Neuer Roman "Anton und Alma" von Dana Vowinckel über Jüdisches Leben
"Für immer meine Alma"
Darf sie jüdisch werden?
Von Julia Reinl
Aktualisiert am 29.08.2026 - 09:23 UhrLesedauer: 2 Min.
Es ist nicht bloß ein weiterer Berlin-Roman über die Suche nach Liebe – die Autorin Dana Vowinckel zeigt, dass jede Suche mit mehr als nur einer Geschichte verbunden ist.
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In "Anton und Alma" lernen sich die beiden Protagonisten bei einem Schüleraustausch in der Bretagne kennen, verlieren sich dort und finden einander in Berlin wieder. Anton und Alma werden ein Paar und müssen lernen, damit umzugehen, dass sie aus sehr verschiedenen Familien und sozialen Schichten kommen.
Anton stammt aus einer jüdischen Familie, die in Berlin, den USA und Tel Aviv lebt. Die Familie wirkt bürgerlich und gebildet, kämpft für jüdische Identitäten und mit mentalen Krankheiten.
Alma wuchs in einem Randbezirk im Berliner Osten auf, ihr Vater ist tot und sie trauert noch immer. Mit ihrem Stiefvater kann sie wenig anfangen und über ihre Verwandtschaft zum bekannten Nationalsozialisten wird in der Familie Bormann geschwiegen.
Zur Person
Dana Vowinckel, geboren 1996 in Berlin, ist eine jüdische Autorin. Sie studierte Linguistik und Literaturwissenschaft in Berlin, Toulouse und Cambridge. Ihr Debütroman "Gewässer im Ziplock" wurde mehrfach ausgezeichnet, übersetzt und für die Bühne adaptiert. Für "Anton und Alma" erhielt sie das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds. Die Autorin lebt in Berlin.
Bloß ein weiterer Berlin-Roman?
Auf den ersten Blick ist Dana Vowinckels Roman eine weitere junge Liebesgeschichte, die – neben einigen Szenen in den USA und in Israel – in Berlin spielt. Leser, die schon einmal in Berlin waren oder dort leben, erkennen viele der Orte wieder, an denen Alma etwa auf schlechte Dates geht. Auch die U-Bahn-Fahrt, die Anton von der gemeinsamen Wohnung des Paares in Kreuzberg zu der seiner Familie in Charlottenburg durchlebt, kommt jenen Lesern wahrscheinlich sofort bekannt vor.
Doch Vowinckel verarbeitet in ihrem Roman darüber hinaus einige der Ereignisse der letzten Jahre, die die Gegenwart prägen: die Corona-Pandemie, den Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober, den rechtsextremistischen und antisemitischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle.
Durch ihre Figuren verdichtet die Autorin schier unbegreifliche Ambivalenzen zeitgenössischer Debatten: Da gibt es eine Schwurblerin, die einst den Holocaust überlebte. Es gibt den jüdischen Studenten Anton, der seine Masterarbeit über ein ganzes Volk schreibt, das zum Judentum konvertiert sein soll und sich gleichzeitig in eine Frau verknallt, die Pro-Palästina-Posts in den sozialen Medien teilt. Und es gibt Alma, die deutsche Nazi-Nachfahrin, die ausgerechnet im Judentum Halt findet.
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Dana Vowinckel: "Anton und Alma"
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Über jüdisches Leben und allgemeine Ängste
Mit Almas Wunsch, Jüdin zu werden, und Antons Masterarbeit fragt Vowinckel, wann und warum Menschen zum Judentum konvertieren – und ob Alma Bormann das als Nachfahrin des hohen NSDAP-Funktionärs Martin Bormann überhaupt darf. Auf über 500 Seiten beschreibt die Autorin detailliert, wie und wo jüdisches Leben stattfindet, und sie zeigt, wie bedroht dieses noch immer ist.
Vowinckel greift auf fiktive Weise Ängste auf, die wohl viele Menschen beschäftigen. Doch statt den Lesern diese Ängste zu nehmen, eskaliert die Geschichte am Ende erwartbar – und doch unerwartet. Wenn Anton sagt: "für immer meine Alma", dann ist das ein Satz, der nach dem Lesen der letzten Seite noch eine Weile nachhallt.