Neues Forschungszentrum in Jena: Wie Mikroben unsere Welt zusammenhalten
Wissenschaft und Forschung
Microverse Center Jena eröffnet: 55,6 Millionen Euro für neue Mikrobiomforschung
Stand: 05.10.2026 19:59 Uhr
Sie leben im Wasser, im Boden und in unserem Körper: Mikroorganismen beeinflussen unsere Gesundheit und unsere Umwelt. Im neuen Microverse Center in Jena wollen Forscher ihr Zusammenspiel entschlüsseln und lernen, wie sich gestörte Gemeinschaften wieder ins Gleichgewicht bringen lassen.
von Olaf Nenninger, MDR THÜRINGEN
Warum Mikroben für die Forschung so spannend sind
Wie die Forschenden hier zusammenarbeiten wollen
Was die Forschung im Microverse Center bringen soll
Oben öffnet sich der Blick auf die Berge rund um Jena. Unten geht es um eine Welt, die mit bloßem Auge unsichtbar bleibt. Das neue Microverse Center auf dem Beutenberg bietet großzügige Labore, Platz für Begegnungen und eine große Dachterrasse. Am Montag wurde das Forschungszentrum der Universität Jena offiziell eröffnet. Es bringt die Mitarbeiter des Exzellenz-Clusters "Balance of the Microverse" zusammen.
Nach Angaben der Universität wurden 55,6 Millionen Euro in den Neubau investiert. Rund 5.000 Quadratmeter bieten Platz für etwa 200 Mitarbeiter sowie zusätzliche Arbeitsplätze für Doktoranden und internationale Gäste. Zehn Forschungsgruppen seien bereits seit Sommer eingezogen, berichtet Clustersprecherin Kirsten Küsel im Interview.
Die chemische Sprache der Mikroben
Mikroorganismen leben selten allein. Im Boden, in Gewässern oder im menschlichen Körper bilden sie Gemeinschaften aus vielen verschiedenen Arten. Wie finden sie zusammen? Wie halten sie sich gegenseitig in Schach? Und warum können sich Krankheitserreger plötzlich stark vermehren?
"Die haben natürlich keinen Mund, die können nicht sprechen", sagt Küsel. Stattdessen verständigten sich Mikroorganismen beispielsweise über chemische Signalstoffe. Um diese Sprache zu entschlüsseln, brauche es auch Chemiker. Physiker helfen, Vorgänge sichtbar zu machen, Informatiker verarbeiten die Daten.
Im neuen Zentrum arbeiten diese Fachrichtungen unter einem Dach. Der Austausch soll auch abseits der Labore stattfinden. Wenn Kollegen unterschiedlicher Disziplinen sich beim Kaffee begegneten, könne "ganz, ganz viel Neues entstehen", sagt Küsel.
Überlebenskünstler im Grundwasser
Wie unterschiedlich mikrobielle Lebensgemeinschaften funktionieren, untersucht Küsel am Beispiel des Grundwassers. Dort müssen die Organismen mit sehr wenigen Nährstoffen auskommen. Im menschlichen Darm herrscht dagegen ein vergleichsweise reichliches Nahrungsangebot.
Die Mikroorganismen im Grundwasser nutzen deshalb selbst das, was andere ausscheiden. "Das sind die totalen Recycling-Künstler", sagt Küsel. Manche reduzierten sogar ihr Erbgut und überließen bestimmte Aufgaben ihren Partnern. Das spare Energie.
Durch den Vergleich solcher Extreme wollen die Forscher gemeinsame Regeln erkennen: Was macht eine Gemeinschaft stabil, und wie reagiert sie auf Störungen?
Was bringt das außerhalb des Labors?
Langfristig sollen die Erkenntnisse helfen, mikrobielle Gemeinschaften gezielt zu beeinflussen zugunsten von Gesundheit und Umwelt. Konkrete Anwendungen sind damit noch nicht versprochen. Zunächst geht es darum, das komplexe Zusammenspiel zu verstehen.
Für Küsel gehört dazu auch ein anderer Blick auf Mikroorganismen. Lange seien sie vor allem als Krankheitserreger betrachtet worden. Dabei seien sie untrennbar mit uns verbunden: "Wir sind einfach nur ein Teil." Das neue Zentrum soll helfen, unseren Platz in dieser unsichtbaren Lebenswelt besser zu verstehen.
MDR (gh)