten ist.
Zugleich reichen die bisherigen Klimaschutzpläne nach Einschätzung internationaler Fachleute nicht aus, um die Erwärmung wirksam zu begrenzen.
Besonders alarmiert sind gefährdete Staaten, darunter kleine Inselstaaten und arme Länder, die stark unter Dürren, Überschwemmungen und dem steigenden Meeresspiegel leiden.
Die High Ambition Coalition, ein Bündnis von mehr als 30 Staaten, fordert deshalb einen schnelleren Zeitplan. Ihr Argument: Ohne aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse drohen die Verhandlungen über Emissionsziele und Klimafinanzierung an Substanz zu verlieren.
Wissenschaft oder Machtpolitik?
Der Verdacht liegt nahe, dass hinter dem Ruf nach mehr Zeit auch politische Interessen stehen. Unter den Befürwortern einer Verschiebung sind große Ölproduzenten. Kritiker befürchten, dass ein späterer Bericht den Druck mindern könnte, strengere Emissionsziele zu vereinbaren. Eine schwedische Klimaforscherin warnte gegenüber Reuters, einige Staaten könnten die Debatte als Verzögerungstaktik nutzen.
Belegt ist dies natürlich nicht. Russland weist den Vorwurf zurück und warnt seinerseits davor, die wissenschaftliche Bewertung zu eng an politische Gipfel zu koppeln. Das könne den Eindruck erwecken, die Wissenschaft solle eine bereits feststehende klimapolitische Agenda stützen. Auch Indien hält es für falsch, den Wert der IPCC-Arbeit allein daran zu messen, ob ihre Ergebnisse rechtzeitig für einen bestimmten Gipfel vorliegen.
Tatsächlich steckt der Weltklimarat in einem Dilemma: Seine Berichte sollen wissenschaftlich unabhängig sein und zugleich politische Entscheidungen ermöglichen. Die Zusammenfassungen für politische Entscheidungsträger werden von den beteiligten Regierungen gemeinsam verabschiedet. Das sichert breite Legitimität, eröffnet Staaten aber auch Einflussmöglichkeiten auf Formulierungen.
Der Konflikt fällt zudem in eine Phase wachsender geopolitischer Spannungen. Die USA, lange ein wichtiger Geldgeber des IPCC, sind im Januar 2026 aus dem Gremium ausgestiegen. Gleichzeitig gerät die internationale Klimapolitik zunehmend unter Druck.
Ein Wettlauf gegen die Zeit
Der IPCC betreibt keine eigene Klimaforschung. Seine Aufgabe ist es, den weltweiten Forschungsstand zusammenzuführen und damit eine gemeinsame Grundlage für politische Entscheidungen zu schaffen.
Ein zu knapp bemessener Zeitplan könnte die Beteiligung von Forschenden aus ärmeren Ländern erschweren. Eine Verschiebung wiederum könnte dazu führen, dass Regierungen bei wichtigen Verhandlungen ohne aktuelle wissenschaftliche Gesamtbewertung entscheiden.
Die entscheidende Frage ist deshalb, ob sich mehr wissenschaftliche Teilhabe ermöglichen lässt, ohne die politische Relevanz der Ergebnisse zu verlieren. Denn wenn sich die Mitgliedstaaten nicht einmal auf den Zeitplan einigen können, steht mehr auf dem Spiel als ein Veröffentlichungstermin: das Vertrauen in eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage für den globalen Klimaschutz.