Nicht Ökostrom ist teuer, sondern Gas und Steuern
Deutschland hat unter den europäischen Ländern den höchsten Haushaltsstrompreis. Das ist richtig belegt. Falsch ist aber die gängige Erklärung dafür. Oft heißt es, der Strom sei teuer, weil die Energiewende teuer sei. Ein Blick in die offizielle Preisaufschlüsselung zeigt ein anderes Bild. Die Erzeugung selbst ist durch Wind und Sonne inzwischen günstig. Teuer wird der Strom an einer anderen Stelle, und zwar gleich doppelt.
Harald M. Depta ist DEKRA-zertifizierter Experte für Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, Elektromobilität und elektrisches Fuhrparkmanagement. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Was wirklich auf der Rechnung steht
Ein Musterhaushalt zahlt aktuell rund 37 Cent pro Kilowattstunde. Davon entfallen laut BDEW-Strompreisanalyse nur gut 41 Prozent auf Beschaffung und Vertrieb, also auf den Teil, den der Anbieter überhaupt beeinflussen kann. Rund 25 Prozent sind Netzentgelte, knapp 34 Prozent sind Steuern, Abgaben und Umlagen.
Fast sechs von zehn Cent auf der Rechnung sind also staatlich festgelegt und haben mit dem eigentlichen Strommarkt zunächst nichts zu tun. Die oft zitierte EEG-Umlage taucht dabei seit Mitte 2022 gar nicht mehr auf der Rechnung auf, sie wird seither aus dem Bundeshaushalt finanziert. Der Bund bezuschusst inzwischen sogar die Übertragungsnetzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro, was die Netzkosten Anfang 2026 spürbar gesenkt hat. Auch das zeigt: An diesem Preisbestandteil dreht die Politik, nicht der Markt.
Im europäischen Vergleich wird der Unterschied deutlich. Laut Eurostat lag der deutsche Haushaltsstrompreis im zweiten Halbjahr 2025 bei knapp 39 Cent, der EU-Durchschnitt bei rund 29 Cent. Die Differenz erklärt sich kaum durch unterschiedliche Erzeugungskosten. Sie erklärt sich vor allem durch die Höhe von Steuern, Abgaben und Netzentgelten, die von Land zu Land stark variieren.
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Warum die Erzeugung selbst günstig ist
An der Strombörse zählt allein, was eine zusätzliche Kilowattstunde kostet. Wind- und Solaranlagen haben nach der Investition kaum laufende Kosten, ihre Grenzkosten liegen nahe null. Deshalb laufen sie an der Börse immer zuerst. Wie günstig das inzwischen ist, zeigt das Fraunhofer ISE in seiner Studie zu den Stromgestehungskosten: Neue PV-Freiflächenanlagen und Windkraftanlagen an Land produzieren für 4,1 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Ein neues Gaskraftwerk kommt auf 10,9 bis 18,1 Cent, ein neues Kohlekraftwerk auf 15,1 bis 29,3 Cent.
Erneuerbare sind damit nicht nur die günstigste Ökoenergie, sondern die günstigste Kraftwerksart überhaupt in Deutschland. Da sie inzwischen über 60 Prozent der deutschen Stromerzeugung stellen, stehen sie in den meisten Stunden ganz vorne in der Einsatzreihenfolge, der sogenannten Merit Order. Rein rechnerisch müsste der Strompreis an vielen Stunden also sehr niedrig sein. Genau das passiert an der Börse auch immer häufiger, 2025 war der Preis an über 570 von 8760 Stunden sogar negativ.
Wie Gas den Preis für alle bestimmt
Der Haken liegt im Preisbildungsverfahren selbst. An der Strombörse bestimmt nicht der Durchschnitt aller Kraftwerke den Preis, sondern das letzte, teuerste Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch gebraucht wird. Reichen Wind und Sonne nicht aus, springen Gaskraftwerke ein. Und dieses teuerste Kraftwerk setzt über das sogenannte Einheitspreisverfahren den Preis für alle, auch für den günstigen Windpark nebenan. Genau das war 2022 zu beobachten.
Als der Gaspreis wegen des russischen Angriffskriegs auf rund 235 Euro pro Megawattstunde kletterte, schoss der Strompreis mit hoch, obwohl viel erneuerbarer Strom ins Netz floss. Die günstige Erzeugung wurde von den teuren Grenzkraftwerken förmlich überstrahlt. Für Betreiber von Solar- und Windparks bedeutet das im Umkehrschluss: Sie profitieren vom hohen Marktpreis in teuren Stunden, verdienen aber in sonnen- und windreichen Stunden immer weniger, weil dann viele Anlagen gleichzeitig einspeisen und der Preis gegen null oder ins Negative rutscht. Auch das ist eine Folge derselben Preisbildung, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Zwei Baustellen statt einer
Die Behauptung, Ökostrom mache Strom teuer, hält den Zahlen nicht stand. Erneuerbare Energien drücken den Börsenpreis, sobald sie ausreichend verfügbar sind. Teuer wird Strom aus zwei anderen Gründen:
Erstens durch den hohen staatlichen Anteil aus Steuern, Abgaben und Netzentgelten, der unabhängig vom Erzeugungsmix anfällt.
Zweitens durch das Marktdesign selbst, das fossile Grenzkraftwerke immer dann zum Maßstab für alle macht, wenn erneuerbare Energien allein nicht reichen.
Wer die Ursache verstehen will, muss also auf zwei Baustellen schauen: die Steuerlast auf der Rechnung und die Rolle von Gas als Preissetzer an windschwachen, sonnenarmen Stunden.
Was Sie konkret tun können
Bei der nächsten Preiserhöhung Ihres Stromanbieters lohnt sich eine gezielte Nachfrage: Welcher Anteil des neuen Preises entfällt auf Beschaffung und Vertrieb, und welcher auf Netzentgelte sowie Steuern und Abgaben? Anbieter sind zur Auskunft verpflichtet. So sehen Sie schwarz auf weiß, ob wirklich der Markt oder eher die staatlich festgelegten Bestandteile für die Erhöhung verantwortlich sind.