DAX +0,66 % 25.629,24 Pkt 18:00:00 MDAX -0,82 % 31.980,52 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,21 % 6.358,01 Pkt 18:00:00 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +0,17 % 4.107,00 USD 22:59:54 Silber -1,75 % 57,79 USD 22:59:48 Brent +1,22 % 90,12 USD 20:28:19 WTI +1,29 % 84,67 USD 22:59:59 Bitcoin +0,33 % 63.020,90 USD 13:22:17 EUR/USD +0,52 % 1,15270 USD 23:29:22 EUR/GBP -0,31 % 0,85510 GBP 23:29:22 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 23:29:22 EUR/JPY -3,08 % 181,491 JPY 23:29:22

„Nicht in meinem Keller“: Warum Deutschland bei Smart Metern trödelt und was das kostet

Technologie

Deutschland gehört beim Rollout intelligenter Stromzähler in Europa zu den Schlusslichtern. Bis Dezember 2025 verfügten erst fünf Komma fünf Prozent der Haushalte über ein solches Gerät. In Frankreich, Italien, den Niederlanden und Spanien liegt der Anteil bei mehr als 90 Prozent, im EU‑Durchschnitt bei 63 Prozent. Dadurch fällt es Deutschland schwer, den Stromverbrauch auf Zeiten mit viel Ökostrom zu verlagern. Das trägt zu Deutschlands verschwendetem Wind- und Solarstrom bei – und dazu, dass deutsche Haushalte mit einigen der höchsten Energierechnungen in Europa konfrontiert sind. Aktuelle Daten des Energy Institute zeigen, dass Deutschland im vergangenen Jahr erstmals mehr Strom aus Wind- und Solaranlagen als aus fossilen Energieträgern erzeugt hat. Lösungen für ein flexibles Stromnetz wie Smart Meter gewinnen damit weiter an Bedeutung. Was bremst den Smart‑Meter‑Rollout in Deutschland – und kommt das Programm nun endlich in Schwung? Warum Deutschland beim EU-Smart-Meter-Rollout ausstieg Als die EU 2009 mit dem dritten Energiepaket Ziele für den Smart‑Meter‑Rollout festlegte, enthielt das Paket eine Ausstiegsklausel. Zeigte eine Kosten‑Nutzen‑Analyse, dass sich der Einsatz wirtschaftlich nicht lohnt, konnten Mitgliedstaaten sich von der Pflicht befreien lassen. In Deutschland kochten damals die Debatten über Datenschutz. Zusätzliche persönliche Daten im Haushalt zu erfassen, galt als politisch heikel. Die Bundesregierung beauftragte die Beratung Ernst & Young mit einer Kosten‑Nutzen‑Analyse. Die Studie von 2012 kam zu dem Schluss, dass die Installationskosten die möglichen Energieeinsparungen in den Haushalten übersteigen würden. Außerdem seien die lokalen Netze nicht darauf vorbereitet, die Schwankungen von Wind- und Solarstrom zu bewältigen. Empfohlen wurde ein schrittweiser, marktorientierter Rollout statt eines schnellen Ausbaus. 14 Jahre später denkt das Land neu über seine Strategie nach. Der massive Ausbau von Wind- und Solarenergie führt inzwischen häufig zu einem Überangebot. Auf dem Großhandelsmarkt kommt es zu negativen Strompreisen, was Investitionen in weitere erneuerbare Anlagen unattraktiver macht. Hinzu kommt die sogenannte Abregelungsrechnung: Betreiber von Wind- und Solaranlagen schalten ihre Anlagen ab, um Verluste zu vermeiden – oder erhalten Geld vom Staat, wenn sie das tun. 2025 zahlte Deutschland dafür rund 435 Millionen Euro an Entschädigungen. Smart Meter könnten helfen, überschüssigen Strom zu nutzen statt ihn zu verschwenden. Haushalte und Unternehmen könnten von günstigem Strom durch flexible Tarife profitieren. „Es ist schwer, Menschen zu einem flexiblen Verbrauch zu bewegen, wenn sie keinen Smart Meter haben“, sagt Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford. „Spionagezähler“: Sind Smart Meter ein Risiko für die Privatsphäre? Die historische Instrumentalisierung persönlicher Daten in Deutschland macht viele Bürger besonders misstrauisch gegenüber Datenweitergabe. Diese Skepsis überträgt sich auch auf Smart Meter. „Es gibt viel Skepsis gegenüber Smart Metern – berechtigt oder nicht – vor allem beim Thema Datenweitergabe und Privatsphäre“, sagt Rosenow. „In den Medien war häufig zu lesen, Smart Meter würden dazu genutzt, die Menschen auszuspionieren.“ Schlagzeilen über „Spionagezähler“ im Keller, die Bewohner zum „gläsernen Menschen“ machen, schürten die Angst vor überflüssiger Überwachung. Doch wie berechtigt sind diese Sorgen? „Intelligente Stromzähler können grundsätzlich sehr detaillierte Daten zum Verbrauch eines Haushalts liefern“, sagt der IT‑Sicherheitsexperte Dr. Christoph Sorge, Professor für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes. In der Praxis werden diese Details jedoch nicht erhoben. Smart Meter erfassen in der Regel nur alle 15 Minuten Daten, nicht im Sekundentakt. „Auch diese Daten sind noch präzise genug, um zu erkennen, wann Geräte wie Waschmaschinen, Trockner oder Durchlauferhitzer laufen. Man kann daraus ableiten, ob jemand im Haushalt anwesend ist oder nicht“, sagt Dr. Sorge gegenüber Euronews Earth. Ein unbefugter Zugriff auf diese Daten könnte theoretisch dazu führen, dass sie missbräuchlich