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Neuss: Apotheker warnen vor Vitamin D und Abnehmspritzen aus dem Internet

Gesundheit

Ein sechs Monate alter Säugling ist wegen einer schweren Vitamin-D-Vergiftung stationär behandelt worden. Statt eines für Säuglinge geeigneten Präparats war ihm ein hoch dosiertes Vitamin-D-Produkt für Erwachsene verabreicht worden. Die Apotheken im Rhein-Kreis Neuss warnen deshalb vor unkontrolliert bezogenen Arzneimitteln und hoch dosierten Nahrungsergänzungsmitteln.

„Vitamin D ist in der Beratung immer wieder ein Thema“, sagt Achim Braukmann, Inhaber der Glocken-Apotheke in Neuss. Das gelte besonders bei Präparaten aus dem Internet oder dem Ausland. Online werde häufig der gesundheitliche Nutzen betont, während die Gefahr einer Überdosierung in den Hintergrund trete. Problematisch sei vor allem die Verwechslung von Erwachsenen- und Kinderpräparaten. „Ähnlich aussehende Produkte können völlig unterschiedliche Wirkstoffmengen enthalten“, sagt Braukmann. „In dem einen Präparat sind beispielsweise nur 500 Einheiten enthalten – eine normale Tagesdosis für Kinder – oder 1000 Einheiten, was einer normalen Erwachsenendosis entspricht, bei Kindern aber zur Überdosierung führt.“ Internationale Einheiten, abgekürzt I.E., geben die biologische Wirksamkeit eines Stoffes an. Vitamin D kann bei übermäßiger Einnahme nicht einfach ausgeschieden werden.

Braukmanns Bedenken beziehen sich jedoch nicht nur auf eine falsche Dosierung. Bei dubiosen Online-Angeboten seien Herkunft und Verantwortliche für Kunden häufig nicht nachvollziehbar. Präparate würden teils ohne pharmazeutische Beratung vertrieben. Zudem lasse sich nur schwer prüfen, ob beim Transport und bei der Lagerung die erforderlichen Bedingungen eingehalten worden seien. Das könne die Qualität beeinträchtigen. Von solchen Anbietern seien zugelassene Versandapotheken zu unterscheiden: Für sie gelten dieselben rechtlichen Anforderungen wie für Apotheken vor Ort.

Die Warnung vor unklaren Quellen betrifft nach Einschätzung der Apotheker aber nicht nur Vitamin D. Neue Risiken sehen sie auch bei einer verschreibungspflichtigen Semaglutid-Tablette zur Gewichtsreduktion, deren Marktstart laut im September erwartet wird. Schon im Vorfeld werben demnach Portale mit Verordnungen und Vorbestellungen.

Der Neusser Apotheker Klaus Herrmann warnt davor, die verschiedenen Angebote und Anwendungsformen gleichzusetzen. Eine Semaglutid-Spritze werde in der Regel einmal wöchentlich angewendet, die angekündigte Tablette müsse dagegen täglich und nüchtern eingenommen werden. „Diese ganzen Details bekommt man online meist eben nicht“, sagt er. Bei falscher Einnahme könne die Wirkung ausbleiben. Außerdem sei das Medikament strikt rezeptpflichtig. „Wenn der Online-Anbieter schon nicht nach dem Rezept fragt, ist dem nicht zu trauen“, betont Herrmann.

Herrmann beobachtet die Online-Vermarktung insgesamt mit Sorge. Bei unbekannten Quellen gebe es keine Sicherheit darüber, was tatsächlich geliefert werde. Auch bei empfindlichen Präparaten könne unklar bleiben, ob die vorgeschriebene Temperatur während des Transports eingehalten wurde.

Die Medikamente selbst bewertet Herrmann differenziert. „Ich sehe immer wieder Erfolge mit solchen Mitteln und bei diesem Mittel speziell gibt es wenig Nebenwirkungen, da es sehr gut verträglich ist“, sagt er. Auftretende Beschwerden müssten dennoch früh erkannt und ärztlich abgeklärt werden. Von einer Anwendung allein für die „Bikini-Figur“ rät er aber ab. „Semaglutid wirkt systemisch und ist kein harmloses Konsumprodukt – es birgt auch Risiken, wie jedes Arzneimittel.“

Außerdem warnt Herrmann vor Tipps in sozialen Medien, mit höher dosierten Präparaten und dem Aufteilen einzelner Portionen Geld zu sparen. „Das ist sehr gefährlich, da zum Beispiel Spritzen dafür nicht geeignet sind. Nach der ersten Anwendung kann das Medikament nicht weiterhin gelagert werden, sonst geht es kaputt – von Hygiene mal ganz abgesehen.“

Die Apotheker raten deshalb, verschreibungspflichtige Mittel nur nach ärztlicher Verordnung und mit pharmazeutischer Beratung anzuwenden. Bei Präparaten für Kinder sollten Eltern weder Präparate austauschen noch Dosierungen eigenständig übertragen. Wer Zweifel an Herkunft, Lagerung oder Dosierung hat, sollte das Mittel zunächst nicht anwenden, sondern eine Apotheke oder Arztpraxis kontaktieren.

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