genutzt werden – etwa von Versicherungen, Werbefirmen, Strafverfolgern oder Kriminellen. „Wie bei jedem Computer besteht zumindest theoretisch das Risiko, dass Angreifer die Geräte so manipulieren, dass sie detailliertere Daten senden, als eigentlich vorgesehen“, erläutert Dr. Sorge. Das Worst‑Case‑Szenario hat sich aus seiner Sicht seit der Kritik von 2012 kaum verändert. Er hält es heute jedoch für weniger wahrscheinlich, weil die EU und die Mitgliedstaaten den Datenschutz für Smart Meter deutlich verschärft haben. Wie Smart Meter vor Angriffen geschützt werden Seit der ersten Welle der Kritik 2012 haben sich sowohl der Datenschutz als auch die Regeln zur Cybersicherheit deutlich weiterentwickelt. Aus einer unverbindlichen EU‑Empfehlung zum Schutz der Smart‑Meter‑Daten ist ein verbindlicher Rechtsrahmen geworden. Die unerlaubte Verarbeitung von Smart‑Meter‑Daten kann heute mit hohen Bußgeldern nach der Datenschutz‑Grundverordnung geahndet werden. Smart‑Meter‑Gateways fallen zudem unter den EU‑Cyber Resilience Act, der Sicherheit „by design“ und eine verpflichtende Meldung von Vorfällen vorschreibt. „Kritische Produkte“ wie Smart Meter müssen bis Dezember 2027 vollständig konform sein. Deutschland geht noch weiter. Das Messstellenbetriebsgesetz schreibt eine Sicherheitszertifizierung für Smart Meter vor. Das BSI, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, verlangt außerdem, dass die Daten lokal verarbeitet und verschlüsselt werden. Standardmäßig dürfen nur für die Abrechnung notwendige Werte weitergegeben werden. „Insgesamt gibt es inzwischen einen sehr umfassenden Rechtsrahmen, der einen hohen technischen Schutz für Smart Meter verlangt“, sagt Dr. Sorge. „Ich halte Sicherheits- und Datenschutzbedenken heute nicht mehr für ein besonders großes Problem.“ Mehr Sicherheit bremst den Rollout und erhöht die Kosten Deutschland liegt deutlich hinter seinem Ziel zurück, bis 2032 in 90 Prozent der gesetzlich verpflichteten Haushalte Smart Meter einzubauen. Viele Messstellenbetreiber haben bereits die Zwischenziele für 2025 verfehlt. Die strengen Zertifizierungsvorgaben bremsen den Rollout und treiben die Kosten in die Höhe. Politik und Branche diskutieren deshalb ein „Smart Meter Light“. Dieses abgespeckte Gerät soll Verbrauchsdaten übermitteln und dynamische Tarife ermöglichen, verfügt aber nicht über die Steuertechnik, um Geräte aus der Ferne ein- oder auszuschalten und so automatisch zu sparen. Vorangebracht hat die Idee die Smart‑Meter‑Initiative (SMI), ein Bündnis aus vier digitalen Ökostromanbietern – Octopus Energy, Tibber, Rabot Energy und Ostrom. Ihr Geschäftsmodell beruht auf dem Verkauf dynamischer Tarife an genau jene Haushalte, die wegen des langsamen Rollouts bislang außen vor bleiben. Die Initiative fordert, dass die abgespeckten Geräte nicht denselben strengen Sicherheitsvorgaben unterliegen wie vollwertige Smart Meter. Die deutsche Koalitionsregierung hat das Konzept in ihr Reformpaket vom Juli 2026 für Haushalte außerhalb des Pflichtrollouts aufgenommen. Sie betont jedoch, dass es um ein vereinfachtes, günstiges und zugleich cybersicheres Gerät geht – nicht zwingend um gelockerte Zertifizierungsvorschriften. Kritiker warnen, jede Abweichung von den bestehenden Sicherheitsstandards berge Risiken. „Ohne einheitliche Standards landen wir im Chaos“, sagt Frank Borchardt vom technischen Regelwerk VDE FNN. Er plädiert dafür, vorhandene Lösungen besser zu nutzen, etwa ein gemeinsames Smart‑Meter‑Gateway für mehrere Zähler in einem Mehrfamilienhaus. Andere sehen das anders. Andy Bradley von der Energieberatung LCP Delta bezeichnet Smart Meter Light als „wichtigen Anstoß, um dynamische Tarife und mehr Flexibilität in deutschen Haushalten zu ermöglichen“. Lohnen sich Smart Meter finanziell? Trotz steigender Sicherheitskosten ist das wirtschaftliche Potenzial von Smart Metern beträchtlich. „Im Vereinigten Königreich, wo es viele flexible Tarife und Smart Meter gibt, lassen sich 20 bis 30 Prozent sparen, wenn man sein E‑Auto flexibel lädt oder die Wärmepumpe flexibel nutzt – etwa durch Vorheizen oder Vorkühlen“, sagt Rosenow. „In Deutschland ist das ohne Smart Meter schlicht nicht möglich.“ Schon eine teilweise Verschiebung des Verbrauchs bringt viel. Eine Studie des Thinktanks Agora Energiewende aus dem Jahr 2023 schätzt, dass sich bis 2035 systemweit rund 10 Milliarden Euro pro Jahr sparen ließen, wenn deutsche Haushalte Elektroautos, Wärmepumpen und Batteriespeicher flexibel einsetzen. Davon entfallen etwa 5,4 Milliarden Euro auf geringere Brennstoffkosten und 4,8 Milliarden Euro auf vermiedene Netzausbaukosten. Laut derselben Studie können Haushalte mit dynamischen Tarifen langfristig rund 600 Euro pro Jahr einsparen.

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